Oerlinghausen "Ohne Kunst ist das Leben ein Irrtum"

INTERVIEW: Professor Dr. Andreas Beaugrand übernimmt beim Kunstverein Oerlinghausen die Nachfolge von Fred Schierenbeck

Karin Prignitz

Oerlinghausen. Am Sonntag, 28. Mai, wird in den Räumen des Kunstvereins Oerlinghausen in der Alten Synagoge an der Tönsbergstraße 4 um 11.30 Uhr die Ausstellung „Kling Klang“ des Malers und Grafikers Michel Meyer aus Weinheim eröffnet. Dabei sein wird auch der neue Künstlerische Leiter Andreas Beaugrand. NW-Mitarbeiterin Karin Prignitz hat vorher mit ihm gesprochen. Herr Beaugrand, in Bielefeld waren Sie lange Geschäftsführer des dortigen Kunstvereins. Sie sind Professor an der Fachhochschule Bielefeld, Autor, Vorstandsmitglied und Kurator. Mit Ihrer Frau betreiben sie die Beaugrand Kulturkonzepte Bielefeld. Was hat den Ausschlag gegeben, Ihre Ideen und Ihre Erfahrung nun auch im Kunstverein Oerlinghausen einzubringen? ANDREAS BEAUGRAND: Die Freude an der Kunst und die Freundschaft mit Künstlerinnen und Künstlern, hier die mit Fred Schierenbeck, den ich seit vielen Jahren kenne und schätze, dessen Kunst ich vielfach ausgestellt habe und der mich vor einigen Wochen zu meiner Überraschung gefragt hat, ob ich mir diese Aufgabe vorstellen könnte. Nach einigen Überlegungen und Gesprächen mit vielen Beteiligten und nicht zuletzt mit dem Vereinsvorstand habe ich dann sehr gerne zugesagt. Die Ausstellungen finden in der ehemaligen Synagoge statt. Ein geschichtsträchtiger Ort. Und ein idealer Raum für Kunst? BEAUGRAND: Die Synagoge ist historisch, architektonisch und räumlich ein Kleinod. Es gibt nur wenige Ausstellungsräumlichkeiten mit einer derartigen Kraft und Ausstrahlung. Hier sind die Spuren der Geschichte als Aura im Sinne Walter Benjamins spürbar und das kann die Kunst, die Kunstbetrachtung, im wahrsten Wortsinne die Kunsterfahrung unglaublich bereichern. Ich glaube, dass hier möglich ist, was der im Jahre 2002 102-jährig verstorbene Philosoph Hans-Georg Gadamer in seiner Schrift Die Aktualität des Schönen. Kunst als Spiel, Symbol und Fest so treffend formuliert hat: „Das Wesen der Zeiterfahrung der Kunst ist, dass wir zu verweilen lernen. Das ist vielleicht die uns zugemessene Entsprechung zu dem, was man Ewigkeit nennt.“ Der Kunstverein Oerlinghausen hat lange die Handschrift der künstlerischen Leiterin Gisela Burkamp getragen, seit einigen Jahren die ihres Nachfolgers Fred Schierenbeck. Nun werden Sie die Aufgabe übernehmen. Worauf werden Sie Ihr Augenmerk legen? BEAUGRAND: Es ist mir sehr wichtig, diese im Kunstverein Oerlinghausen schon lange bestehende Tradition qualitätsvoller und anspruchsvoller Kunstvermittlung im Sinne von Gisela und Dieter Burkamp und von Fred Schierenbeck fortzusetzen. Mit Gisela Burkamp und Fred Schierenbeck habe ich mich zudem darüber verständigen können, dass sie auch weiterhin für den Kunstverein da sind und mit mir zusammenarbeiten. Das freut mich sehr. Sinnstiftende Kunstarbeit funktioniert ohnehin nur in freundschaftlichem Miteinander. Viele namhafte Künstlerinnen und Künstler haben in den vergangenen vier Jahrzehnten ihre Arbeiten in der Synagoge und im Bürgerhaus gezeigt. Wo sehen Sie die Kriterien für Ausstellungen des Kunstvereins? BEAUGRAND: Seit vielen Jahren vertrete ich die Auffassung, dass Kunstkommerz, Handel und Spekulationen mit Kunst als Aktie den Blick auf das ureigentliche Wesen der Kunst verstellen. Das vielfach verbreitete Inszenieren, Installieren von Kunst und das Arrangieren von sogenannten „Kunst-Events“ der „Lifestyle-Generation“, die offenbar nur noch erleben will, was „trendy“ ist, nervt zusehends. Ich bin kein Freund dieser ominösen „langen Nächte“, opulenten Previews mit angesagtem Caterer, hipper Weltmusik oder Festen aus welchem Anlass auch immer. Gute Kunst an einem guten Ort und in Ruhe – im Sinne des italienischen Begriffs „noia“, mit Muße und in „langer Weile“ und in tatsächlicher Realität – und nicht in Smartphone wischender Virtualität zu ermöglichen: Dass ist es, was ich möchte. Die Ausstellung „INTERMEZZO. Mein Bild – meine Geschichte“ ist kürzlich zu Ende gegangen und auf großes Interesse gestoßen. Menschen konnten ihre Lieblingsbilder, egal ob von namhaften Künstlern oder selbst gemalt, zeigen. Ein Format, das auch Sie sich vorstellen können? BEAUGRAND: Darüber wollen wir weiterhin sprechen. Die Frage ist ja ganz grundsätzlich, welche Kunst unter welchen Voraussetzungen und mit welchem kulturellen Ziel einer größeren Öffentlichkeit präsentiert wird. Künstlerische Fertigkeit, biografische Stringenz und dieses gewisse Etwas in einem Bild oder Objekt, das Kunst erst qualitätsvoll, nicht „für den Tag“ und damit in gewissem Sinne gültig, zukunftsfähig und dauerhaft macht, sind wesentliche Voraussetzungen für eine öffentliche Präsentation. Sehen Sie die Zusammenarbeit mit anderen Kunstvereinen als Option? In welcher Form kann sie gelingen? BEAUGRAND: Selbstverständlich, zumal die Kunstszene in Ostwestfalen-Lippe zwar erstaunlich vielfältig, aber doch überschaubar ist – beides übrigens große Vorteile unserer Region. Bei einem Treffen der ostwestfälisch-lippischen Kunstvereine in Lemgo haben wir in der vergangenen Woche vereinbart, die Zusammenarbeit etwa durch die Verlinkung der jeweiligen Websites zu intensivieren, um gemeinsam Gespräche zur Kunst, Vorträge oder Kunstreisen zu veranstalten oder überhaupt gegenseitig von Veranstaltungen zu erfahren. Schwer vorstellbar ist für mich allerdings, dass wir zum Beispiel zeitgleich oder zeitnah dieselbe Künstlerin oder denselben Künstler präsentieren. Eine gewisse Exklusivität sollte es grundsätzlich geben, was im Kunstverein Oerlinghausen ja schon durch den besonderen Ort der Synagoge gesetzt ist, auf den die ausgestellte Kunst immer eingehen sollte. Was bedeutet Kunst für Sie ganz persönlich? BEAUGRAND: Kunst macht und gibt mir Lebensfreude, wir leben in und mit der Kunst und den Menschen, die sie machen. Frei nach Friedrich Wilhelm Nietzsche würde ich sagen: „Ohne Kunst ist das Leben ein Irrtum.“ Er hatte das ja über die Musik gesagt, die mich übrigens auch begeistert. Ist für Sie ein Leben ohne Kunst überhaupt vorstellbar? BEAUGRAND: Ich bin dankbar, gesund zu sein und all‘ das machen zu können, was ich im Augenblick mache. Zu diesem Leben in Gesundheit gehören für mich meine Familie, befreundete Menschen, das angenehme Lebensumfeld, Reisen, Bücher, Musik und vieles mehr, auch die Kunst. Noch eine Frage abseits der Kunst. Was macht Andreas Beaugrand, wenn er sich nicht in irgendeiner Form mit der Kunst beschäftigt? BEAUGRAND: Die Ungerechtigkeiten in unserer zunehmend zerrissener sich entwickelnden Gesellschaft berühren mich sehr. Deshalb engagiere ich mich als Vorstandsmitglied der Sozial-Aktien-Gesellschaft Bielefeld und der Stiftung Solidarität bei Arbeitslosigkeit und Armut zusammen mit meinem Freund und Kollegen Franz Schaible und vielen anderen für die Verbesserung der Lebensumstände von armen und unverschuldet in Arbeitslosigkeit geratenen Menschen, indem wir für ihre Beschäftigung und Qualifizierung in gemeinnützigen Kontexten sorgen. Dazu zählt neben vielen anderen Projekten die Alte Ziegelei Westeregeln, die wir in den vergangenen knapp 20 Jahren in der Magdeburger Börde saniert haben und als Museumsziegelei betreiben, und für deren Erhalt ich mich auch als Vorsitzender des dortigen Fördervereins einsetze.      

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