Zu Gast in der Heimat: Dieter Wintzer lebt seit Jahrzehnten in Hamburg. Beim jüngsten Treffen mit den einstigen Klassenkameraden in Währentrup ist er wieder einmal in Oerlinghausen gewesen. - © FOTO: KARIN PRIGNITZ
Zu Gast in der Heimat: Dieter Wintzer lebt seit Jahrzehnten in Hamburg. Beim jüngsten Treffen mit den einstigen Klassenkameraden in Währentrup ist er wieder einmal in Oerlinghausen gewesen. | © FOTO: KARIN PRIGNITZ

Oerlinghausen Eine Praline versüßt sein Leben

WAS MACHT EIGENTLICH? Dieter Wintzer, aufgewachsen im Alten Gasthaus Nagel

Karin Prignitz

Oerlinghausen. Ein schöner Augusttag war es, "und ich habe mich innerhalb weniger Minuten in die Stadt verliebt", sagt Dieter Wintzer. 55 Jahre sind vergangen, seit er Oerlinghausen verlassen und in Hamburg einen neuen Lebensmittelpunkt gefunden hat. "Damals war ich 20 und hatte nur 150 Mark in der Tasche", erinnert sich der heute 75-Jährige an das Jahr 1960, an das billigste Hotel, das er finden konnte und den schon damals unbändigen Wunsch, andere Städte und Länder zu bereisen.

Als das Haus der Großeltern in Bielefeld während des Zweiten Weltkrieges ausgebombt wurde, kam Dieter Wintzer im Alter von drei Jahren mit der Familie nach Oerlinghausen. Seine Tante Maria Nagel, liebevoll "Tante Marie" genannt, führte in der Stadt gemeinsam mit ihrem Bruder Wilhelm das "Alte Gasthaus Nagel" am Simonsplatz. "Meine Mutter hat sich dort eine kleine Schneiderei eingerichtet", erzählt Dieter Wintzer von den bescheidenen Anfängen und den Ängsten, die die Familie in den kommenden Jahren ausstand. "Wir haben Wochen im Felsenkeller verbracht, unsere Mutter hat uns dort vor den Bomben geschützt."

Womöglich war es diese Erfahrung, die den Freiheitsdrang förderte. Anna Wintzer hatte die Gaststätte einige Jahre zuvor übernommen, als ihr Sohn Dieter die Koffer packte und verkündete, künftig im hohen Norden sein Glück finden zu wollen. Tatsächlich stellte sich das sowohl privat als auch beruflich schnell ein. "Am Tag vor meinem 21. Geburtstag habe ich in der Kultkneipe Oesau in Großensee meine Frau Gerda kennengelernt. Mit ihr lebt Dieter Wintzer nach wie vor in Hamburg, zwei der drei Söhne ebenfalls.

Weil Dieter Wintzer mit den 150 Mark, die er dort damals als bescheidenes Startkapital dabei hatte, nicht lange überleben konnte, nahm er einen Job als Bote beim Axel-Springer-Verlag an. "Da habe ich mich dann langsam hochgearbeitet."

Zeichnen konnte er schon immer gut. Um diese Gabe effektiv nutzen zu können, belegte er Abendkurse und übernahm schon bald die Grafik des "Neuen Blattes". Als dessen damaliger stellvertretender Chefredakteur zum Bauer-Verlag wechselte, "bin ich ein halbes Jahr später hinterhergezottelt". Drei Jahre lang layoutete Dieter Wintzer die, wie er sie nennt "hoch angesehene Reisezeitschrift Praline".

Dieter Wintzer interessierte viel mehr, die Natur- und Kulturwunder der Welt zu erkunden und darüber zu berichten. "Ich war schon immer abenteuerlustig." Als die Herren in den oberen Etagen merkten, dass er auch schreiben konnte, wechselte er in die Reiseredaktion. Insgesamt 30 Jahre blieb er beim Bauer-Verlag, "20 Jahre als Chef vom Dienst der Praline". Im März 1994 sei ihm der Abschied vergoldet worden. Wintzer erzählt von einer großzügigen Abfindung, aber auch von einem tiefen Loch, in das er seinerzeit gefallen sei. Doch das Kommunikationstalent des einstigen Bergstädters blieb auch anderen nicht verborgen. Die Stadt Bad Oldesloe machte ihn zum Seniorenbeauftragten. "Da habe ich noch mal richtig viel bewegen können."

Auch als selbstständiger Reiseleiter, der Dieter Wintzer bis vor kurzem noch gewesen ist. Unendlich viele Gruppen führte er in die Metropolen Europas aber auch nach Asien und Kanada, wo einer der Söhne lebt. Privat führt es ihn und seine Frau seit zwei Jahrzehnten immer wieder nach Thailand, "dort ist unsere zweite Heimat", sagt der Mann mit den wasserblauen Augen, der von Kindheit an mit der Glasknochenkrankheit lebt. "Nach 60 Brüchen habe ich aufgehört zu zählen." Sonderlich beeinträchtigt habe er sich dadurch nie gefühlt.

Noch bevor der 75-Jährige der Bergstadt als junger Mann den Rücken kehrte, "habe ich im Alten Gasthaus Nagel eine Disco eingerichtet". Mit einer eigenen Kapelle, den "Bonga Boys". Wintzer spielte Posaune und Gitarre. "Marina, das war unsere Erkennungsmelodie." Immer am Sonntag von 14 bis 20 Uhr wurde getanzt.

In den 60ern hatte Bruder Bernd das Gasthaus übernommen. Vermisst habe er Oerlinghausen eigentlich nicht, sagt Dieter Wintzer, "weil es mir in Hamburg so unglaublich gut gefällt". Zu den Treffen der einstigen Klassenkameraden kommt er aber regelmäßig, wie gerade erst im Hotel Mügge in Währentrup.

Wenn er an die Zeit in Oerlinghausen zurückdenkt, dann vor allem an seine Hochzeit in der Alexanderkirche. "Pastor Möller hat uns getraut, er war einer der tollsten Menschen, die ich kennenlernen durfte." Ein Mann mit "Prinzipien und Persönlichkeit." Und einer, der als Missionar in der Welt herumgekommen war und davon erzählte. Bei Dieter Wintzer stieß er damit jederzeit auf offene Ohren.

Die Serie

Zuletzt wurden in dieser Serie vorgestellt die ehemalige Leiterin der Südstadtschule Inge Hellweg, der früher erfolgreiche Schwimmer Axel Müller-Hofvenschild, der emeritierte Uni-Professor Hans-Georg Pott, die Leiterin einer privaten Musikschule Janine Nußbeck, der Unternehmer und Rennfahrer Ottfried Stopka, der pensionierte Professor Horst Oberquelle sowie Ehrenamts-Vorbild Heidi Weiken, FDP-Politiker Hans-Gerd Warneken, die einstige Konrektorin der Heinz-Sielmann-Schule Helga Fraune-Monzen, Pia Piepenbreier, die einstige Leiterin der städtischen Musikschule Oerlinghausen, und der ehemalige Leiter des Archäologischen Freilichtmuseums Oerlinghausen, Martin Schmidt.

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