Bad Oeynhausen "Löwe von Sindschar" war im Fronturlaub zuhause in Bad Oeynhausen

Familienoberhaupt Kasim Schescho berichtet über den Völkermord an den Jesiden und das Schicksal tausender vom IS versklavter Frauen

Ulf Hanke

Bad Oeynhausen. Für einen Krieger sind 20 Tage Frieden eine kleine Ewigkeit und doch viel zu kurz. Was macht der "Löwe von Sindschar", der wichtigste Anführer der jesidischen Selbstverteidigungseinheiten gegen den Terror des Islamischen Staats (IS) im Nordirak, zuhause im nasskalten Bad Oeynhausen? Kasim Schescho lehnt sich zurück auf der Sofagarnitur im heimischen Wohnzimmer und so etwas wie ein Lächeln huscht über das Gesicht des 63 Jahre alten Familienoberhaupts. Die Antwort ist einfach und kompliziert zugleich. "Familie treffen", sagt Schescho auf Kurmandschi und sein Sohn Adnan übersetzt. Seine Familie lebt seit 25 Jahren in Deutschland, 17 davon in Bad Oeynhausen. Die Kindern wollten den Vater über Weihnachten und Neujahr zu hause sehen. Und der ist gekommen. Für die christlich und bürgerlich geprägte Nachbarschaft in der Kurstadt ist es schon eine logistische Herausforderung, wenn Oma und Opa zu Besuch kommen. Aber ein Stammesführer auf Fronturlaub? Das ist etwas anderes. Heimliche Reise - aus Sicherheitsgründen Schescho hat seine Reise weitgehend geheim gehalten. Aus Sicherheitsgründen. In der Großfamilie hat sich aber herumgesprochen, dass der Patriarch da ist. Angehörige reisen von weither an, um ihn zu treffen. Pausenlos klingelt es an der Tür und Verwandte stehen auf der Matte. Montag war die letzte Gelegenheit, am Dienstag ist Schescho schon wieder mit seinen Söhnen auf dem Weg in den Nordirak. Er wird gebraucht. Dort am Sindschar-Gebirge ist das Stammesgebiet der Scheschos, dort liegen heilige Stätten der Jesiden. Im August 2014 wurde die Region um die Stadt Sindschar von der Terror-Miliz IS überrollt. Schescho hat den Überfall selbst erlebt und erzählt: "Arabische Stammesfürsten haben den Mördern gezeigt, in welchen Häusern Jesiden leben." Ein Verrat, den er nicht vergisst: "Ich kenne die Verantwortlichen", sagt er wenig freundlich. Wer konnte, ist geflohen. Schescho hat seine Leute ins nahe Gebirge geführt und so vor den mordenden Schergen des Islamischen Staats gerettet. Seitdem wird er anerkennend der "Löwe von Sindschar" genannt. Die heiligen Stätten am Fuße des Gebirges haben die Jesiden bloß mit Handfeuerwaffen verteidigt. Erst im November 2015 hat eine Großoffensive kurdischer Kämpfer mit Unterstützung durch amerikanische Luftangriffe die Stadt Sindschar und große Teile des Jesidengebiets vom IS zurück erobert. "Sindschar befreit" lautete die weltweit verbreitete Nachricht. "Das stimmt nicht ganz", sagt Kasim Schescho: "Mehrere jesidische Dörfer sind noch immer in der Hand des IS." Militärische Offensive ist vorerst eingefroren Der Kampf ist also längst nicht vorbei. Die militärische Offensive aber ist vorerst eingefroren, innerhalb der kurdischen Allianz gibt es unterschiedliche Interessen. Schescho muss verhandeln. Der 63-Jährige ist nicht nur Oberhaupt einer Großfamilie, sondern Stammesfürst, ein jesidischer Scheich und Politiker. Und seine Aufgabe ist noch lange nicht erledigt. "Etwa 5.000 Jesiden sind vom IS brutal hingerichtet worden", sagt Schescho und erinnert an das himmelschreiende Verbrechen. Die Vereinten Nationen nennen das Völkermord. Seit der Befreiung im November entdecken die kurdischen Kämpfer immer wieder Massengräber. Dabei ist das Schicksal vieler jesidischer Kinder und Frauen nach wie vor ungeklärt. Sie sind verschwunden. "5.000 Frauen sind vom IS versklavt worden", sagt Schescho. Während er erzählt, zeigt Schescho auf sein Telefon. "Gerade erst hat mich ein arabischer Stammesfürst angerufen", sagt er. Der Araber erzählte Details über den Verbleib von mehreren jesidischen Frauen und wollte helfen - im Gegenzug sollte Schescho ihm seine Schuld erlassen. Doch der hat ihm erklärt, dass er erst einmal Taten sehen wolle: "Dann sehen wir weiter." "Einige Mörder des IS sind auf dem Weg nach Deutschland" Jesiden und Muslime haben früher am Sindschar-Gebirge friedlich zusammen gelebt. Momentan sieht es aber nicht so aus, als wäre das jemals wieder möglich. Die Rückeroberung der Stadt hat auch dazu beigetragen, dass IS-Kämpfer nun selbst die Flucht ergreifen und über den großen Flüchtlingstreck auf dem Balkan nach Europa kommen. "Einige Mörder des IS sind auf dem Weg nach Deutschland", sagt Schescho. Er habe die Namen an die kurdische Militärregierung und den deutschen Geheimdienst weitergegeben. Die deutschen Sicherheitsbehörden würden davon bestimmt erfahren, glaubt er und mahnt: "Verschließt nicht die Augen vor dem, was uns passiert ist, das passiert euch auch." Mit der deutschen Polizei habe er darüber bislang nicht gesprochen. Es habe ihn auch niemand gefragt. Grund zur Sorge um die Sicherheit seiner Familie in Bad Oeynhausen hat Schescho nicht. Er vertraue den deutschen Behörden und außerdem, er zeigt ins Rund der Sofa-Garnitur, wo mehrere seiner Söhne und Neffen sitzen: "Meine Jungs sind stark genug."

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