Referent: Hans-Walter Schmuhl hält einen Vortrag am 75. Jahrestages des ersten Abtransportes der Wittekindshofer Bewohner 1941. Foto:ANke Marholdt - © Anke Marholdt
Referent: Hans-Walter Schmuhl hält einen Vortrag am 75. Jahrestages des ersten Abtransportes der Wittekindshofer Bewohner 1941. Foto:ANke Marholdt | © Anke Marholdt

Bad Oeynhausen Der Wittekindshof und die NS-Euthanasie

Ein Vortrag 75 Jahre nach dem Abtransport von 958 Bewohnern und dem Mord an mehr als 400 Menschen

Bad Oeynhausen-Volmerdingsen. Am Freitag, 28. Oktober, um 18 Uhr, referiert Professor Dr. Hans-Walter Schmuhl in der Wittekindshofer Kapelle in Bad Oeynhausen-Volmerdingsen (Kapellenweg 5) unter dem Titel „’Kritische Tage erster Ordnung’ – Der Wittekindshof und die NS-Euthanasie“. Der Vortrag findet auf den Tag genau 75 Jahren nach dem Tag statt, an dem erstmals die grauen Busse der sogenannten Gemeinnützigen Krankentransportgesellschaft (GEKRAT) in den Wittekindshof gekommen waren. Am 28. Oktober 1941 hatten sie 140 Personen nach Marsberg gebracht. In den nachfolgenden Tagen folgten weitere Transporte auch nach Lengerich, Warstein, Aplerbeck und Gütersloh. Insgesamt mussten im Herbst des Jahres 1941 958 Bewohnerinnen und Bewohner den Wittekindshof verlassen. Viele wurden weiter verlegt und kamen in Einrichtungen, in denen Menschen systematisch durch Essensentzug, Medikamente oder Vernachlässigung gestorben sind. Von den 958 Bewohnern, die im Herbst 1941 abtransportiert wurden, sind 358 nachweislich und weitere 55 Personen mit hoher Wahrscheinlichkeit den nationalsozialistischen Tötungsaktionen von Menschen mit Behinderung zum Opfer gefallen. Sechs weitere Menschen wurden bereits 1940 als Juden verschleppt und in den Gaskammern des ehemaligen Zuchthauses Brandenburg an der Havel ermordet. Die berüchtigten Meldebögen der sogenannten Aktion T4 waren im Sommer 1940 im Wittekindshof eingetroffen. Auf Anraten der Bezirksregierung wurden sie ausgefüllt, aber nicht abgeschickt. Als dann im Juni 1941 eine Ärztekommission aus Berlin in den Wittekindshof gekommen ist, mussten die Meldebögen herausgegeben werden. Der damalige Leiter des Wittekindshofes, Pastor Theodor Brünger, fasste seine Sorgen in einem Brief in klare Worte: „Wir müssen schwere Verluste befürchten, wenn nicht die Aktion abgestoppt wird.“ Hans-Walter Schmuhl ist ein in ganz Deutschland und darüber hinaus anerkannter Experte für Diakoniegeschichte und die nationalsozialistische Verfolgung von Menschen mit Behinderung, wozu er zahlreiche wissenschaftliche Studien erarbeitet hat. Dazu gehören auch die beiden Bücher zur kritischen Aufarbeitung der Geschichte der Diakonischen Stiftung Wittekindshof, die er zusammen mit Ulrike Winkler 2011 und 2012 vorgelegt hat.

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