Bad Oeynhausen Cavallo wickelt Insolvenz in Eigenregie ab

Traditionsunternehmen: Der Eidinghausener Reitsportartikel-Hersteller hat drei Monate Zeit, eine Lösung auf den Tisch zu legen. 57 Mitarbeiter am Standort im Industriegebiet Mönichhusen betroffen

Nicole Sielermann
Firmensitz in Eidinghausen: Das 40 Jahre alte Unternehmen Cavallo ist Arbeitgeber für 57 Mitarbeiter. Foto: Nicole Sielermann - © Nicole Sielermann
Firmensitz in Eidinghausen: Das 40 Jahre alte Unternehmen Cavallo ist Arbeitgeber für 57 Mitarbeiter. Foto: Nicole Sielermann | © Nicole Sielermann

Bad Oeynhausen-Eidinghausen. Ausgerechnet zum 40. Geburtstag kommt die Hiobsbotschaft: Das Eidinghausener Traditionsunternehmen Cavallo hat Insolvenz in Eigenverwaltung angemeldet. „Das, was jetzt hier passiert, hätte schon vor 10 bis 15 Jahren passieren müssen", sagt Geschäftsführer Thomas Hiemann. Im November 2014 hatte Hiemann die Geschäfte in Eidinghausen von seinen Vorgänger Tilmann Meyer zu Erpen übernommen – und versucht, das Unternehmen zu sanieren. Mit mehr oder weniger Erfolg.

Als Thomas Hiemann 2014 die Geschäftsführung bei Cavallo übernahm, tat er das im guten Glauben, dass alles in Ordnung sei: „Ich wusste, das wir ein Problem mit den Produkten haben", sagt er rückblickend. Wie groß die Probleme allerdings wirklich waren – das erfuhr er laut eigener Aussage nicht. „Unsere Produkte waren nicht mehr marktgerecht", sagt Hiemann, der bei Brax angefangen hat und zwischenzeitlich auch als Generalmanager bei Eastpack Rucksäcken war. „Es hat sich gezeigt, dass wir in Zeiten der globaleren Märkte unsere Stiefel und Hosen überarbeiten mussten." Und so entwickelte Cavallo, nach wie vor im Familienbesitz von Alfred Sahle, eine neue Generation Reitstiefel. „Aber es war für das Unternehmen zu spät."

Will die Neuausrichtung auf den Weg bringen: Geschäftsführer Thomas Hiemann. - © (C) 2014 Jan Reumann, all rights reserved
Will die Neuausrichtung auf den Weg bringen: Geschäftsführer Thomas Hiemann. | © (C) 2014 Jan Reumann, all rights reserved

Weshalb Hiemann beim Amtsgericht Bielefeld Insolvenz in Eigenverwaltung angemeldet hat. Dem hat das Gericht am 1. Februar stattgegeben. Eigenverwaltung bedeutet, dass die Geschäftsführer (Hiemann und Christian Nagel) während des Insolvenzverfahrens voll handlungsfähig sind, jedoch unter der „Aufsicht" eines sogenannten vorläufigen Sachwalters stehen. Das ist in diesem Fall Michael Mönig, der auch die Aufgabe hat, sicherzustellen, dass keine Benachteiligung für die Gläubiger eintritt. „Jetzt beginnt die letzte Stufe der Sanierung", sagt Hiemann im Gespräch mit der NW. Drei Monate habe er Zeit, seine Hausaufgaben zu machen und dem vorläufigen Sachwalter einen Rettungsplan vorzulegen.

Einiges hat Hiemann in seiner erst kurzwährenden Dienstzeit versucht. So war Cavallo 2016 kurzzeitig Ausstatter der deutschen Dressur- und Vielseitigkeitsreiter des Deutschen Olympiade-Komitees für Reiterei: „Das haben wir aber sofort wieder gecancelt, weil es nicht den gewünschten Erfolg, aber dafür einen hohen Aufwand mit sich brachte", erklärt Hiemann. „Behalten" habe das Unternehmen als Kunden aber die Reiterinnen Ingrid Klimke und Janne Friederike Meyer. Nun engagiert sich Cavallo im Team der „New Faces", also der Nachwuchsreiter zwischen 15 und 25 Jahren. „Mit ihnen zusammen haben wir unsere Produkte überarbeitet." Mit Erfolg: „Seit Mitte 2016 punkten wir im Stiefelbereich und sind wieder die Nummer eins in Europa", verkündet der Geschäftsführer. „Wir haben gesehen, dass der Markt durchaus noch da ist für uns, dass es aber Flexibilität braucht." Das Unternehmen sei zukunftsfähig – es müsse nur in die richtige Richtung gebracht werden. „Der Handel steht zu uns", ist Hiemann überzeugt.

Seit fünf Jahren produziert Cavallo seine Stiefel und Hosen ausschließlich in Rumänien. Die Folge: Zwei Drittel der Immobilie im Eidinghausener Industriegebiet stehen leer. „Wir haben am Standort Bad Oeynhausen noch 57 Mitarbeiter im Bereich Verwaltung, Versand oder Qualitätskontrolle." Wie viele es in drei Monaten sein werden – das werde sich zeigen. „Es muss sozialverträglich für alle sein", betont Hiemann. Und: „Wir müssen zusammen mit dem Inhaber der Immobilie schauen, was hier passieren kann. Ich kann und möchte diese Kosten nicht tragen."

Eine Alternative zur Insolvenz hat der Geschäftsführer nicht gesehen. „Sonst hätten wir den Umsatz verdoppeln müssen. Aber das gibt der Markt nicht her." Zwar steige auf der einen Seite der Verbrauch der einzelnen Reiter, was Stiefel und Hosen angehe, nicht aber die Anzahl der Reiter. „Das ist schon ein sehr kostenintensiver Sport", weiß Hiemann, bei dem ein Paar original Cavallo-Reitstiefel zwischen 300 und 500 Euro kostet. „Wenn Sie die entsprechend pflegen, haben Sie lange Freude daran." Günstiger gehe es für Cavallo nicht. Hiemann: „Wir haben keine Reithose unter 100 Euro – dann wären wir auch als Marke Cavallo nicht mehr glaubwürdig." Immerhin stehe der Name seit 40 Jahren für Qualität. „Wir arbeiten daran, dass das Unternehmen auch den 80. oder 100. Geburtstag feiern kann."

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