Justitia steht mehr im Licht als im Schatten: Die römische Göttin ist das Sinnbild ausgleichender Gerechtigkeit. Foto: Frank Rumpenhorst - © Verwendung weltweit
Justitia steht mehr im Licht als im Schatten: Die römische Göttin ist das Sinnbild ausgleichender Gerechtigkeit. Foto: Frank Rumpenhorst | © Verwendung weltweit

Bad Oeynhausen Weniger Jugendliche stehen vor Gericht

Amtsgericht: Bad Oeynhausener Richter mussten im Jahr 2017 weniger verhandeln. Direktor Werner Meier macht sich dennoch Sorgen über den Drogenkonsum von Jugendlichen

Nicole Bliesener

Bad Oeynhausen. Weniger Zivilsachen, weniger Scheidungen und weniger Strafprozesse. „Die Behauptung, dass früher alles besser war, stimmt einfach nicht", sagt Werner Meier. Und der Direktor des Bad Oeynhausener Amtsgerichts, wird noch deutlicher: „Die öffentliche Sicherheit ist nicht in Gefahr – auch nicht durch Flüchtlinge." Seine Aussage belegt der Jurist im Gespräch mit der NW über das vergangene Gerichtsjahr mit Zahlen. Bei den Strafsachen hat sich die Zahl von 543 auf 512 verringert. Auch bei den Jugendstrafsachen gehen die Zahlen zurück. „2009, in meinem ersten Jahr hier am Amtsgericht, haben wir 299 Verfahren verhandelt. Seitdem ist die Anzahl der Verfahren kontinuierlich zurückgegangen. Im Jahr 2017 waren es noch 188", sagt Meier. Auch dem Vorwurf, Strafverfahren würden zu lange dauern, widerspricht Meier. „Normale Strafverfahren dauern im Schnitt vier bis fünf Monate", erklärt der Richter. „Wir können auf keinen Fall die Schnelligkeit vor die Rechtsstaatlichkeit setzen. Verfahren, die länger als ein Jahr dauern, haben wir bei uns nicht", findet Meier deutliche Worte. Trotz der zurückgehenden Zahl an Strafverfahren kommt am Gericht keine Langeweile auf. Denn: „Nur etwa 15 Prozent der Dinge, die die Justiz beschäftigen, sind Strafsachen", sagt Meier. Nur anderthalb der neun Richterstellen sind den Strafsachen zugeordnet. Rückläufige Zahlen weist das Amtsgericht aber auch in puncto Zivilverfahren und Familiensachen auf – und entspricht hier dem Landestrend. Die Anzahl der Zivilverfahren ist von 1.857 Fällen im Jahr 2015 auf 1.371 Verfahren 2017 zurückgegangen. In Familiensachen hat das Amtsgericht im Jahr 2015 über 815 Verfahren entschieden, 2017 waren es 649. Gleichbleibend hoch ist der Bestand an Betreuungen (2.782 im Jahr 2015, 2.708 im Jahr 2017). Auch die Geschäftsstellen des Amtsgerichts, die für Nachlässe, Grundbucheinträge, Handels- und Vereinsregister, Vollsteckjungen und Versteigerungen sowie landwirtschaftliche Angelegenheiten bearbeiten, weisen stabile Zahlen auf. Über die Gründe, aus denen die Anzahl der Jugendstrafverfahren zurückgeht, kann Werner Meier, der als Amtsgerichtsdirektor viele diese Verfahren verhandelt, indes nur spekulieren. „Zwar haben wir hier in Bad Oeynhausen etwa ein Dutzend jugendliche Mehrfachstraftäter, mit denen wir häufiger zu tun haben, aber insgesamt scheint die Kriminalität unter Jugendlichen abzunehmen", so Meier. Eine Ursache vermutet der Richter darin, dass Gewalt von Jugendlichen deutlich weniger toleriert werde. „Jugendliche setzen sich heute mit Gewalt viel kritischer auseinander." Die meisten Jugendlichen, die vor Meiers Richtertisch auf dem Anklagestuhl Platz nehmen müssen, haben sich wegen Ladendiebstahls, Ebay-Betrügereien, Schwarzfahrens oder Fahrens ohne Führerschein (frisierte Roller oder Mofas) zu verantworten. Bei vielen Jugendlichen genüge schon eine ordentliche Standpauke. „Wenn man ihnen die Konsequenzen ihres Handelns klar macht, reicht das in vielen Fällen aus", weiß Meier aus Erfahrung. Wirkung zeigten aber auch Prävention und polizeiliche Maßnahmen. Als Beispiel nennt Meier die Vatertagsfeierei im Sielpark. „Die verstärkte Polizeipräsenz seit einigen Jahren zeigt Wirkung. Davor zog die Vatertagsfeier immer etliche Strafanzeigen nach sich, die wir hier verhandelt haben." Sorgen bereitet Meier der nach wie vor verbreitete Drogenkonsum unter Jugendlichen. „Es gibt eine gewisse Tendenz, dass Jugendliche von Alkohol verstärkt auf Cannabis umsteigen", sagt Meier. Als Überraschung in der Gerichtsstatistik bewerten Werner Meier und seine Richterkollegin Andrea Schumann die Zahl an Betreuungen. „Wir haben etwa gleichbleibend viele Betreuungsfälle, obwohl es deutlich mehr betreuungsbedürftige Menschen gibt", sagt Andrea Schumann. Und sie geht sogar davon aus, dass die Zahl der Betreuungen in Zukunft deutlich sinken wird. Den Grund dafür sieht sie in der Tatsache, dass immer mehr Menschen über Vorsorgevollmachten verfügen. „Die Vollmachten sind deutlich besser geworden, auch in den Kliniken wird heute eine andere, bessere Aufklärungsarbeit geleistet", weiß Schumann.

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