Hoch hinaus. Mit Leitern übte die Oerlingauser Feuerwehr im Jahre 1930 die Brandbekämpfung in der damaligen Amtssparkasse. - © Repro: Horst Biere / Quelle: Archive Höltke und Nowak
Hoch hinaus. Mit Leitern übte die Oerlingauser Feuerwehr im Jahre 1930 die Brandbekämpfung in der damaligen Amtssparkasse. | © Repro: Horst Biere / Quelle: Archive Höltke und Nowak

Oerlinghausen Das Ende der Sprützengesellschaft

Stadtgeschichte: Immer wieder brannte es im Bergdorf, doch erst 1881 lernte die Oerlinghauser Feuerwehr so etwas wie eine vernünftige Brandbekämpfung

Horst Biere

Oerlinghausen. Es knallte ganz gewaltig in der Oerlinghauser Hauptstraße Nr. 42 im heißen August 1871 – im Haus des heutigen Bestattungsunternehmens Bohle-Heilmann. Im obersten Geschoss flogen Türen und Fenster aus den Angeln. Die heftige Explosion setzte auch den Dachstuhl in Brand. Die „Sprützengesellschaft“ rückte mit ihrer fahrbaren Druckspritze an und bekämpfte das Feuer mit großer Mühe, doch das Haus war stark beschädigt. Was war geschehen? Ein Knecht des Apothekers Melm bewohnte in der Hauptstraße 42 ein Zimmer. Er hatte nicht abgebrannte Feuerwerkskörper der Friedensfeier nach dem Sieg gegen Frankreich gebunkert, berichtet Chronist Werner Höltke. Zwei Monate später kam es zur Selbstzündung – das Zimmer im Dachgeschoss explodierte und entfachte ein Feuer. Aber die Brandbekämpfung war ein mühsames Geschäft im Oerlinghausen des 19. Jahrhunderts. Die Sprützengesellschaft, die Vorläuferin der Freiwilligen Feuerwehr, war wenig geübt darin, ein Feuer gezielt zu löschen. Man besaß zwar eine handbetriebene Druckspritze, die von Pferden gezogen wurde, doch die Spritze wurde stets vor den Brandherd gefahren und musste mit Wasser befüllt werden. Also bildeten die Feuerwehrleute eine Eimerkette bis zum Wasserbassin am Simonsplatz. Eimer für Eimer reichte man weiter bis zur Feuerspritze und füllte sie dort in einen Bottich. Der Mann an der Spritze zielte mit dem Wasser dorthin, wo gerade die Flammen zu sehen waren.Großbrand an der Kirche Verheerend wirkte sich auch ein Feuer im Haus des Wirts und Bäckers Henning an der Hauptstraße 70 (heute der Parkplatz vor der Alexanderkirche) im Sommer 1861 aus. Das Wirtshaus, in dessen Saal abends zuvor noch eine große Tanzveranstaltung lief, geriet morgens in Flammen. Auch einige Nachbarhäuser brannten ab. An einem Sonntagabend Anfang April 1878 gab es wieder einmal einen Großbrand im Dorf. Das Haus des Zieglermeisters Hollmann an der Hermannstraße 20 stand in Flammen. Und obwohl genügend Wasser aus einer Quelle ander Tönsberg-Nordseite zur Verfügung stand, kam die Sprützengesellschaft mit ihrer Druckspritze nicht gegen das Feuer an. Immer wieder ereigneten sich in diesen Jahrzehnten schlimme Brände, die man nur dilettantisch löschen konnte – auch weil es in Oerlinghausen um die Wasserversorgung schlecht bestellt war. Nach dem katastrophalen Brand im Pollmannskrug in Lipperreihe, wo die Einwohner zudem noch alle Alkoholvorräte geplündert hatten, platzte den Gemeinderatsvertretern der Kragen. Eine Freiwillige Feuerwehr wurde 1881 aus der Taufe gehoben. Als „Commandant“ führte der Fabrikant Bruno Müller die Wehrleute an. Schon bald kam die erste große Bewährungsprobe. Kurz vor Weihnachten 1881 geriet das Haus des Posthalters Brathuhn an der Detmolder Straße in Brand. Doch die modernere Form der Brandbekämpfung unter Müllers Leitung zeigte offenbar Wirkung. Die Feuerwehrleute wurden für ihren gezielten Einsatz hinterher öffentlich gelobt. Zwar gab es noch ein wenig Kompetenzgerangel mit der alten Sprützengesellschaft, doch letztlich wurde diese recht bald aufgelöst. Die Oerlinghauser Gemeindeverwaltung übertrug der neuen Wehr den gesamten Feuerlöschdienst. Die Fürstlich-Lippische Regierung bewilligte recht schnell die Gelder, um die Feuerwehr auch technisch besser auszustatten. Im Protokoll des lippischen Feuerwehrtages 1882 heißt es, dass die Oerlinghauser Feuerwehr einen vierrädrigen „Requisitenwagen“ sowie eine „Abprotz-Saugspritze“ und einen Schlauchwagen mit 24 Hanfschläuchen von jeweils 15 Metern anschafften konnte. Und Commandant Bruno Müller brachte immer mehr Schwung und Übung in die Oerlinghauser Feuerwehr. Im Jahr 1886 durfte das Kirchdorf am Tönsberg mit Genehmigung der lippischen Landesregierung sogar das Verbandsfest der Freiwilligen Feuerwehren ausrichten.Lob für neue Freiwillige Feuerwehr Die Lippische Landeszeitung berichtete später über das Landestreffen in einem heroischen Artikel: „Zum Empfange der auswärtigen Gäste hatte Oerlinghausen sein schönstes Festkleid angelegt. An der Detmolder Chaussee in der Nähe des Spritzenhauses (heute Ecke Kalderberg) prangte ein hübscher Ehrenbogen mit der Inschrift: Ihr tapferen Mannen der Feuerwehr – Oh seid uns gegrüßt auf das Beste – Vom Tönsberg hallet zu Eurer Ehr‘ – Der Gruß: Willkommen zum Feste“. Feuerwehrchef Bruno Müller blieb bis 1901 im Amt, dann legte er aus Altersgründen seinen Posten als Wehrführer nieder. Sein Nachfolger wurde Heinrich Tintelnot.

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