Zeitzeugin: Anni Behl-Harbsmeiers Erinnerungen an den Hungerwinter 1946 /47 wurden veröffentlicht. - © Foto: Nicole Sielermann
Zeitzeugin: Anni Behl-Harbsmeiers Erinnerungen an den Hungerwinter 1946 /47 wurden veröffentlicht. | © Foto: Nicole Sielermann

Bad Oeynhausen „Nie wieder Maisbrot“

Hungerwinter 1946/1947: NW-Leserin Anni Behl-Harbsmeier (84) erinnert sich an Schneemassen, Eintopf und Ziegenbutter. Buch ab sofort bei der NW erhältlich

Nicole Sielermann

Bad Oeynhausen. Eintönig, so beschreibt Anni Behl-Harbsmeier (84) das Essen im Winter 1946/1947. „Einen solchen Überfluss wie heute, den gab es nicht", erinnert sich die Bad Oeynhausenerin. Einen richtigen Hungerwinter aber wohl auch nicht. Zumindest nicht auf dem Dorf. „Wir waren Selbstversorger", erzählt die 84-Jährige. Wir, das waren damals Anni und ihr Bruder, ihre Mutter und die Großeltern. Letztere hatten einen kleinen Bauernhof, ein bisschen Land und Ziegen. Für die Familie damals die Rettung. Anni Behl-Harbsmeier hat sich als Zeitzeugin gemeldet. Ihre Geschichte ist eine von insgesamt 17, die im neuen NW-Buch „Hungerwinter 1946/1947" erschienen ist. Denn zwischen November 1946 und März 1947 erlebten die Menschen einen der kältesten Winter des 20. Jahrhunderts. Schon im November sinken die Temperaturen unter Null. Anfang Dezember beginnt eine zweite Frostwelle und auch im Januar werden neue Minusrekorde gemessen. Die Kälte ist nicht nur grimmiger als gewöhnlich, sie dauert auch quälend lange an. In Deutschland kämpfen vor allem die Bewohner der zerbombten Städte mit dem Hunger. Im April 1947 kommt der ersehnte Frühling und mit ihm das Ende der großen Kälte. „Die Flüchtlinge aus dem Ruhrgebiet hatten es schwerer als wir", weiß Anni Behl-Harbsmeier. „Die hatten wirklich nichts zu essen", erinnert sich die Bad Oeynhausenerin. Und so gab Annis Mutter von dem wenigen auch noch was ab: „Sie hat Brote für die Nachbarin und die Kinder geschmiert." Die Situation dort sei schon sehr schlimm gewesen. Bei Annis Familie sah das dank der Ziegen etwas besser aus: „Wir haben uns von Ziegenmilch und Pudding ernährt." Und von dem, was Mutter und Oma den Sommer über eingekocht hatten. Birnen beispielsweise. Der Baum im Garten hatte ordentlich getragen. Und so kochten Mutter und Oma Birnen-Eintopf auf Vorrat. „Außerdem durften wir offiziell ein Schwein schlachten." Doch den Großteil der Woche gab es Maisbrot mit Rübenkraut. „Wir wurden nicht gefragt, was wollt ihr essen", winkt Anni Behl-Harbsmeier ab. „Das schmeckte ekelig – ich wollte nie wieder Maisbrot essen." Ein Vorsatz, den die 84-Jährige durchgehalten hat. Rübenkraut aber schmeckt ihr immer noch. „Ekelhaft war auch die Ziegenbutter, die war so streng, die konnte man eigentlich nicht essen." Von der bekam auch die Tante in Volmerdingsen etwas ab. „Die hatten kein Land, kein Vieh – die haben wir mitversorgt." Im Vorratsraum der Großeltern lagerte aber auch ein Sack Mehl. „Das Getreide hatte Opa im Sommer mit der Sense gemäht und dann gedroschen. Den vollen Sack packte er aufs Fahrrad und brachte ihn zur Mühle." Und vom eingelagerten Mehl wurde dann den Winter über Brot gebacken – für die Nachbarn mit. „Wir haben auch viel gekungelt – und zum Beispiel im Dorf Eier gegen Salz und Zucker getauscht", erinnert sich Anni Behl-Harbsmeier. ´ Das Buch „Der Hungerwinter 1946/1947 – Wie wir der Eiseskälte und dem Hunger trotzten" ist in der NW-Geschäftsstelle zum Preis von 14,95 Euro erhältlich. Ebenfalls erhältlich in einer zweiten Auflage ist „Friedliches Fest. Die erste Nachkriegsweihnacht 1945 in OWL. Zeitzeugen berichten", 14,95 Euro.

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