Hochprozentig: Ein Souvenir aus frühester Schnapsmanufaktur ist der Chinabitter (oben links). Henner Wachsmuth-Melm nennt ihn einen Vorläufer des heutigen Melmer. FOTO: HORST BIERE - © Horst Biere
Hochprozentig: Ein Souvenir aus frühester Schnapsmanufaktur ist der Chinabitter (oben links). Henner Wachsmuth-Melm nennt ihn einen Vorläufer des heutigen Melmer. FOTO: HORST BIERE | © Horst Biere

Oerlinghausen Schnapsideen aus der Apotheke

Stadtgeschichte: Vor 60 Jahren kam der Melmer auf den Markt. Der bekannte Kräuterbitter und andere Apotheken-Alkoholika sind Markenbotschafter der Bergstadt

Horst Biere

Oerlinghausen. Der Melmer ist ein echtes Oerlinghauser Original. Manche nennen ihn „unseren Landwein“, einige sprechen von „Heimatwasser“. Der vielgerühmte Kräuterbitter aus der Melmschen Hirschapotheke ist seit vielen Jahren die bekannteste Schnapsmarke aus heimischer Produktion. Der Apothekertrunk wird als Geschenk für Geburtstagspartys ebenso geschätzt wie als hochprozentiges Dankeschön-Präsent bei offiziellen Einladungen . 60 Jahre alt wird in unseren Tagen der Melmer. Seine Grundrezeptur schlummerten bis dato in viel älteren Rezeptbüchern der Familie Wachsmuth-Melm. Sie sind ein gut gehütetes Familiengeheimnis der Apothekerdynastie. Seinen ersten Auftritt hatte der heutige Melmer vor sechs Jahrzehnten eher im kleinen Kreis. Nach dem Krieg wollten die Apotheker Carl Wachsmuth-Melm und sein Sohn Carl-Ludwig – Großvater und Vater des heutigen Inhabers Henner Wachsmuth-Melm – etwas zur Belebung der Kegelabende in ihrem „Kegelclub von 1864“ beisteuern, einen Kräuterbitter. Man testete deshalb eine alte Rezeptur aus dem Apotheken-Archiv. „Er sollte damals in der spartanischen Nachkriegszeit eine gewisse Unterstützung für fröhliche Clubabende liefern und natürlich etwas für die Gesundheit tun“, sagt Henner Wachsmuth-Melm, humorvoll rückblickend. Die ersten zehn Liter jedenfalls, die aus dem Versuchslabor der Apotheke stammten, wanderten durch die Kehlen der Kegelbrüder. „Das Getränk fand auf Anhieb großen Anklang“, sagt auch Kegelbruder Dieter Kochsiek, der damals zwar noch nicht dabei war, jedoch in der Chronik des Clubs nachgeschaut hat. Bald schon interessierten sich auch einige Oerlinghauser Gaststätten für den bekömmlichen Magenbitter aus der Apotheke. Durch viel Mund-zu-Mund-Propaganda kamen schnell weitere Abnehmer in OWL hinzu. Das Geschäft lief so prächtig, dass es notwendig wurde, den Melmer – und später weitere Produkte – in einer eigenen Vertriebsfirma zu vermarkten. „Heute liefern wir für Kunden in ganz Deutschland und Europa“ beschreibt Wachsmuth-Melm die Erfolgsstory. „In Oerlinghausen entstand sogar ein eigenes Melmerlied“, fügt er lächelnd hinzu.Es werden nur Pflanzenstoffe verwendet In Handarbeit stellt Henner Wachsmuth-Melm seinen Kräuterbitter auch heute noch her. „28 verschiedene Zutaten, nur Pflanzen und ihre Extrakte, gehören hinein“, rechnet der Apotheker vor. Die abgemessenen Zutaten wandern in den Perkolator, ein zylinderförmiges Metallgefäß, so groß wie ein Haushaltswasserboiler. Im Apotheker-Perkolator werden die Inhaltstoffe mit reinem Alkohol aus den Pflanzen ausgezogen. Das erfordert einige Tage Zeit, bis die übliche Charge von etwa 200 Litern in die bekannten bauchigen Melmerflaschen abgefüllt werden kann. Der Erfolg des Melmers von Anfang an beflügelte die Kreativität der rührigen Apothekerfamilie. Weitere Schnapsentwicklungen folgten. Der „Jagdvater“, ein Aperitif, kam 1975 auf den Markt. Ebenfalls in die jagdliche Richtung zielte der „Platzhirsch“, der seit 1985 im Angebot ist. Für den eher süßen Geschmack hat der Apotheker dann um das Jahr 2000 den Melmerotti kreiert. Zu einem weiteren echten Verkaufsschlager neben dem Melmer entwickelte sich später der Töns, ein sehr hochprozentiger Kräutergeistlikör, der erst vor zwölf Jahren das Versuchslabor verlassen hat. „Eigentlich wollte ich ihn ‚Antoniusgeist‘ nennen“, erinnert sich Henner Wachsmuth-Melm. Er habe ihn anfangs im Kreis der Schützen, in seiner „Vümften Kompanie“ vorgestellt. Aber nachdem die Schützenkameraden die Testflaschen geleert hatten, konnte niemand mehr das Wort „Antoniusgeist“ aussprechen. „Einer der Freunde hat nur noch undeutlich das Wort Töns nuscheln können. Da haben wir ihn der Einfachheit halber Töns genannt“, sagt er und schmunzelt.Tunnelschnaps gab's auch Immer wieder haben gerade die Oerlinghauser Schützen den Apotheker auf neue „Schnapsideen“ gebracht. So entwickelte Wachsmuth-Melm zum 400-jährigen Bestehen der Schützengesellschaft einen speziellen „Schützenbitter“. Und als man den Autotunnel durch den Menkhauser Berg im Jahre 1998 eröffnete, lieferte der kreative Apotheker einen „Menker Tunneltrunk“ für die Bergwacht der Schützen. Einen eigenen „Tunnelschnaps“ gab es für die Juxtruppen, als sie am Schützenfestmontag einen Tunnelbau durch den Tönsberg planten. Als ein Exportschlager aus Oerlinghauser Manufaktur gilt seit vielen Jahren schon die Schnapsflasche in Form eines lippischen Schützen, dessen klarer alkoholischer Inhalt auch aus dem Produktionsraum der Apotheke stammt. Ebenfalls im Bereich der klaren Schnäpse liegt der Melmer Kristall. Und in der Himbeersaison läuft der hauseigene Destillierapparat auf Hochtouren. Dann destilliert der Apotheker einen klaren, hochprozentigen „Himbeergeist“, der stets eine große Abnehmerschar hat. Für die heimische Gastronomie gab es immer wieder spezielle ideenreiche Angebote. So schätzen die Gäste des Lokals „Klappe 30“ sehr den Kräuterlikör „Filmriss“, der in Mini-Schraubflaschen angeboten wird. Die Kunststoff-Fläschchen – ohne Inhalt – werden normalerweise zu großen Mineralwasserflaschen geformt. Weiter ausbauen möchte Henner Wachsmuth-Melm sein hochprozentiges Geschäft offenbar nicht. Denn die Herstellung von alkoholischen Getränken behält so noch etwas von Exklusivität und handgemachter Qualität. Und schließlich gibt es in seiner Apotheke ja auch noch das angestammte Arzneimittelgeschäft.

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