OERLINGHAUSEN Fremde Freunde

Plastiken von Heather Sheehan irritieren, verunsichern und machen neugierig

VON KARIN PRIGNITZ
Heather Sheehan neben dem kleinen und dem großen Freund, die im Raum der ehemaligen Synagoge für reichlich Diskussionsstoff sorgen. - © FOTOS: KARIN PRIGNITZ
Heather Sheehan neben dem kleinen und dem großen Freund, die im Raum der ehemaligen Synagoge für reichlich Diskussionsstoff sorgen. | © FOTOS: KARIN PRIGNITZ

Oerlinghausen. Frederik Jaehn ist zwei Jahre alt und er traut sich was. Dieser kleine Mann mit der kuscheligen weißen Haut, der da in der alten Synagoge vor ihm steht und nur ein wenig größer ist, als der Zweijährige selbst, den muss er einfach schnell mal streicheln. Ein Reflex, dem auch viele der erwachsenen Besucher nur allzu gerne nachgeben würden. Obwohl zumindest das größere der beiden vorbildlosen Geschöpfe, die den Raum beherrschen, ein wenig zum Fürchten aussieht.

"Friends, the tall and the small" heißt die am Sonntag eröffnete Ausstellung. Da stehen sie nun, der kleine Freund und der große Freund. "Kleiner Mann und großer Mann", sagt Frederik und schaut respektvoll in die Höhe. Der 87 Zentimeter kleine Freund schaut zum 2,85 Meter Riesen hinauf, der alles andere als freundlich herunterblickt. Die langen Arme hängen schlaff von den nicht vorhandenen Schultern herab, die Ohren fehlen, die einzige Farbigkeit sind die strengen roten Lippen und die eisblauen Augen.

Aber dann ist da auch diese weiche Stoffhülle, die doch wieder zum Liebhaben einlädt, die den ersten Schrecken nimmt. Gerade dieser Zwiespalt ist es, der die Arbeiten von Heather Sheehan ausmacht. In drei vorherigen Ausstellungen hat sie ihre Freunde, von denen es noch einige mehr gibt, gezeigt. Seit sie den kleinen, hohen, besonderen Raum der Synagoge kennt, weiß sie: "Ich hätte sie am liebsten zuerst hier gehabt. Die Spannung der Figuren kommt hier am besten zur Geltung."

Dankbar ist Heather Sheehan Gisela Burkamp, dass die sich für nur zwei Figuren entschieden hat. Und für sechs Aquarelle. Letztere haben die Kunsthistorikerin zuerst beeindruckt. "Diese langhalsigen Kopfblüten, die aus der Unterkante des Blattes in den leeren Bildraum wachsen." Menschenbilder von großer Eindringlichkeit seien die Portraits sagt Burkamp, die die Verbindung und die Kommunikation der Arbeiten untereinander voller Spannungen erlebt.

"Wie groß ist der Unterschied zum Antlitz des großen Freundes." Ein Gesicht ohne Regung, "weder freundlich, noch feindlich, weder neugierig noch fordernd, sondern in sich gekehrt und distanziert", so beschreibt Gisela Burkamp ihren Eindruck und stellt klar: "Heather Sheehans Figuren sind keine Kuschelwesen, trotz der Verführung durch die flauschige Oberfläche".

Die Freunde bleiben Fremde, Andersartige, Entartete. Und doch schaffen sie es, den Betrachtern immer wieder ein Schmunzeln zu entlocken. Viele gehen in die Knie, beugen sich herunter, um den Blickwinkel des kleinen zum großen Freund nachvollziehen zu können, den Frederik schon hat. "Jeder kann ausprobieren, wie es ist, der Kleine zu sein", sagt Heather Sheehan, die vor genau 18 Jahren von den USA nach Deutschland gekommen ist. "Auch der Liebe wegen." Beeindruckt ist die gebürtige New Yorkerin, "wie man sich in Deutschland für Kunst einsetzt". So viele Kulturkreise gebe es hier "und ich bin die Biene, die von Kreis zu Kreis fliegt". Gelandet ist Heather Sheehan jetzt in Oerlinghausen und verschafft hier nicht nur Frederik neue Sichtweisen.

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