Naturgarten: Auf dem Grundstück von Karl-Heinz Niehus tummeln sich viele Arten. - © Karl-Heinz Niehus
Naturgarten: Auf dem Grundstück von Karl-Heinz Niehus tummeln sich viele Arten. | © Karl-Heinz Niehus

Naturschutz-Serie Insektensterben: „Blühstreifen helfen nicht“

Karl-Heinz Niehus hat den Arbeitskreis Biodiversität gegründet und seinen Garten in ein Biotop verwandelt. Doch auch dieser Hotspot der Artenvielfalt bleibt vom Insektensterben nicht verschont

Dirk Windmöller

Löhne/ Bad Oeynhausen. Früher war mehr Natur. Wie üppig noch vor wenigen Jahrzehnten Insekten und andere Tiere von einem intakten Ökosystem profitierten, zeigt ein brutales Spiel, das in der Kindheit des Vaters von Karl-Heinz Niehus noch üblich war. „Er hat mir erzählt, dass damals hier so viele Frösche waren, dass manche Kinder sie aus den Hecken pflückten und aufpusteten, bis sie platzten." Karl-Heinz Niehus schüttelt es beim bloßen Gedanken an dieses Spiel, hat er sich doch ganz dem Schutz der Natur verschrieben. Der Löhner ist Gründer des Arbeitskreises für Biodiversität und hat ganz früh in seinem eigenen Naturgarten das Insektensterben nachgewiesen. Sein Ziel: Artenschutz Niehus lebt mit seiner Frau auf dem Hof, den schon sein Großvater und Generationen seiner Familie vor ihm bewirtschafteten. Während seines Studiums hat der pensionierte Biologielehrer gelernt, in ökologischen Zusammenhängen zu denken. Und da war der Weg nicht weit, als er den Hof seines Großvaters übernahm, mit diesem Ansatz auch Landwirtschaft betreiben zu lassen. Die Felder bewirtschaftete er nicht selber. „Mein Ziel war, auf kleiner Fläche Ökologie und Ökonomie zusammenzubringen", erinnert er sich. Die Pächter seiner Felder taten sich anfangs schwer. „Es gab Anfang der 1990er-Jahre viel Widerstand, aber auch heimliche Zustimmung." Als ein Biobetrieb seine Felder pachtete, wurde es einfacher. „Mein Ziel war es, die Äcker auf zwei Seiten mit Artenschutzhecken zu vernetzen." Das sei gelungen und heute, mehr als 20 Jahre später, könne man sehen, wie sich ein Biotopverbund entwickelt habe. „Da ist eine Struktur entstanden, wie es sie im Löhner Raum kaum noch gibt." "Die helfen nicht" Von den zurzeit bei manchen Landwirten beliebten Blühstreifen am Feldrand hält Niehus gar nichts. „Die helfen nicht. Ein Großteil der Insekten lebt in alten Holzstrukturen. 25 Prozent der Käfer brauchen Totholz als Lebensraum", weiß der Biologe. Dass Niehus auch seinen Garten in eine Oase verwandelt hat, überrascht nicht. Und damit landen wir in dieser Geschichte wieder beim Laubfrosch. Den wollte er wieder ansiedeln, war den Amphibien doch so übel mitgespielt worden. „Wir legten Teiche, Tümpel und Bepflanzungen an, die Lebensräume für Laubfrösche bieten." Dabei geht es um mehr als die Amphibienart. „Der Laubfrosch ist eine Leitart, die viele andere Arten mittransportiert", sagt der Biologe. Glyphosat und andere Chemikalien Entstanden ist über die Jahre ein kleines Naturschutzgebiet. „Wir haben hier einen Lebensraum für vergleichsweise viele Arten. Zum Beispiel für den Feuerfalter. Der steht auf der Liste für bedrohte Arten und kommt nur auf sogenannten Inselflächen vor." Dass Niehus jetzt die Rente in seinem Hotspot der Insektenvielfalt genießt, ist nicht der Fall. Im Gegenteil. „Auch bei mir ist die Zahl der Arten stark zurückgegangen", sagt Niehus, der seit vielen Jahren nicht nur die Anzahl der Arten zählt, sondern auch die Menge der Tiere innerhalb einer Art. Und auch diese Zahlen sind zum Teil dramatisch weniger geworden. Verantwortlich dafür ist nach seiner Meinung die intensive Landwirtschaft. „Der Einsatz von Glyphosat und anderen Chemikalien auf unseren Feldern hat verheerende Folgen", sagt Niehus. Denn das Verschwinden der Insekten sei der Ausdruck eines viel größeren Problems. „Die Funktionsfähigkeit und ökologische Balance in den Kulturlandschaften, die uns umgeben, ist längst zerstört." Schlimme Folgen Die wirtschaftlichen Folgen seien gravierend. So beziffere das Helmholtzinstitut den Wert der Bestäubungsleistungen der Insekten auf weltweit rund 270 Milliarden Euro jährlich. „Der Weltrat für Biodiversität erwartet Ernteausfälle, Hungersnöte und Arbeitslosigkeit, wenn der Prozess der Bestäuber-Zerstörung weitergeht", weiß Niehus Experten auf seiner Seite. Die Flinte ins Korn werfen will Niehus dennoch nicht. Mit dem Arbeitskreis für Biodiversität und dem Naturgartenforum habe die Gruppe viel erreicht. „Neulich hat mich ein Ratsmitglied aus Kirchlengern angerufen und gefragt, ob dort an einer bestimmten Stelle im Stadtgebiet die richtigen Bäume gepflanzt werden", nennt er ein Beispiel dafür, dass ein Umdenken einsetzt. Umdenken Politiker einiger Städte haben ihn gefragt, wie sie die Verwaltungen dazu bringen könnten, sich mit dem Thema Bienensterben zu beschäftigen. Die Lösung war ganz einfach. „Die haben in ihren Räten einen Antrag mit einer ganz einfachen Frage formuliert: „Was tut die Stadt XY gegen das Bienensterben?" Mit diesem Antrag löse man dann einen ganzen Prozess aus. „Das Umdenken hat begonnen." Es sei aber noch ein langer Weg. Dass man den gehen muss, steht für ihn außer Frage. „Es geht schließlich um die Bewahrung der Schöpfung."

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