Oerlinghausen Die Bergstadt war mal Kirmes-Metropole

Auf dem früheren Kram- und Viehmarkt standen die Verkaufsstände von der Apotheke bis zur Kirche. Am Jägerhaus drehte sich ein Karussell mit Pferdeantrieb

Horst Biere

Oerlinghausen. Kirmes im Oerlinghausen in den 60er Jahren – viele erinnern sich daran. Auf dem ehemaligen Marktplatz der Stadt, auf dem heute das große Gebäude der Sparkasse steht, empfingen laute Musik, Losbuden-Werbesprüche, Autoscooter-Hupen und Schiffschaukelquietschen die Besucher – immer wieder übertönt von der durchdringenden Fanfare auf Dorenkamps Raupe, die sich vor dem Feuerwehrgerätehaus drehte. Dazu kam das leckere Duftgemisch vom Bratwurststand der Fleischerei Schmidt und der Geruch von gebrannten Mandeln aus Oberschelps Süßwaren-Express.DER PASTOR BESCHWERTE SICH HEFTIG Aber die beliebte Marktplatz-Kirmes der Nachkriegszeit hatte eine lange Vorgeschichte. Denn im Bergdorf am Tönsberg trafen sich Schausteller und Viehhändler früher zu einem der größten Märkte weit und breit. Bereits seit ältester Zeit wurde in Oerlinghausen auf dem „Siebenbrüdertag“ am 10. Juli ein Jahrmarkt abgehalten. Die Verkaufsbuden des „Siebenbrüdermarkts“ standen unmittelbar auf dem Kirchhof an der Alexanderkirche. In einer alten Chronik ist zu lesen, Oerlinghausens Pastor Von Cölln habe sich darüber beschwert habe, dass die Buden auf dem Kirchhof seinen Sonntagsgottesdienst störten. Seitdem durfte auf dem Markt zumindest während der Gottesdienstzeit nicht mehr gehandelt werden. Später genehmigte die lippische Verwaltung einen Frühjahrsmarkt Anfang März, und seit dem Jahre 1770 kamen die Besucher der ganzen Region am 17. und 18. Oktober beim Oerlinghauser Kram- und Viehmarkt zusammen. Etwa 100 Jahre später verlegte man den Jahrmarkt unter der Bezeichnung „Oerlinghauser Herbstkirmes“ in den November.VIEHMARKT AM AMTSGARTEN Denn erst in den späten Herbsttagen kehrten die vielen Ziegler, die während der Sommermonate in Ziegeleien Norddeutschlands gearbeitet hatten, mit dem „Pucken up’n Nacken und dem Gelde in der Jacken“ zurück ins Dorf. Und erst dann wurde auf dem Jahrmarkt eingekauft. Brauchte man also eine neue Wanne, einen Kochtopf oder einen Gemüsekorb, so wartete man mit der Anschaffung bis zur Oerlinghauser Herbstkirmes. Bis zum Jahre 1896 fand der Jahrmarktbetrieb entlang der Hauptstraße statt. Die Kühe des Viehmarkts standen an Ketten festgebunden an der langen Bruchsteinmauer des Amtsgartens. Die Straßen waren total verdreckt, doch die Hinterlassenschaften der Tiere hielten niemanden davon ab, von Stand zu Stand zu ziehen und nach hübschen oder nützlichen Sachen Ausschau zu halten. Vor dem Hause des Kaufmanns Asemissen in der Hauptstraße 24 (heute kik-Markt) standen die Lemgoer und Blomberger Schuhmacher mit ihrer großen Auswahl an derben, handgearbeiteten Schuhen. Die Küfer und Mollenhauer, die Holzbehälter und hölzerne Schweinewannen anboten, hatten ihren Platz vor der Kantorschule in der Hauptstraße 36 (gegenüber des Jägerhauses). Auf dem Jägerplatz vor dem Gasthaus ging’s rund. Dort drehte sich ein kleines Karussell, das von Pferden oder Ochsen in die Runde gezogen wurde. Auch eine Tanzbühne, die „Knuttenbühne“, baute man hier auf. Die Honigkuchenbuden standen vor der Apotheke, vor dem Amtshaus (Stadthotel), am Gehrenberg und auf dem kleinen Platz an der Kirche.„HARFENMÄDCHEN“ SANGEN In den vielen Gastwirtschaften des Dorfes herrschte an Markttagen ebenfalls Hochbetrieb. Denn um 1890 kam auf 170 Einwohner eine Kneipe. Der Chronist August Reuter schrieb: „14 Schankwirtschaften sind eine Menge für ein Dorf mit 2.400 Einwohnern“. Allein rings um die Alexanderkirche lagen vier Schänken. August Reuter weiter: „In den Gastwirtschaften saßen die Harfenmädchen und sangen wehmütige Liebeslieder von der ‚Blume Männertreu‘ in des Tales Gründen.“ Der Alkohol floss in Strömen. Weniger das gute Bier aus Beckers Brauerei (heute Bürgerhaus) wurde getrunken – vielmehr der „Lüttke“ aus einer der vielen Schnapsdestillerien des Ortes. Aber die Gemeinde suchte schon lange nach einem zentralen Festplatz, auf dem man die Jahrmärkte sowie die regelmäßigen Wochenmärkte und größere Dorffeiern veranstalten konnte. Als im Sommer 1895 der bekannte Tierarzt Tasche starb, kaufte die Dorfschaft von seinen Erben die am „Misttor“ (heute Beginn der Rathausstraße) gelegenen Grundstücke „Taschen-Garten“ und „Taschen-Feld“ auf und legte dort den Oerlinghauser Marktplatz an.DER VIEHMARKT WURDE VERLEGT Der alte Hellweg durch die Felder wurde ausgebaut und erhielt den Namen Marktstraße. Nun verlegte man den Viehmarkt auf den neuen Platz und behielt so die Hauptstraße in einem relativ sauberen Zustand. Zweimal im Jahr lief seither auf dem Marktplatz die Oerlinghauser Kirmes, die anfangs noch von einem Viehmarkt begleitet wurde. Aber auch andere Großveranstaltungen fanden dort statt. Politische Versammlungen und Aufmärsche in der Vorkriegszeit, Feuerwehrfeste oder Schützenparaden in den Nachkriegsjahren. Häufig gastierten auch die großen Schausteller wie Zirkus Barum auf dem Marktplatz. Das Ende des Jahrmarkttrubels auf dem Marktplatz wurde im Jahre 1991 eingeläutet. Mit dem Bau der neuen Sparkasse und der Neugestaltung des Platzes und seinen Wohnhäusern ringsum mussten die Schausteller auf einen neuen Kirmesplatz am Rathaus umziehen.

realisiert durch evolver group