Oerlinghausen Der Jogi Löw des Segelflugs

Luftsportzentrum: Wolli Beyer ist Deutscher Meister im Streckensegelflug. Damit ist er Mitglied der Segelflug-Nationalmannschaft und hat sich für die WM qualifiziert

Karin Prignitz

Oerlinghausen. „Man muss täglich aus der Komfortzone heraustreten“, sagt Wolli Beyer. „Das ist ganz wichtig.“ In Australien hat er Menschen kennengelernt, „die alle zehn bis 15 Jahre etwas anderes machen“. Genau diese immer neuen Herausforderungen sucht auch der erfolgreiche Segelflieger. Vor ein paar Tagen ist Wolli Beyer bei der Deutschen Segelflug-Meisterschaft im nordrhein-westfälischen Bad Breisig der Konkurrenz davon und auf den ersten Platz geflogen. Dieser Erfolg ist umso beeindruckender, wenn man weiß, dass Beyer am ersten Wertungstag nur auf Platz 21 rangierte. „Das Wetter war schlecht, wir mussten noch mal landen.“ Immerhin 50 Kilometer habe er dann aber doch noch fliegen können. Wie sich später herausstellen sollte, der Garant für den Sieg. Platz 21 und 400 Punkte Rückstand, das seien normalerweise völlig aussichtslose Voraussetzungen, erzählt Wolli Beyer, der im zweiten Jahr auch Segelflug-Bundestrainer ist. „An den nächsten Tagen waren wir dann immer unter den Weitesten und Schnellsten“, bezieht Beyer auch seinen Freund Felix Hoffmann, der später auf Platz Zwei kam, mit ein. Beide fliegen das gleiche Flugzeug, eine H301 Libelle. Und sie haben mit ihrer grandiosen Leistung den derzeit amtierenden Weltmeister Jan Rothhardt auf den dritten Platz verwiesen.Grandiose Leistungin der Libelle 15 Jahre war Wolli Beyer, der in Herford geboren und in Lage aufgewachsen ist, als er mit der Segelfliegerei begonnen hat. 1998, „direkt am Anfang“ war er schon einmal Deutscher Meister in der Clubklasse. „Wie im richtigen Leben geht es danach auch nicht immer nur konstant aufwärts“, erzählt Beyer. Aber er blieb dran, ist drei Jahre später bei den Weltmeisterschaften mitgeflogen und 16. unter 46 Startern geworden. „27.000 Segelflieger in sechs Klassen gibt es in Deutschland“, erzählt Beyer, der 15 Jahre lang in Oerlinghausen als Zahnarzt praktiziert hat. „Die Clubklasse ist die größte Klasse.“ Vor allem deshalb, weil die Flugzeuge einigermaßen erschwinglich sind. Wer sich für die Meisterschaften qualifizieren will, der muss allerdings richtig gut sein. „Von 220 bis 240 werden 36 herausgefiltert.“ Seine Erfahrung gibt Wolli Beyer als Angestellter des Deutschen Aero-Clubs und Bundestrainer, „quasi wie der Jogi Löw im Fußball“ an den Nachwuchs weiter. Trainieren, koordinieren, das sind mittlerweile seine Hauptaufgaben. Rund 50 Flieger gehören dem deutschen A-, B- und C-Kader an. „Im Januar in Australien, zweimal in Tschechien zur Frauen WM und EM, Trainingslager in Frankreich, ich bin konstant unterwegs“, bestätigt der Weltenbummler. Als Teamchef fliegt er selbst nicht, übernimmt stattdessen das Coaching, die Wetterberatung, das mentale Training. A-Trainer des Deutschen Olympischen Sportbundes ist er ohnehin. Seit Ende 2015 forciert der Bundestrainer außerdem die Zusammenarbeit mit der Universität Erlangen. „Mit dem Institut für Sport und Sportwissenschaft.“ Entwickelt würden dort sogenannte Rahmentrainingskonzeptionen. Einer der wichtige Punkte sei die Sportpsychologie. Wolli Beyer hat sich neben vier ehrenamtlichen Co-Trainern Fachleute mit in den Flieger geholt. „Gerade die mentale Schiene ist beim Segelfliegen entscheidend.“ Ziel sei es, sagt Wolli Beyer, „dass wir uns den Richtlinien des DOSB (Deutscher Olympischer Sportbund) angleichen.“ Geplant sei, den Segelflug olympisch zu machen. Für den gerade ausgezeichneten Deutschen Meister liegt der Reiz des Segelfliegens „in der sportlichen Herausforderung, darin, an seine Grenzen zu gehen, das Beste aus sich und dem Wetter herauszuholen“. Er brauche, sagt Wolli Beyer, „immer ein bisschen mehr“. Im Juli 2018 wird er bei den Weltmeisterschaften in Polen mitfliegen und auch dort ganz sicher an seine Grenzen gehen.

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