Idyllisch: Die Friedhofsmühle in der Schopke auf einem nachkolorierten Bild im Jahre 1930. Sie liegt nur einen halben Kilometer unterhalb des Schützenplatzes und wurde schon vor längerer Zeit zu einem Wohnhaus umgebaut. - © Horst Biere
Idyllisch: Die Friedhofsmühle in der Schopke auf einem nachkolorierten Bild im Jahre 1930. Sie liegt nur einen halben Kilometer unterhalb des Schützenplatzes und wurde schon vor längerer Zeit zu einem Wohnhaus umgebaut. | © Horst Biere

Oerlinghausen Alles Müller, oder was?!

Stadtgeschichte: Im Schopketal gab es insgesamt drei Wassermühlen. Doch die Mühlenbesitzer hatten oftmals außer dem Kornmahlen noch weitere Jobs

Horst Biere

Oerlinghausen. Auf dem Tönsberg stand eine Windmühle, und im Schopketal drehten sich die Räder von gleich drei Wassermühlen. Eine der ältesten Mühlen in Lippe war die Menkhauser Mühle, die später Brands Mühle genannt wurde. Noch heute führt eine gleichnamige Straße in Lipperreihe zu dem alten Mühlengelände. Bereits im Jahre 1522 erhielt der Müller vom lippischen Grafen das sogenannte „Mühlenprivileg“. Das war ein krisenfestes Geschäft, denn alle Bauern der Umgebung hatten laut gräflicher Anweisung nur dort ihr Korn zu mahlen. Schwieriger wurde der Müllerberuf allerdings im Jahre 1610. Denn damals musste der Mühlenpächter zusätzlich die Grenze nach Preußen kontrollieren. Immer wieder gab es an der Kontrollstation am Hellweg, dort wo heute der Bachlauf die Straße unterquert, Auseinandersetzungen mit Transporteuren und Schmugglern.ZOLLEINTREIBER In alten Protokollen sei zu lesen, so berichtete Ortshistoriker Werner Höltke, dass ein anderer Müller aus Hillegossen und einige weitere Warenlieferanten die Zollstelle umfahren hätten, um keinen Zoll entrichten zu müssen. Ein großer Schmuggler war auch der Ravensberger Susemeier, der sich eine eigene Furt weiter südlich durch den Bach gebaut hatte, um die lippisch-preußische Zollstelle zu umfahren. Erst als die Zollstelle auf die Bauernhöfe und Gaststätten Jakobskrüger und später den Bartholdskrüger übergingen, konnten sich die Müller der Menkhauser Mühle wieder mehr ihrem eigentlichen Geschäft zuwenden.Frewerts Mühle bot Schutz vor dem blutigen Häuserkampf Als ein echter Geschäftsprofi erwies sich der Müller Gußtav Adolf Huwendiek, der um 1840 die abgewirtschaftete Menkhauser Mühle erwarb und sie vollständig modernisierte. Doch Huwendiek wurde ein Opfer seine Berufs: seine durch Mehlstaub geschädigte Lunge zwang ihn zur Aufgabe. Er erwarb mit seiner Familie das Haus am Steinbült Nr. 2, wo er aber bald verstarb. Die Kornmühle in der Schopke ging 1873 an den Müller Wilhelm Brand. Seitdem hieß der Mühlbetrieb Brands Mühle. Erst im Jahre 1955 stellte die Mühle ihren Betrieb ein.ÖLMÜHLE UND LEINENWÄSCHEREI Aber schon seit dem Ende des 18. Jahrhunderts hatte das Gut Menkhausen einige hundert Meter weiter schopkeabwärts eine Oelmühle errichtet. In ihr zerkleinerte man zwischen zwei Mühlsteinen hauptsächlich ölhaltigen Rübensamen. Der Ölbrei lieferte nach Erhitzen, Rühren und Auspressen wertvolles Naturöl, den restlichen „Ölkuchen“ verfütterte man als Kraftfutter an Kühe und Schafe. Doch der Ölmühlbetrieb endete 1848 weil immer weniger Rübensamen zur Verfügung stand. Aber ein neues Unternehmen entstand in dem Gebäude der Ölmühle an der Schopke. Der Sohn des Oerlinghauser Leinenhändler Tölcke baute die Mühle zu einer Leinenseiferei um. In einem riesigen Bottich ließ er sein Rohleinen mit Seifenwasser auswaschen. Das Mühlrad lieferte über eine große Welle die Bewegung, um die Wäsche hin- und herzuschaukeln. Die Nachbehandlung der Textilien, das Ausbleichen, erfolgte dann in der Leinenbleiche an der Holter Straße (heute Ecke An der Bleiche). Die Leinenseiferei stellte ihren Waschbetrieb um 1870, nach dem Tod von Ludwig Tölcke, ein.MODERNERE FRIEDHOFSMÜHLE Die dritte Mühle im Schopketal war die Friedhofsmühle. Sie liegt eine hundert Meter unterhalb des Schützenplatzes und wurde von Müller Friedhof im Jahre 1895 gebaut. Sein Sohn betrieb das Geschäft in zweiter Generation, bevor der Oerlinghauser Müller Frewert die Mühle übernahm. Noch bis weit nach dem Zweiten Weltkrieg konnte man in „Frewerts Mühle“ gemahlenes Schrot oder andere Mahlprodukte erwerben. In den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs übrigens bildete die Mühle einen Zufluchtsort für Oerlinghauser, die den blutigen Häuserkämpfen beim Einmarsch der Alliierten entgehen wollten. Die Friedhofsmühle galt bereits in der Vorkriegszeit als kleiner aber technisch moderner Betrieb. Das Mühlrad, das mit dem Wasser aus einem aufgestauten Teich in Bewegung versetzt wurde, trieb schon eine Turbine an. So erzeugte man Strom für das Mahlwerk. Auch wenn keine Wasserkraft zur Verfügung stand, in Trockenzeiten oder bei Vereisung, konnte Schrot oder Mehl produziert werden. In diesem Fall sorgte eine Lokomobile, eine Dampfmaschine, für den Antrieb der Turbine. So war in der Friedhofsmühle ein ganzjähriges Getreidemahlen möglich.

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