Es war einmal: So hat die "Waldesruh", die heutige Pension Gräber, früher einmal ausgesehen. Damals gab es noch das Türmchen auf dem Anbau. - © Karin Prignitz
Es war einmal: So hat die "Waldesruh", die heutige Pension Gräber, früher einmal ausgesehen. Damals gab es noch das Türmchen auf dem Anbau. | © Karin Prignitz

Oerlinghausen Wie aus der Waldesruh die Pension Gräber wurde

Geschäfte mit Geschichte: Das Haus zur Erholung

Karin Prignitz

Oerlinghausen. Eigentlich hatte Anne Pienle nach ihrer Ausbildung zur Hotelkauffrau am Bodensee im Allgäu bleiben wollen. Auch, weil ihr hier der Mann fürs Leben über den Weg gelaufen war. Als ihre Tante Hannelore Gräber 1995 plötzlich verstarb, musste eine Entscheidung her. Und die fiel für eine Rückkehr nach Oerlinghausen. Dort hat die 42-Jährige vor 21 Jahren die Pension Gräber an der Friedrichstraße übernommen. Segelflieger, vor allem aber Wanderer kehren dort ein. "Dass der Hermannsweg gut bewandert werden kann, spricht sich herum", erzählt Anne Pienle. Einige ihrer Stammgäste kommen aus Hamburg und Berlin, aber auch aus den Niederlanden. In der familiären Frühstücks-Pension mit ihren zwei Doppel- und drei Einzelzimmern übernachten sie, ehe es weiter nach Detmold oder Berlebeck geht. Und Anne Pienle stellt fest: "Auch jüngere Leute wandern wieder vermehrt." Oerlinghausen mit seiner Restauration direkt am Weg sei für viele ein beliebter Zwischenstopp. "Im Durchschnitt bleiben die Gäste einen Tag." Das war früher ganz anders. Da verbrachten Familien sogar drei oder vier Wochen Urlaub in der Bergstadt. Auch im "Erholungshaus Waldesruh", denn so hieß die Pension Gräber ursprünglich. Anne Pienles Großvater Alfred Gräber hatte seit den 20er Jahren das "Stadthotel" betrieben. Als er 1943 starb, führte seine Frau Lene den Betrieb alleine weiter, suchte allerdings schon bald nach einem kleineren Haus und fand es an der Friedrichstraße. Heimatkenner Werner Höltke hat nach vielen Gesprächen mit Zeitzeugen etwas über die Geschichte des Hauses herausgefunden. "Als der Verkehrs- und Verschönerungsverein im Jahr 1895 eine Broschüre herausgab, in der die Vorzüge Oerlinghausens als Sommerfrische beschrieben wurden, löste das eine rege Bautätigkeit aus." Unter anderem begannen die Ausschachtungsarbeiten für das erste Freibad im Schopketal. "Von der Werbung für den aufstrebenden Ort hatte auch Marie Rau aus Wuppertal erfahren." Die wohlhabende Dame wollte sich in Oerlinghausen eine Pension errichten lassen. Die "Waldesruh" entstand und wurde im Jahr 1901 an die aus Dortmund stammenden Schwestern Wilhelmine und Elisabeth Markmann weiterveräußert. Deren Eltern waren früh verstorben und hatten noch weitere sechs Kinder hinterlassen. "Die Versorgung der Geschwister war wohl mit ein Grund, die Pension zu erwerben", vermutet Werner Höltke. Der Betrieb ließ offensichtlich gut, denn schon bald wurde das Nachbargrundstück von Malermeister Ritterbusch hinzugemietet. Auf dem großen Gartenareal der Waldesruh entstand in den Jahren 1911 und 1912 ein weiteres Gästehaus. Benannt wurde es nach einer verstorbenen jüngeren Schwester "Luisenruh". Unter den Urlaubern seien vor allem Beamte, Ärzte und Pastoren aus dem Ruhrgebiet, aus Norddeutschland und Berlin gewesen, das hat Werner Höltke einem alten Gästebuch entnommen. "An warmen Sommerabenden saßen sie vor der großen Veranda oder im kleinen Tannenwäldchen." Im Turmzimmer wurde gespielt oder musiziert. "In der Hauptsaison halfen die Nachbarn beim Putzen, Waschen und Spülen." Und auch dabei, das Gepäck mit dem Handkarren vom Postamt und wieder dorthin zurückzubringen. Als die Reiselust kriegsbedingt nachließ, "kam es den Schwestern Markmann nicht ungelegen, als die Stadt an sie herantrat und das Haus erwerben wollte, denn sie hatte eine Käuferin gefunden". Der Besitzerwechsel fand im April 1950 statt. Lene Gräber führte die Waldesruh mit ihrer Tochter Hannelore als Gastwirtschaft und Pension Gräber fort. Der Turm auf dem Anbau wich. Ebenso der üppig wuchernde Efeu am Buchsteinhaus, das schließlich verputzt wurde. Noch einmal wurde erweitert. Lange Jahre war im Anbau an der Robert-Koch-Straße eine Pizzeria beheimatet, später ein anderes Restaurant und seit einiger Zeit die Shisha-Bar "Bubble-Lounge".

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