Der Experte fürs Grüne: Der studierte Agrarwissenschaftler Josef Brinker in Volmersdingsen am Wulferdingsener Bach. - © Nicole Bliesener
Der Experte fürs Grüne: Der studierte Agrarwissenschaftler Josef Brinker in Volmersdingsen am Wulferdingsener Bach. | © Nicole Bliesener

Naturschutz-Serie Streuobstwiese: Obst zum Selbstpflücken

Streuobstwiesen in den Stadtteilen haben mehrere Funktionen. Dieses Projekt ist eines von vielen, das Josef Brinker betreut. Der studierte Agrarwissenschaftler ist bei der Stadt seit 1994 für die Grünflächenerhaltung zuständig

Nicole Bliesener

Bad Oeynhausen. Josef Brinker setzt auf Ausgewogenheit. „Im Naturschutz gibt es kein gut oder böse, kein schwarz oder weiß", sagt Brinker, der seit 1994 bei der Stadt Bad Oeynhausen für die Grünflächenerhaltung zuständig ist. In seinem beruflichen Werdegang hat Josef Brinker im Umgang mit der Natur und unserer Umwelt mehrere Seiten kennengelernt. Und dieses Wissen hilft beispielsweise bei der Vermittlung – etwa, wenn sich Landwirte und Naturschützer uneins sind. Schützenswert Seine Aufgaben leiten sich aus dem 1995 vom Rat der Stadt beschlossenen Landschaftsentwicklungsplan ab. Zur Aufgabe hat sich Brinker etwa das städtische Feuchtwiesenprogramm und das Streuobstwiesenkonzept gemacht. Die Kurstadt hat den Landschaftsentwicklungsplan damals als erste im Mühlenkreis aufgestellt. Und heute – 23 Jahre später – haben lediglich vier weitere Kommunen im Kreis Minden-Lübbecke einen solchen Plan. „Im Landschaftsplan sind die Entwicklungsziele für die Stadt definiert, er ist auch maßgeblich für die Bauleitplanung und die Flächennutzungsplanung", erläutert Josef Brinker. Zuletzt aktualisiert wurde der Plan im Jahr 2007. Dort sind die schützenswerten und wertvollen Bereiche aufgeführt – etwa die fünf Naturschutzgebiete im Stadtgebiet, die vier Landschaftsschutzgebiete und die 25 Naturdenkmäler. „Auch Landschaftsbestandteile außerhalb der Schutzgebiete wie der Kappenberg, die Brinkwiese, der Flachssiek sind Bestandteile des Plans", fügt Brinker hinzu. Kein Mann der Verwaltung Ein ausgewiesener Verwaltungsfachmann ist Josef Brinker nicht. „Das Verwaltungswissen habe ich mir erst später drauf gepackt." Der Bad Oeynhausener Grünflächenexperte stammt von einem Bauerhof in Südoldenburg. Sein Vater war mit Leib und Seele Landwirt – und so absolvierte auch Sohn Josef nach dem Abitur eine Ausbildung in der Landwirtschaft. Doch den vorgezeichneten Weg ging Josef Brinker nicht weiter, denn während seines Wehrdienstes hatte Brinker junior ein Schlüsselerlebnis: Die Flurbereinigung – ein großes Thema Ende der 70er Jahre – machte auch vor dem Dorf in Südoldenburg nicht halt. „Ich kam vom Bund nach Hause, sah meinen Vater auf einen Schaufelstiel gestützt auf dem Hof stehen. Als am Bach eine Reihe alter Eichen gefällt wurde und die Bagger anrollten, fragte mein Vater mich: ’Junge, ob das alles richtig war?’". Alle Landwirte im Dorf hätten dafür gestimmt, die Zweifel seien ihnen zu spät gekommen, erinnert sich Josef Brinker an dieses die Landschaft komplett verändernde Ereignis. Die Bäche und die landwirtschaftlichen Flächen wurden begradigt, Grünland in Ackerflächen umgewandelt. „Alle Bauern im Dorf wollten eine bessere Bewirtschaftung ihrer Ländereien – auch mein Vater. Denn es ging darum, die Höfe vor dem Sterben zu retten", so Brinker. Kennt beide Seiten Josef Brinker verließ den Hof – den später sein Bruder fortführte – und studierte Agrarwissenschaften. Nach dem Studium ging Brinker in die Industrie. „Ich habe in der chemischen Industrie als Fachberater für Agrarprodukte gearbeitet. Ich wollte alle Seiten des Systems kennen lernen." Als eine Kehrtwende will er seinen 1994 vollzogenen Wechsel auf die eher naturschützende Seite der Stadt Bad Oeynhausen aber nicht verstanden wissen. „Ich habe nach wie vor Verständnis dafür, dass jeder auf seinen Feld versucht, das Optimum zu erreichen", sagt Brinker und macht aber auch in einem Atemzug deutlich: „Auf unseren Streuobstwiesen wird nix gespritzt." Dort gedeihen alte Obstsorten wie die Biesterfelder Renette, der Bismarckapfel oder die Birnensorte Gute Luise und die Bühler Zwetschgen. In jedem Stadtteil eine Die Streuobstwiesen, von denen es mittlerweile in jedem Stadtteil mindestens eine gibt, haben gleiche mehrere Funktionen: Sie fungieren als Befruchter für Obstbäume in umliegenden Gärten, sie liefern gesundes, schmackhaftes und kostenloses Obst für die Bürger der Stadt, sie bieten im Winter vielen Tieren einen Schutzraum und sie geben Kleintieren ein neues Zuhause. Insekten finden Nahrung und Schutz in den Heckenumrandungen. „Mit Hilfe der Streuobstwiesen können wir zumindest für etwas mehr Artenvielfalt sorgen", sagt Brinker. Denn die Gärten werden immer arten-ärmer. Oft fehlten Obstbäume in den Gärten die passenden Partner. Denn vor allem Apfelbäume sind wählerisch, sie brauchen bestimmte Befruchter und manchmal sogar gleich zwei. Ist der bestimmte Baumpartner nicht in angemessener Nähe vorhanden, werden die Blüten nicht befruchtet und der Baum trägt nicht. Die schlechteste Ernte Vor schlechten Ernten sind die Streuobstwiesen aber trotz der optimalen Sortenauswahl nicht gefeit: „Die Ernte in 2017 war eine Katastrophe, das hatte aber mit dem späten Frost zu tun", fügt Brinker hinzu und hofft, dass auf die prächtige Obstbaumblüte nun auch eine gute Ernte im Herbst folgt. Und sich dann viele Bad Oeynhausener nicht nur an der Farbenpracht erfreuen können, sondern sich auch mit dem kostenlosen und gesunden Obst versorgen können.

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