Familienunternehmen: Matthias Wernicke, seine Tochter Emily, seine Frau Claudia, seine Mutter Brunhilde, sein Sohn Moritz und sein Vater Klaus Wernicke (v. l.) auf dem Firmengelände an der Bahnhofstraße mit Getränkekisten in der Hand. - © Karin Prignitz
Familienunternehmen: Matthias Wernicke, seine Tochter Emily, seine Frau Claudia, seine Mutter Brunhilde, sein Sohn Moritz und sein Vater Klaus Wernicke (v. l.) auf dem Firmengelände an der Bahnhofstraße mit Getränkekisten in der Hand. | © Karin Prignitz

Oerlinghausen GESCHÄFTE MIT GESCHICHTE (5) Fruchtsaftkelterei Wernicke ist ein Familienunternehmen

Karin Prignitz
Lange her: Klaus Wernicke als junger Mann neben vielen Kisten, die aufgestapelt worden sind. - © Foto: privat
Lange her: Klaus Wernicke als junger Mann neben vielen Kisten, die aufgestapelt worden sind. | © Foto: privat

Oerlinghausen. Wenn Oma Luise in lebendigen Bildern schilderte, wie sie auf dem Bauernhof in Wellentrup zusammen mit Opa Paul Früchte zu Saft presste und einkochte, dann hing der Enkel an ihren Lippen. "Damals sind sie noch von Haus zu Haus gefahren", auch das hat Matthias Wernicke von seinen Großeltern erfahren. Äpfel, Birnen, Kirschen oder Himbeeren wurden verarbeitet. Mit vergleichsweise primitiven Mitteln und der Saft anschließend auf dem Markt verkauft.

80 Jahre sind seit der Gründung des Familienunternehmens Wernicke vergangen. "Die Pionierzeit des Fruchtsaftes", sagt Matthias Wernicke, der die Geschäfte heute führt. Auf alten Bildern ist zu sehen, wie die Früchte gewaschen, gemahlen und in Tücher eingeschlagen wurden. "Der Most lief nach der Seite weg." Automatische Pressen gab es zu dieser Zeit noch nicht. "Kein Mensch konnte sich vorstellen, dass so etwas überhaupt funktioniert", sagt Seniorchef Klaus Wernicke (78). Schwer sei die Arbeit gewesen, auch deshalb, weil alles per Hand aufgeladen werden musste. Auf?s Dreirad-Auto. Erst in den 70er oder 80er Jahren wurde ein Stapler angeschafft. "Eine erhebliche Erleichterung."

Mühsam: Früher sind die Früchte nach dem Waschen und Mahlen in eine Tücherpresse geschlagen worden. Der Most ist an den Seiten herausgelaufen. - © Foto: privat
Mühsam: Früher sind die Früchte nach dem Waschen und Mahlen in eine Tücherpresse geschlagen worden. Der Most ist an den Seiten herausgelaufen. | © Foto: privat

Lange zuvor hatten Paul und Luise Wernicke eine "Baumannsche Glocke" angeschafft, ein Gerät mit dem der Süßmost haltbar gemacht wurde. Statt auf Vorgaben zurückgreifen zu können, habe man sich viele über Erfahrungswerte erarbeiten müssen, erzählt Matthias Wernicke. Im Büro stehen einige alte Glasballons, in denen eingelagert wurde. "Eine Mordsquälerei", beschreibt Klaus Wernicke den kraftzehrenden Vorgang. Heute gibt es Tanks mit einem Fassungsvermögen von bis zu 55.000 Litern. Überhaupt läuft heute alles vollautomatisch. Wo früher jede einzelne Flasche per Hand verkorkt, ausgespült und mit Etiketten beklebt wurde, gibt es heute Bänder. Niemand wurde mehr auf die Idee kommen, den Most mit einsetzendem Frost im Schuppen mit dem Bullerofen zu wärmen. "Früher wurde viel mehr körperlich gearbeitet", bestätigt Matthias Wernicke. "Heute seien vielmehr die Überwachungsfunktionen wichtig. "Und die Anforderungen haben sich erheblich erhöht." Aber auch die Zahl der Fruchtsaftsorten. 40 verschiedene mit allen möglichen Mischungen bietet Wernicke an. "Je nach Sorte werden 7.500 bis 8.000 Flaschen in einer Stunde abgefüllt", verweist Matthias Wernicke auf technisch unterstützte Schnelligkeit. Verkauft wird vor allem regional in Ostwestfalen-Lippe. Rohware, die lose im Tank ist, wird auch deutschlandweit angeboten. Als zweites Standbein.

Rhabarber ist die Sorte, auf die sich Wernicke besonders spezialisiert hat. "Mit zehn Tonnen haben wir begonnen, heute sind es 3.000", sagt der Chef. "In diesem Bereich gehören wir zu den größten Anbietern und produzieren auch für andere Keltereien." Insgesamt sei die Branche relativ klein. "In Deutschland gibt es etwa 400 Fruchtsaftbetriebe." Einen solchen Betrieb 80 Jahre zu halten, "das ist schon ein Kunststück", meint Klaus Wernicke. Er selbst hat schon als Kind mitgearbeitet. "Das war nach dem Schulunterricht ganz normal." Schon mit 15 Jahren hat er die Leitung übernommen. Der Vater war im Krieg gefallen, er unterstützte die Mutter. Dazu gehörte so manche Nachtschicht.

Information
Die Serie

Geschäfte mit Geschichte heißt eine neue Serie. Sie bietet Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, viele Hintergrundinformationen über Geschäfte in Oerlinghausen, in denen sie einkaufen oder sich beraten lassen und über die Restaurants, in die sie einkehren.
Bereits erschienen sind Berichte über die Goldschmiede Hess & Rickert, über das Traditionshaus Meierjohann, in dem heute das „Rumpelstilzchen“ sein Geschäft hat, die Kfz-Werkstatt von Paul Georg Cieplik und die Heißmangel Cerulla.

Damals sei die Mosterei ein Saisonbetrieb gewesen. Heute nicht mehr. Nach wie vor gilt aber: "Wenn die Früchte reif sind, müssen sie verarbeitet werden." Egal, ob gerade Wochenende oder Feiertag ist. Rhabarber beispielsweise werde sieben Tage in der Woche zu Saft gemacht. Nach und nach haben sich die Produktions- und Lagerhallen erweitert. Heute beträgt die Fläche rund 5.000 Quadratmeter. Wernicke beschäftigt acht Mitarbeiter, und mit Moritz Wernicke steht die nächste Generation bereits in den Startlöchern. "Das ist momentan der Plan", sagt der 13-Jährige.

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