Oerlinghausen "Futter für die Neonaziszene"

Regisseur Peter Ohlendorf (l.) und Dr. Bernd Meyer vom Förderverein der Stadtbibliothek Oerlinghausen vor der Tür der Aula des Schulzentrums. Filmvorführung und Diskussion sind außerdem von den Oerlinghauser Parteien, den Leopoldshöher Ortsverbänden von CDU, FDP, Grünen und SPD sowie der Stadt Oerlinghausen und den Kirchengemeinden unterstützt worden. - © FOTO: KARIN PRIGNITZ
Regisseur Peter Ohlendorf (l.) und Dr. Bernd Meyer vom Förderverein der Stadtbibliothek Oerlinghausen vor der Tür der Aula des Schulzentrums. Filmvorführung und Diskussion sind außerdem von den Oerlinghauser Parteien, den Leopoldshöher Ortsverbänden von CDU, FDP, Grünen und SPD sowie der Stadt Oerlinghausen und den Kirchengemeinden unterstützt worden. | © FOTO: KARIN PRIGNITZ

Oerlinghausen / Leopoldshöhe. "Sie wollen wohl schlafende Hunde wecken!" Diese Reaktion hatte Dr. Bernd Meyer im Vorfeld des Vorführung des Dokumentarfilmes "Blut muss fließen" von einigen Kritikern gehört. Meyer hielt dem die vielen aktuellen Medienberichte zum Thema Rechtsextremismus entgegen. Schweigen sei der falsche Weg. "Es ist an uns, sie auf demokratische Weise zur Ruhe zu bringen."

125 Besucher sind am Mittwochabend in die Aula des Niklas-Luhmann-Gymnasiums gekommen, um sich die 87-minütige Originalversion des Filmes, für den Journalist Thomas Kuban über einen Zeitraum von zehn Jahren "undercover" und unter höchsten Gefahren die Rechtsrock-Szene ausspioniert hatte, anzusehen und darüber ins Gespräch zu kommen.

Im Erscheinungsbild eines vermeintlichen Neonazis hatte es Kuban immer wieder geschafft, bei Konzerten zu filmen, die Netzwerke dieser "geheimen" Veranstaltungen auszuspähen. Vor allem die Liedzeilen, in denen der Holocaust und rassistische Morde verherrlicht werden sowie zu Gewalttaten aufgerufen wird, lassen die Besucher erschauern. Stille und Kopfschütteln in den Reihen.

Die lösen auch die Reaktionen einiger Politiker, die im Dokumentarfilm gezeigt werden, aus. Wenn Günther Beckstein dort zu Thomas Kuban sagt: "Für die Polizeiführung ist es schwierig zu erkennen, was strafbare Texte sind, Sie beurteilen das offensichtlich anders", macht sich hörbarer Unmut breit.

Keine Diskussion, sondern viel eher eine Reflexion, gibt es im Anschluss. Ergänzende Impulse, wie etwa "Verbote alleine bringen nichts" oder der Hinweis auf andere Gesellschaftsentwürfe bewegen die Besucher. Unter ihnen sind nur wenige Jugendliche zu finden. Die Neuntklässler Lukas Frost (15) und Lauren Steingräber (14) haben "kaum jemanden aus der Stufe" entdeckt. Dass der Film nicht, wie an der Gesamtschule Leopoldshöhe, verpflichtend auch Schülern gezeigt worden ist, können beide nicht verstehen.

"Viele denken, Allgemeinwissen reicht", sagt Lauren. Der Film aber mache viel mehr deutlich. "Dass die Polizei geht, bevor das Konzert beginnt", wie in einer Szene zu sehen, hat beide schockiert. Dass der Straftatbestand der gehörten Liedtexte nicht zu erkennen gewesen sein soll, finden Lauren und Lukas "am heftigsten". Dass Rechtsrock-Konzerte außer in Deutschland in anderen europäischen Ländern stattfinden, haben beide nicht gewusst. "Ich habe wirklich etwas aus dem Film gelernt", bestätigt Lukas.

Hildegard Suntinger ist gekommen, "weil ich es schrecklich finde, dass junge Menschen, dass insbesondere "die Zu-Kurz-Gekommenen" billiges Futter für die Neonaziszene sind". Von der Dokumentation ist sie sehr beeindruckt. "Toll, dass Menschen wie Thomas Kuban diesen Mut haben."

Aber auch im Kleinen müsse man kritisch sein und widersprechen. "Dass so viele hingehen und mit grölen, macht sehr betroffen", sagt Manuela Grochowiak-Schmieding. Frage sei: "Wie ist das möglich, warum machen immer mehr mit?" Es gelte Antworten zu finden, "wie wir dem begegnen können".

"Die Akzeptanz mitten unter uns ist erschreckend", bestätigte Regisseur Peter Ohlendorf. "Alle dulden es, niemand greift ein." Dabei erlebe er auf den Filmreisen durch das Land immer wieder, "dass das Publikum den roten Teppich ausrollt", der Diskussionsbedarf groß sei. Nur bei der Politik sei das offensichtlich nicht so.

Der Film wurde auch in Leopoldshöhe gezeigt. 290 Zehnt- und Neuntklässler der Felix-Fechenbach-Gesamtschule erlebten, dass auf rechtsextremen Partymeilen über alle Grenzen hinweg gefeiert wird. Soviel zum Thema schlafende Hunde. Peter Ohlendorf: "Die Hunde sind höchst aktiv."
     

  Geeignet oder nicht geeignet?
     
"Ich kann nicht verstehen, dass der Film den Neunt- und Zehntklässlern aus Oerlinghausen nicht gezeigt worden ist", sagt Peter Ohlendorf. Stefan Sudholt, Leiter des Niklas-Luhmann-Gymnasiums, hat sich "Blut muss fließen" angeschaut und war hinterher der Meinung, "dass er für Neuntklässler nicht geeignet ist". Zu lang sei er.

Zwar mache die Art der Darstellung deutlich, worum es gehe, seinem Eindruck nach sei er aber "im höchstem Maße redundant". Sudholt machte das an wiederkehrenden Konzertszenen fest. Uwe Scheele, Leiter der Gesamtschule, sieht das anders. Wer denn schon Kontakt mit rechtsradikaler Musik gehabt habe, will Scheele von den Jugendlichen wissen. Mutig heben sich acht Hände. Nicht so sehr wegen der Texte, sondern wegen der ansprechenden Musik, lautet die Begründung. Ob die Polizei sich einfach nicht traut, einzugreifen, will ein Schüler wissen. "Das wäre fatal", entgegnete Peter Ohlendorf, "aber viele sehen keinen Handlungsspielraum".
(kap)

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