Hochwasser Februar 1946 - © Stadtarchiv
Hochwasser Februar 1946 | © Stadtarchiv

Bad Oeynhausen „Die Hühner kamen auf den Boden“

Zeitzeugen Jahrhundert-Hochwasser: Hanna Busse lebte tagelang auf einer Warft, Erika Kaspar hatte ein Schwein im Flur, Fritz Kruse klaute ein Feuerwehr-Schlauchboot und Günter Busse erinnert sich an einen riesigen See

Nicole Sielermann

Bad Oeynhausen. Bis an die heutige Bundesstraße 61 hat das Wasser in Dehme damals gestanden. Höher als jemals zuvor. Und höher als in all den Jahren danach. 70 Jahre sind seit dem Jahrhundertstand von 7,90 Meter am Sonntag, 10. Februar 1946, vergangen. Doch das Wasser hat sich tief eingegraben in die Erinnerungen der damals Jugendlichen und jungen Erwachsenen. NW-Leser erinnern sich. HANNA BUSSE Gummistiefel? Hatte kaum jemand im Februar 1946. „Nur Holzken", sagt Hanna Busse. „Da floss das Wasser hinten rein." Die 84-Jährige erlebte vor 70 Jahren das Hochwasser hautnah mit. Der heimische Hof im Dehmer Lohbusch steht auch heute noch nur wenige hundert Meter von der Weser entfernt. Hochwasser, das kennen sie, die Menschen entlang der Weser. „Aber so hoch, dass das Wasser nahezu einen halben Meter im Haus stand – das haben wir zum Glück nie wieder erlebt." 14 Jahre war die Dehmerin alt, als das Wasser immer höher stieg. „Das kam so schnell, da hat keiner mit gerechnet." Und weil die Edertalsperre im Zweiten Weltkrieg 1943 von den Alliierten zerbombt worden war, hielt nichts die Wassermassen auf. Das Wasser rauschte durch. Und breitete sich rechts und links der Weser aus. „Damals gab’s hier fast nur Wiesen und die waren alle umzäunt. Die Pfähle waren an manchen Stellen gar nicht mehr zu sehen." Für die Feuerwehr Dehme, die mit dem Boot zu den Eingeschlossenen unterwegs war, nicht ungefährlich. Acht Höfe und zwei Häuser gab es damals im Lohbusch an der Weser. Drei von ihnen – Wilkening, Beek und Freimuth – lagen von den anderen getrennt. Zusammen mit Mutter Anna Wilkening und Schwester Martha wohnte Hanna Busse allein auf dem Hof. „Unser Haus lag von allen am niedrigsten und wir hatten das Wasser im Haus und im Stall." Selbst der Herd in der Küche versank in den Fluten, Kochen war unmöglich. Hilfe kam aus der Nachbarschaft. „Beeks haben unser Vieh genommen, es gefüttert und gemolken – wir kamen ja nicht raus." Nachts sei dann jemand aus dem Ort mit im Haus geblieben: „Es wusste ja niemand, wie hoch das Wasser noch steigt." Kartoffeln und Einmachgläser kamen auf den Boden, die Hühner ebenfalls. „Wenn Frost gekommen wäre, hätten wir keine Vorräte mehr gehabt", erinnert sich die 84-Jährige an die Sorgen der Mutter. Wie lange das Wasser im Haus stand – Hanna Busse weiß es nicht mehr. Aber: „Das Schlimmste war der Schlamm, der zurückblieb." Den habe man nicht einfach rausschieben können. „Den haben wir mit der Plattschüppe in die Schubkarre gefüllt." ERIKA KASPAR Ein Rauschen beunruhigte die bettlägerige Oma. Und als der Opa von Erika Kaspar nachschauen wollte, kam ihm an der Kellertür bereits das Essigfass entgegengeschwommen. „Wir wohnten damals an der Eidinghausener Straße Nummer 184 – das war drei Häuser von der Flutmulde entfernt", erzählt die 79-Jährige. Ihren Großeltern gehörte das Kolonialwarengeschäft Schäffer, das die Tante und ihre Mutter führten. „Mein Vater war im Krieg gefallen und ich war mit meiner Mutter und meiner kleinen Schwester zurück zu meinen Großeltern gezogen." Binnen kürzester Zeit stand das Wasser so hoch, dass der Gasherd nicht mehr zu sehen war. „Das Sofa kam auf den Küchentisch, das Schwein in den ersten Stock", sagt Erika Kaspar. Mit einer alten quergestellten Tür sei sein Bereich abgesteckt worden. „Es hatte dort alle Tapeten zerkratzt", sagt die 79-Jährige schmunzelnd. Ein Erlebnis, das in Erinnerung geblieben ist. Mit dem Schlauchboot wurde die Familie aus dem Haus geholt und blieb einige Tage im Autohaus Blöbaum. „Das waren Bekannte." Von dort aus habe man auch sehen können, wie sich die Behelfshäuser am Schwarzen Weg selbstständig gemacht hätten. „Wir hatten den Eindruck, da schwimmt eines weg." FRITZ KRUSE Während Fritz Kruse mit seinen Eltern von der Straße aus einen wachsamen Blick auf die Werre hatte, bemerkte niemand, was sich auf der Rückseite des Prinzenwinkels abspielte. „Wir wohnten im Prinzenwinkel Nummer 339, das war das Rathaus direkt an der Werre und dort war mein Vater Hausmeister." Zusammen mit seinem Vater war Fritz Kruse im Februar 1946 auch in den Keller unterwegs. „Meine Mutter machte sich Sorgen um unsere Einmachgläser und wir sollten sie rausholen." Doch soweit kam es nicht mehr. Denn zeitgleich mit dem Familie Kruse kam auch das Wasser im Keller an. „Drei Kellerfenster klappten gleichzeitig auf und es stürzte wie ein Wasserfall in den Keller", erinnert sich der 80-Jährige. Der Vater habe noch schnell die Kellertür aufgerissen. „Das Wasser kam nicht wie vermutet aus der Werre über die Straße sondern von hinten – weil ein Damm gebrochen war", erklärt Kruse. Mit Schlauchbooten der Feuerwehr seien Lebensmittel gebracht worden, Brot, Milch und Butter. „Und ein Boot brachte Trinkwasser." Die Boote hatten es Fritz Kruse besonders angetan. Der damals Zehnjährige klaute nämlich eins und versteckte es auf dem Rathausboden hinterm Schornstein. „Das wurde damals von Feuerwehr und Polizei gesucht. Das war zu der Zeit wertvoll." Nachdem einige Monate verstrichen waren, holte Kruse das boot aus dem Versteck. „Zusammen mit meinen Freunden bin ich dann über die Werre geschippert – und in den Gärten haben wir Äpfel und Rüben geklaut", erzählt er verschmitzt. GÜNTER BUSSE „Von der Dehmer Straße bis nach Vennebeck – das war alles ein großer See. Unvorstellbar", sagt Günter Busse. Der 81-Jährige wohnte damals an der Ecke Lohbuscher Weg/Dehmer Straße und hatte das Wasser gute 30 Meter hinterm Haus stehen. „Ganz Unterdehme war überflutet", erinnert er sich. Ein Nachbar, drei Häuser weiter, habe noch mit Schnellbinderzement Steine vor der Kellertür vermauert – gerade noch rechtzeitig. „In der Nacht kam das Wasser." Selbst auf der westlichen Seite der Dehmer Straße, dort wo heute der Denios Parkplatz liegt, habe 1946 das Wasser gestanden. Die alte Schule war geschlossen, dort stieg stattdessen die Feuerwehr ins Schlauchboot, um die Höfe an der Weser zu erreichen. „Bei uns wohnte ein Kriegsrückkehrer, der als Knecht auf dem Hof Kruse im Lohbusch, wo heute das Bauerncafé ist, gearbeitet hat", erzählt Günter Busse. Der sei jeden Morgen ins Boot gestiegen, um zur Arbeit zu kommen. „Auf dem Hof wurde das ganze Stroh vom Boden geholt und auf der Diele und in den Ställen verteilt. Dadurch wurde alles höher gezogen und verhindert, dass das Vieh ertrinkt. „Das stand schon im Wasser und wurde so gerettet", hat Busse damals erfahren.

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