Oerlinghausen Mit dem Fagott nach Berlin

Was macht eigenltich?: Journalist und Autor Jürgen Liebing

Karin Prignitz
Die Regale sind voll: In seiner Wohnung in Berlin hortet der Oerlinghauser Jürgen Liebing eine Menge Bücher und Musik-CDs.
Die Regale sind voll: In seiner Wohnung in Berlin hortet der Oerlinghauser Jürgen Liebing eine Menge Bücher und Musik-CDs.

Oerlinghausen. Will ich, darf ich, soll ich, muss ich? Fragen, die Jürgen Liebing sich seit dem 1. Januar jeden Morgen stellt. "Ich gewöhne mich noch an den Ruhestand", sagt der 65-Jährige. Wobei das in seinem Fall nicht bedeutet, dass er sich gänzlich aus seinem gewohnten Arbeitsfeld zurückziehen wird.

Mehr als vierzig Jahre hat der Mitbegründer des Kunstvereins Oerlinghausen als Rundfunkjournalist für verschiedene ARD-Hörfunksender gearbeitet. Mit Musik als Schwerpunkt. "Klassik Forum" beim WDR, "Klassik zum Frühstück" beim SFB und die "Musikstunde" beim SWR oder "Interpretationen" beim Deutschlandradio Kultur sind Sendereihen, die er mitgestaltet hat. Da verwundert es kaum, dass auch seine Erinnerungen an Oerlinghausen vor allem mit Musik zu tun haben.

Dort, im einstigen Pro-Gymnasium, vor allem aber mit Hilfe des Fagott-Lehrers, sei das Pflänzchen gewachsen, das später zur Grundlage des Berufs geworden sei, erzählt Jürgen Liebing. In zahlreichen Sendungen hat er sich insbesondere mit Richard Wagner, den Festspielen und Bayreuth beschäftigt. Dort hat er den berühmtesten Gast, die Kanzlerin persönlich, getroffen. Deshalb weiß er aus erster Quelle, "dass sie auch in den Tagen nach der Eröffnung in Bayreuth bleibt".

Liebing mag neben der Musik das Wandern

Ebenso wie Angela Merkel liebt Wagner-Fan Jürgen Liebing neben der Musik das Wandern. Am liebsten in den Bergen. "Das betreibe ich von Herzen gern." Eine der prägendsten Strecken war die "auf den Spuren von Johann Gottfried Seume nach Syrakus." Früher, da sei er auch viel mit dem Rad unterwegs gewesen. "Von Washington D.C. bis nach San Francisco beispielsweise."

Das Fagottspielen hat Liebing mittlerweile aufgegeben. Aber das erste Instrument seines Lehrers aus Sennestadt, dessen Frau er gelegentlich besucht, steht immer noch im Schrank in der Schönebecker Wohnung, die Jürgen Liebing mit seinem Mann Peter Liebers teilt. Seit mehr als 20 Jahren lebt er in gleichgeschlechtlicher Partnerschaft mit dem "Ossi" zusammen, seit vier Jahren sind die beiden verheiratet. In Berlin ganz normal. In Oerlinghausen? Da ist sich der 65-Jährige nicht so sicher. Viel verbindet ihn nicht mehr mit der Stadt. Dennoch führt der Weg noch hierher, weil seine Mutter ihren Lebensabend im Evangelischen Altenzentrum verbringt . Besonders auffällig, sagt Liebing, sei "die Verödung der Altstadt. Das ist wirklich traurig."

Damals, als er hier die Schule besuchte, sei dort noch Leben gewesen. Seit Vater, der sich zunächst im Sozialwerk Stukenbrock um junge Männer, die aus der DDR geflohen waren, kümmerte, bewarb sich 1961 in Oerlinghausen, arbeitete dort im Sozialamt der Stadt. Jürgen Liebing, der noch drei Geschwister hat, besuchte das Pro-Gymnasium. Die wöchentlichen Orchesterproben dort gehören zu den Szenen, die er aus Oerlinghausen mitgenommen hat. "Der Deutschlehrer saß am letzten Pult der zweiten Geige und war verbissen bemüht, dem Bogenstrich der anderen zu folgen. Der Geschichtslehrer saß neben mir und versuchte, auf seiner Trompete piano zuspielen. Es blieb beim Versuch." Das Spielen im Orchester, "weniger das obligatorische Singen im Chor", gehört zu den schönen Erinnerungen an die Schulzeit.

Jürgen Liebing besitzt noch die Schallplatte mit Leonard Bernsteins "West Side Story", auf dessen Cover er sich Notizen für ein Referat gemacht hatte. Über andere Dinge habe sich ein Grauschleier gelegt, sagt der Liebing. An einen Mitschüler aber muss er immer wieder denken, wenn er auf dem Bahnsteig des Bahnhofs Zoo in Berlin steht. Peter war sein Name. "Er war der Intelligenteste." Am ersten Tag nach den Schulferien blieb sein Platz leer, weil er am Bahnsteig den Schritt in den Tod gewählt hatte. "Die Wunde ist vernarbt, aber sie schmerzt immer noch."

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