Begehrtes Ziel: Die Realschule Nord ist bei Grundschülern offenbar sehr beliebt. So sehr, dass nicht alle Interessenten aufgenommen werden können. Foto: Jens Reddeker - © h
Begehrtes Ziel: Die Realschule Nord ist bei Grundschülern offenbar sehr beliebt. So sehr, dass nicht alle Interessenten aufgenommen werden können. Foto: Jens Reddeker | © h

Bad Oeynhausen Per Losverfahren an die Schule

Weiterführende Schulen: Weil der Rat eine Dreizügigkeit für die Realschule Nord festgelegt hat, muss Schulleiterin Karola Picht-Dreier Schüler für eine weitere Klasse ablehnen. So viele Anmeldungen wie lange nicht

Nicole Sielermann

Bad Oeynhausen. Nach welchen Kriterien wählt eine Schule ihre Schüler aus? Da geht es um Einzugsgebiete, um ein ausgewogenes Verhältnis von Mädchen und Jungen, von unterschiedlichen Muttersprachlern oder auch um Geschwisterkinder. „Eigentlich haben wir es in den vergangenen Jahren immer geschafft, alle Schüler, die zu uns wollten, auch aufzunehmen", sagt Schulleiterin Karola Picht-Dreier. In diesem Jahr ist das anders. Da wird der Griff in den Lostopf entscheiden, welches Kind zur Realschule Nord gehen darf. „Und das", so sagt die Leiterin, „ ist keine schöne Art und Weise." 107 Anmeldungen zählt Picht-Dreier derzeit für ihre Realschule. So viele wie lange nicht. „87 darf ich nehmen – 20 muss ich abweisen", erklärt sie. Erstmals in der Schulgeschichte. Weil sie aufgrund eines Ratsbeschlusses an die Dreizügigkeit gebunden ist. Nur in begründeten Ausnahmen, so heißt es im Beschluss, könne bei der Bezirksregierung die Bildung einer Mehrklasse beantragt werden. „Platz haben wir", sagt Picht-Dreier. Durch die ehemaligen Hauptschulräume sei es kein Problem, eine vierte fünfte Klasse einzurichten. Doch die Entscheidung liege nicht bei ihr. Wahlfreiheit für die Schulen – ja. Aber nicht uneingeschränkt, wie Olga Siek nun feststellen muss: „Dabei hat die Stadt noch im Oktober bei einer Veranstaltung in der Wandelhalle stolz die große Auswahl an Schulformen präsentiert", sagt sie und schüttelt den Kopf. „Jetzt ist das breite Angebot in der Schulpolitik leider in Vergessenheit geraten", bedauert sie. „Bei der Veranstaltung wurde der Eindruck vermittelt, das nur der Elternwille zähle." Für dieses Schuljahr nur 79 Anmeldungen Warum die Realschule in diesem Schuljahr so boomt, lässt sich nur schwer feststellen. 79 Schüler waren es im vergangenen Sommer, 87 im Jahr 2016. „Unsere jetzige siebte Klasse ist allerdings vierzügig", sagt die Schulleiterin. „Es gab also immer mal wieder den Bedarf." Vier Klassen à 27 Schüler könnte sie bilden, derzeit werden es aber drei Klassen à 29 Schüler. „Der bevorstehende Schulwechsel ist ein großer Einschnitt für die Kinder", sagt Mutter Olga Siek. Seit Monaten sei dieser Wechsel Thema in den Familien. „Doch statt nun beruhigt dem Schulwechsel entgegen schauen zu können, folgt schon wieder Ungewissheit." Ganz bewusst hat sich Familie Siek mit der neunjährigen Tochter für die Realschule Nord entschieden: „Weil sie Halbtagsschule ist – was in Bad Oeynhausen ein Alleinstellungsmerkmal ist." Dabei seien schon die Kinder zunehmend von Stress, Leistungsdruck und Überforderung geprägt. „Fakt ist, dass die Schule ein sehr dominantes Thema ist und vor allem Ganztagskindern die Zeit für Hobbies und Verabredungen fehlen", urteilt Siek. „Wir als Familie bekommen es hin, unser Kind ab Mittag selbst zu betreuen. Darf die Stadt als Schulträger mit solchen Beschlüssen eigentlich massiv und nachhaltig in Familienmodelle eingreifen?", fragt sie. „Die Zahlen zeigen doch, dass die Bad Oeynhausener Politiker die Bedürfnisse vieler Kinder und Familien nicht kennen – oder nicht erkennen wollen." An der Realschule Süd noch freie Plätze Doch wohin mit den überschüssigen Kindern? „Wir haben an der Schulform Realschule derzeit noch freie Kapazitäten", sagt Rainer Printz, bei der Stadtverwaltung zuständig für Bildung und Kultur. Laut Zwischenstand gibt es an der Realschule Süd derzeit 68 Anmeldungen, 87 können dort aufgenommen werden. „Die Anmeldephase endet am 16. März, so dass wir noch eine Dunkelziffer haben", erklärt Printz. Rund 70 Schüler aus den vierten Klassen der Grundschulen seien bisher an keiner weiterführenden Schule angemeldet. „Der Ganztag an den Bad Oeynhausener Schulen lässt zudem Freiraum", ist Printz überzeugt. So finde an den Ganztagsschulen an drei Tagen bis 15 Uhr Unterricht statt. „Die Vereine und Musikschulen sind seit Jahren darauf eingestellt", weiß er. Zumal auch 75 Prozent der Grundschulkinder in den offenen Ganztag gingen. An allen Schulen – außer an der Realschule Nord – gebe es noch freie Plätze. „Wir als Stadt werden den Anmeldeschluss abwarten und dann schauen, was unterm Strich steht", sagt Printz. Nach dem derzeitigen Stand sehe die Stadt aber keinen Handlungsbedarf. „Die umliegenden Städte haben offenbar mehr Weitblick – sie locken immerhin mit der Übernahme der Fahrkosten, wenn Bad Oeynhausener Schüler zu ihnen kommen", weiß Olga Siek. Die Lösung könne das allerdings nicht sein, findet sie. „Es würde ja reichen, wenn die Politiker ihre Entscheidung zeitnah revidieren – und damit zeigen, dass der Elternwille gehört wird und es den Schülern ermöglicht wird, die Schule ihrer Wahl zu besuchen."

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