Johannes Stefan Müller, Leiter des St.-Hedwigs-Hauses (l.) begrüßt EU-Kommissionspräsident Manuel José Barroso und CDU-Europaparlamentarier Elmar Brok (r.) an der Büste des Soziologen Niklas Luhmann. - © FOTO: KARIN PRIGNITZ
Johannes Stefan Müller, Leiter des St.-Hedwigs-Hauses (l.) begrüßt EU-Kommissionspräsident Manuel José Barroso und CDU-Europaparlamentarier Elmar Brok (r.) an der Büste des Soziologen Niklas Luhmann. | © FOTO: KARIN PRIGNITZ

OERLINGHAUSEN Barroso will wiederkommen

Kommissionspräsident besucht Heimvolkshochschule und Weber-Villa

VON KARIN PRIGNITZ

Oerlinghausen. "Übrigens, Manuel José Barroso kommt nach Oerlinghausen." Geglaubt hat Johannes Stefan Müller das zunächst niemand. Und vielleicht, ja vielleicht, hatte der Leiter des St.-Hedwigs-Hauses ja tatsächlich gescherzt. Aus soziologischer Sicht sicherlich sehr aufschlussreich. Am Samstagnachmittag kam der Präsident der Europäischen Kommission dann tatsächlich.

Alles ist vorbereitet. Christoph Kubus und sein Team haben Getränke und Häppchen vorbereitet, die Bürgermeisterin hat das Goldene Buch der Stadt im Gepäck. Direkt hinter Christian Wulff und Dinah Pfizenmaier wird sich Manuel José Barroso dort später eintragen.

Fast eine halbe Stunde lassen der EU-Chef und sein Gefolge auf sich warten, dann aber kommt die Wagenkolonne mit dem hohen Gast -von der Polizei flankiert - die Hermannstraße hinunter gerauscht. Barroso steigt aus, schüttelt Hände, plaudert, macht eine gute Figur zwischen den von Bruno Buschmann gefertigten Bronzebüsten Niklas Luhmanns und Max Webers. Erst seit kurzem stehen die Soziologen-Büsten im Garten des Hedwigs-Hauses, und schon ziehen sie einen Mann mit hohem Amt in die Stadt.

Das ungewohnte Wort Oerlinghausen will Barroso noch nicht flüssig über die Lippen kommen. Zum ersten Mal sei er hier, sagt der 56-Jährige, der englisch spricht, "aber ich hoffe, nicht zum letzten Mal".

"Der höchste Besuch, den wir je in Oerlinghausen hatten, ein historischer Tag", das hebt Bürgermeisterin Dr. Ursula Herbort in ihren Begrüßungsworten hervor und zudem die wichtige Arbeit des Hedwigs-Hauses für die europäische Integration. Die wird in der Heimvolkshochschule seit Jahrzehnten praktiziert. Etliche Europaprojekte sind im Institut für Migrations- und Aussiedlerfragen bereits umgesetzt worden, davon kann sich der EU-Chef nun persönlich überzeugen.

Der Besuch Barrosos " ist eine hohe Anerkennung für unsere Bildungsarbeit", sagt Johannes Müller. Begleitet wird Barroso vom Europaparlamentarier Elmar Brok und dem Parlamentarischen Staatssekretär beim Bundesfinanzministerium, Steffen Kampeter. "Jetzt ist die gesamte deutsche Geisteskraft in Oerlinghausen", scherzt Brok, nachdem Johannes Müller die Gäste am "Ort der geistigen Geselligkeit" begrüßt hat.

Aspekte wie Ethik, Wissenschaft und Kultur dürften neben der Krise in Europa nicht in Vergessenheit geraten, das fordert José Manuel Barroso bei seinem Besuch in der Bergstadt. Hier trifft der EU-Kommissionspräsident nach kurzer Fahrt in der Weber-Villa auf Schüler des Soziologen Niklas Luhmann, dessen Tochter Veronika und Luhmann-Enkel Philipp Niklas.

"Sehr aufschlussreich", bestätigt Prof. Dr. André Kieserling, der Nachfolger Luhmanns auf dessen Lehrstuhl an der Universität Bielefeld ist, sei die Diskussion in der Weber-Villa verlaufen. Die These, dass er allein aufgrund der nationalen Zugehörigkeit einer Partei wisse, wie jemand zu Reiz- und Konfliktthemen stehe, lässt Barroso nicht gelten und betont: "Das Amt ist entscheidend." Dass das europäische Recht trotz aller Unterschiede in den Ländern im Vordergrund steht, darauf sei er stolz. Die Europadebatte sei vielleicht gut für die Politik, aber schlecht für die Wirtschaft, das sagt Barroso auch.

Er nimmt sich überraschend viel Zeit, zeigt sich als angenehmer, eloquenter, wissbegieriger Gesprächspartner, bringt die rund 20 Gäste in der Weber-Villa zum Nachdenken und auch zum Lachen. Ausführlich spricht er über die Schwierigkeiten, mit denen das vereinte Europa derzeit kämpft und lässt Sätze wie "Noch nie haben Griechen so oft über Deutschland gesprochen" einfließen.

Auch zum schwierigen von Luhmann beschriebenen Kommunikations-Verhältnis von Administration und Politik nimmt Barroso Stellung. "Die Welt hat immer zwei Seiten." Einer seiner Mitarbeiter signalisiert: Noch fünf Minuten. Der Flieger wartet. Der Portugiese macht dennoch zehn daraus. Dann geht’s -immer begleitet von acht Personenschützern der Polizei Bielefeld- zu den Wagen Richtung Flughafen Paderborn. Im Gepäck hat José Manuel Barroso ein Portrait von Niklas Luhmann. Gezeichnet von Alexander Kapitanowski, geschenkt von Elmar Brok. Gewonnen hat er Sympathie.

Copyright © Neue Westfälische 2017
Texte und Fotos von nw.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Kommentare

Die Kommentarfunktion für diesen Artikel ist deaktiviert.

nw.de bietet Ihnen unter vielen Artikeln und Themen die Gelegenheit, Ihre Meinung abzugeben, mit anderen registrierten Nutzern zu diskutieren und sich zu streiten. nw.de ist jedoch kein Forum für Beleidigungen, Unterstellungen, Diskriminierungen und rassistische Bemerkungen. Deshalb schalten wir bei Artikeln über Prozesse, Straftaten, Demonstrationen von rechts- und linksradikalen Gruppen, Flüchtlinge usw. die Kommentarfunktion aus. Näheres dazu lesen Sie in unseren Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion (Netiquette) und in dem Kommentar unseres Chefredakteurs Thomas Seim zur Meinungsfreiheit im Forum der NW.

realisiert durch evolver group