Gestenreich: Der fernsehbekannte Schauspieler Joachim Król bei seiner Lesung im Theater im Park. FOTO: ELKE NIEDRINGHAUS-HAASPER - © Elke Niedringhaus-Haasper
Gestenreich: Der fernsehbekannte Schauspieler Joachim Król bei seiner Lesung im Theater im Park. FOTO: ELKE NIEDRINGHAUS-HAASPER | © Elke Niedringhaus-Haasper

Bad Oeynhausen Joachim Król begeistert mit Alessandro Bariccos „Seide“ im Theater im Park

Außergewöhnlicher Theaterabend: Der Schauspieler und das Jazztrio „South of the border“ fesseln das Publikum von der ersten bis zur letzten Minute

Elke Niedringhaus-Haasper

Bad Oeynhausen. Da ist sie wieder. Diese Stimme. Die dem Kommissar Frank Steier aus dem Tatort gehört, dem schwulen Norbert Brommer aus dem „Bewegten Mann" und dem Schriftstellers Jakob Windisch aus „Rossini". Sie ist schon da, bevor der Mann selbst überhaupt auf die Bühne im Theater im Park tritt. Denn die erste Textsequenz, die Joachim Król aus dem Bestseller „Seide" liest, kommt vom Band. Zwei Stunden lang fesselt die Stimme des fernsehbekannten Schauspielers neben einer geschmeidigen Liebesgeschichte, feinster Schauspielkunst und einer außergewöhnlichen Band das Publikum. Und nimmt die Gäste mit auf eine spannende Reise bis ans Ende der Welt. Bis genau dorthin, wo Autor Alessandro Baricco Ende des letzten Jahrhunderts seine Hauptfigur geschickt hat: Den Franzosen Hervé Joncour, der nach Japan reist, um Seidenraupen zu besorgen und dort einer geheimnisvollen Frau begegnet, die ihn allein durch ihren Blick magisch anzieht. Unter der Regie von Martin Mühleis zelebriert Joachim Król die Geschichte so facettenreich und so fein gewebt wie die Seide selbst, um die es hier nebenbei auch geht. Nicht nur als begnadeter Vorleser mit markanter Stimme, sondern auch als mitreißender Schauspieler. Es dauert keine Minute und aus dem Text wird ein Film. Das Publikum sieht, wie Joachim Król als französischer Unternehmer Baldabiou die erloschene Zigarette zwischen den Lippen hält und ein Bild weiter das bunte Seidentuch federleicht in der Hand schweben lässt. Wie sich Hervé Joncour wie ein Wurm unter dem Gewehr windet, dass der japanische Provinzfürst Hara Kei ihm an den Kopf setzt, als er mitbekommt, dass der Franzose sich für seine Gefährtin interessiert. Wie er sich erleichtert kreuzigt, als er nach einer beschwerlichen Japanreise die Tore seiner Heimatstadt wieder erreicht hat. Und ganz besonders gegen Ende der abenteuerlichen Geschichte, als er fast zu zerfließen scheint, als die Bordellbesitzerin Madame Blanche ihm einen Brief von der japanischen Schönheit mit dazu gedichteter erotischer Leidenschaft übersetzt. Es ist nicht nur die Art, wie Joachim Król die Texte zu Bildern werden lässt, sondern auch die Besonderheit mit der er die Pausen dazwischen zelebriert. Das alles wird noch überboten durch das Jazztrio „South of the border", das mit den extra für diesen Abend komponierten Arrangements von Christoph Dangelmann mal den Vorleser nur begleitet, dann wieder den Ton angibt oder einfach nur im Hintergrund Akzente setzt. Gee Hye Lee am Flügel, Ekkehard Rössle mit Klarinette und Saxofon und Dangelmaier selbst am Bass glätten mal die Wogen, heizen die Stimmung an andere Stelle immer weiter an und ergänzen die Geschichte dabei durchweg in perfekter Choreographie. Für Stimmung sorgt auch das Lichtdesign von Birte Horst, der mal ein verschwenderisches Blau über die Musiker gießt und es dann wieder taghell werden lässt, wenn der Erzähler im Fokus steht. Trotz der hohen Erkältungsdichte ist es zwei Stunden lang mucksmäuschenstill im Zuschauerraum, so spannend sind diese Kompositionen – Ein Abend, der sicher zu den Höhepunkten im aktuellen Spielplan gehört. Am Ende gibt es vom Publikum dafür Stakkato-Applaus. Immer wieder muss sich das Ensemble vor dem stehend applaudierenden Publikum verbeugen.

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