Zwei Vornamen, ein langer Leidensweg: Dorothea Zwölfer ist eine transsexuelle Frau. In dem blauen Arbeitsausweis der evangelischen Kirche steht Andreas, mit dem neuen Personalausweis ist ihre wahre Identität anerkannt. - © Foto: Nicole Bliesener
Zwei Vornamen, ein langer Leidensweg: Dorothea Zwölfer ist eine transsexuelle Frau. In dem blauen Arbeitsausweis der evangelischen Kirche steht Andreas, mit dem neuen Personalausweis ist ihre wahre Identität anerkannt. | © Foto: Nicole Bliesener

Bad Oeynhausen Ausweis kostet für Bad Oeynhausenerin 1.600 Euro

Transsexuelle kämpft gegen Gutachtenpflicht

Nicole Bliesener

Bad Oeynhausen. Dorothea Zwölfer legt ihre Karten auf den Tisch: Krankenkassenkarte, Bonusheft des Zahnarztes, Sparkassenkarte, Führerschein, die Karte für die KfZ-Versicherung – und den neuen Personalausweis. Für letzteren musste die 50-Jährige 1.600 Euro hinblättern. Der Grund: Sie hat ihren Namen ändern lassen – von Andreas in Dorothea Zwölfer. Für die Namensänderung musste sie zwei Gutachten beibringen. Gegen diese Gutachtenpflicht will die 50-Jährige nun mit einer Petition angehen. „Mein Gehirn ist weiblich“, sagt Dorothea Zwölfer. Immer schon. Im Herbst 2011 hatte sie schließlich ihr Coming-Out gegenüber ihrer Ehefrau. Was für die studierte Theologin in höchstem Maß befreiend war, bedeutete für ihre Ehefrau Claudia, eine gebürtige Bad Oeynhausenerin, einen schweren Schlag. „Die erste Reaktion meiner Frau war dramatisch“, sagt Dorothea Zwölfer. „In kleinen Schritten, ganz allmählich konnte sich meine Frau auf die Situation einlassen.“ An Trennung oder Scheidung habe Dorothea Zwölfer nie gedacht. „Ich liebe meine Frau, ich wollte ihr nicht wehtun, musste ihr aber die Wahrheit sagen.“ Kennen gelernt hatten sich der gebürtige Bayer Andreas und die Bad Oeynhausenerin Claudia beim Theologiestudium in München. Seit 1986 sind sie ein Paar. Beide sind evangelische Pastorinnen in Bayern, teilen sich eine Pfarrstelle. In Bad Oeynhausen haben sie seit vielen Jahren ihren Zweitwohnsitz, verbringen hier ihre freie Zeit. Mit dem Coming-Out ging für Dorothea Zwölfer ein langer Leidensweg zu Ende, allerdings begann eine neue Odyssee durch den Dschungel der Bürokratie.Problemlos bei Sparkasse und Krankenkasse Denn Dorothea Zwölfer wollte ihre neue, wahre Identität schwarz auf weiß haben. Die größte Hürde war dabei der Personalausweis. „Ganz einfach war die Namensänderung bei der Sparkasse Bad Oeynhausen“, erzählt Dorothea Zwölfer. Nicht ganz so einfach lief es bei der Krankenkasse: „Die Namensänderung war problemlos, aber anschließend bekam ich Post von der Krankenkasse – adressiert an Herrn Dorothea Zwölfer.“ Der Grund hierfür ist nicht fehlende Sensibilität, sondern die Sozialversicherungsnummer, die noch die männliche Kennzeichnung enthält. Überraschend tolerant hat Zwölfers Arbeitgeber, die evangelische Landeskirche von Bayern, auf die Offenbarung reagiert. „Im Oktober 2012 habe ich meinen Arbeitgeber informiert“, berichtet Zwölfer. Im April 2013 suchte Dorothea Zwölfer den Weg in die Öffentlichkeit. „Nach einem Gottesdienst habe ich mich vor die Gemeinde gestellt und sagt, dass ich als transsexuelle Frau lebe. Meine Frau saß in der ersten Reihe“, erzählt Dorothea Zwölfer. Die Gemeinde habe „toll reagiert.“ Die Menschen wollten, dass das Pastoren-Ehepaar bleibt. Doch Dorothea Zwölfer bat - in Absprache mit ihrer Frau - um Übertragung einer Sonderpfarrstelle in Landshut. Seit Juli 2013 arbeitet sie nun in Landshut.Krank im Urlaub Unwohl im eigenen Körper hat sich Dorothea Zwölfer seit frühester Kindheit gefühlt. „Ich hab früh gewusst, dass da was nicht passt. Meine Pubertät war verheerend. Beim Sportunterricht in der Umkleide habe ich mich doppelt geniert.“ Tatsächlich aber brauchte es noch Jahrzehnte, ehe sich die Puzzleteile ihrer wahren Identität zu einem Ganzen zusammenfügten. Jahre der Verdrängung. Der Leidensdruck wurde schließlich so groß, dass sie erkrankte. „Das war im Urlaub in Bad Oeynhausen“, sagt Zwölfer. Die wahre Ursache der Erkrankung, die Transsexualität, wurde erst 2011 diagnostiziert. Im Februar 2012 begann sie eine Therapie. Im Januar 2014 wollte sie offiziell ihren Namen ändern und einen neuen Ausweis beantragen. Dafür sind laut dem bundesdeutschen Transsexuellen-Gesetz zwei Sachverständigengutachten beizubringen. „Diese Gutachten kosten je nach Gutachter 600 bis 1.200 Euro“, sagt Dorothea Zwölfer. Die Gutachten müssen von anerkannten Experten erstellt werden. „Und die sind gar nicht so leicht zu finden“, sagt Zwölfer. Der Aufwand für diese Expertisen sei enorm, nicht nur in finanzieller Hinsicht. So musste Dorothea Zwölfer einen detaillierten Lebenslauf erstellen. „Der ist 17 Seiten lang.“ Wie lange die Therapie, die Begutachtung, dauert, hänge vom Therapeuten ab. Am Ende entscheidet ein Richter über die Namensänderung. „Als der Richter sagte: ,Ich stelle fest, vor mir steht eine Frau’ – das war ein unbeschreibliches Gefühl“, erzählt Dorothea Zwölfer. Eine Petition, in der die Namensänderung transsexueller Menschen ohne teure Gutachten gefordert wird, will Dorothea Zwölfer im Februar an Bundesinnenminister Thomas de Maizière schicken. 1.240 Unterschriften hat sie bisher gesammelt.    

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