Mobiles Lager: Marco Rzeski von der Firma Koch aus Gohfeld sucht im Firmenauto nach dem richtigen Ersatzteil - und im Internet. - © Ulf Hanke
Mobiles Lager: Marco Rzeski von der Firma Koch aus Gohfeld sucht im Firmenauto nach dem richtigen Ersatzteil - und im Internet. | © Ulf Hanke

Bad Oeynhausen Handwerk und Unternehmen rüsten unterschiedlich für die digitale Zukunft

Themenschwerpunkt Breitband: Wirtschaft 4.0 im Fokus

Ulf Hanke

Bad Oeynhausen/Löhne. In schwindelerregender Höhe reicht ein Zuruf, dann rollen die neuen Dachziegel ran. Dachdeckermeister Dirk Remmert aus Löhne hat gut zu tun. Trotz Winter sind seine Auftragsbücher gut gefüllt und die Kommunikation mit den Kunden funktioniert ganz ohne schnelle Internetleitung. Remmert verzichtet auf eine eigene Internetseite. Doch immer mehr Handwerksbetriebe und Unternehmen im Werretal rüsten für die Zukunft, in der alle mit allen vernetzt sind: Wirtschaft 4.0. Marco Rzeski, Inhaber der Klempnerei Koch, hat schon lange einen digitalen Kommunikationskanal geöffnet. Derzeit kommen noch 80 Prozent der Aufträge übers Telefon. „18 Prozent der Kunden schauen direkt vorbei und nur zwei Prozent gehen übers Internet", schätzt Rzeski. Dennoch aktualisiert er sein Angebot an Kloschüsseln, Armaturen und anderem Sanitärbedarf jede Nacht über die Datenbank seines Großhändlers. Klicken Sie auf das Bild, um zum Dossier über das Internet in Löhne und Bad Oeynhausen zu gelangen. Das ist auch nötig, denn seine Kunden sind gut informiert. Sie vergleichen die Preise, bevor sie sich entscheiden. Das Internet macht’s möglich. Außerdem ist seine eigene Lagerlogistik durch den Internetanschluss stets aktuell. Rzeski weiß so genau, welchen Flansch er liegen hat und welchen er nachordern muss. Als im Sommer immer wieder mal die Leitungen ringsum den Kohlenhof in Melbergen gestört waren, weil die Telekom für schnelles Internet daran herum werkelte, haben sich einige Kunden besorgt erkundigt, ob es die Firma noch gibt. Rzeski: „Wir waren teilweise auch über Telefon nicht erreichbar." Solche Kommunikationsprobleme hat der Dachdeckermeister Dirk Remmert natürlich nicht. „Eigentlich", sagt er, „brauche ich nur ein Fax." Die Digitalstrategien der Handwerker sind überaus unterschiedlich. Das weiß auch die Handwerkskammer Ostwestfalen-Lippe zu Bielefeld. Geschäftsführer Wolfgang Borgert kommentiert das mit einem salomonischen Satz: „Nicht jeder braucht schnelles Internet, das ist wahr. Aber auch nicht jeder ahnt, dass er es braucht." Mit Auftraggebern rund um die Uhr vernetzt Bei Bäckern und Dachdeckern steht die Zukunft womöglich noch nicht auf der Matte. Doch bei den Zuliefererbetrieben der Möbelindustrie ist sie längst angebrochen. Sie sind mit ihren Auftraggebern rund um die Uhr vernetzt, die Maschinen kommunizieren miteinander, Bedarfe werden digital abgestimmt. „Jeder Stillstand kommt diese Handwerksbetriebe teuer zu stehen", sagt Borgert. Er plädiert für eine Priorisierung beim Ausbau des schnellen Internets: „Es ist Aufgabe der Städte und Gemeinden, einen Masterplan zu entwerfen." Bäcker und Möbelzulieferer brauchten dabei unterschiedliche Infrastrukturen. Die „digitale Reife" der Betriebe liege im Schnitt bei 30 Prozent aller Unternehmen, so Borgert und bezieht sich auf Erkenntnisse der Wirtschaftsberatung Roland Berger. Die Gesundheitsbranche marschiert vorweg. Das Herz- und Diabeteszentrum (HDZ), Bad Oeynhausens größte Klinik, hat seit sechs Jahren eine Glasfaserverbindung ins weltweite Datennetz und nach Auskunft von Sprecherin Anna Reiss zuletzt im Sommer weiter in schnelleres Internet investiert. Seitdem ist eine zweite Glasfaserleitung (100 Mbit pro Sekunde) über einen zweiten Hausanschluss in Betrieb. So wurde die Kapazität verdoppelt. Steute hat neue Leitungen gebucht Der Ausbau ist in erster Linie jedoch eine Kostenfrage. Wenn die Infrastruktur da ist, ist schnelles Internet preiswert. Im Gewerbegebiet an der Brückenstraße in Gohfeld zum Beispiel war die Infrastruktur lange nicht vorhanden. Auf der Versorgungskarte der Telekom klafften lange links und rechts von der Straße große, weiße Flecken. Seit Sommer ist das anders. Und bei der Firma Steute, Weltmarktführer für medizinische Schalttechnik, ruckeln seitdem die Bilder der Videokonferenz auch nicht mehr. Steute hat neue Leitungen gebucht, und Sprecher René Scherer sagt: „Wir haben jetzt 40 Mbit pro Sekunde garantiert und sind damit zufrieden." Steutes Onlineshop wird 24 Stunden, sieben Tage in der Woche aktualisiert. Vernetztes Arbeiten wird aber auch in der Produktion immer wichtiger. Das produziert weiteren Datenverkehr. Die neuen Leitungen haben jedoch noch „Luft nach oben", so Scherer. Die freien Kapazitäten könnten womöglich bald gebraucht werden, glaubt der Steute-Sprecher: „Die Smart Factory ist die Zukunft."

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