Autowerbung anno dazumal. Dürkopp stellte auch Luxus-Limousinen her - © Repro: Horst Biere / Quelle: Historisches Museum Bielefeld
Autowerbung anno dazumal. Dürkopp stellte auch Luxus-Limousinen her | © Repro: Horst Biere / Quelle: Historisches Museum Bielefeld

Oerlinghausen Jakob Risse – der Autobauer

Stadtgeschichte: Der Oerlinghauser war ein begabter Stellmacher, Flugzeughersteller, Karosseriebauer – aber vor allem ein beliebter und sozial engagierter Bürger

Horst Biere

Oerlinghausen. Er hat sicherlich eine der bemerkenswertesten Karrieren im früheren Oerlinghausen absolviert – Jakob Risse. Bei Dürkopp in Bielefeld fand er als junger 20-jähriger Mann nach dem Ersten Weltkrieg eine Anstellung. Nicht etwa in den bekannten Sparten Fahrräder, Motorräder oder Nähmaschinen, mit denen man gewöhnlich den Namen Dürkopp in Verbindung bringt. Jakob Risse wurde Autobauer. Der begabte Handwerker aus Oerlinghausen avancierte zum Karosserieexperten der legendären Dürkopp-Automobile. Sein Arbeitsleben startete Jakob Risse in seiner Geburtsstadt Lemgo mit einer Stellmacherlehre. Landauer, also leichte Pferdekutschen, hatte er in seinem Lehrbetrieb, der Firma Scheidt, hergestellt. Nach dem Krieg kam der begeisterte Fußballer Risse nach Oerlinghausen, denn er hatte in der Bergstadt seine Luise, geborene Büker, kennengelernt. Die beiden heirateten und bezogen eine Wohnung an der Hauptstraße unweit des Brachtshofs. Doch mit Arbeitsplätzen war es in der Nachkriegszeit schlecht bestellt – bis die Chance von Dürkopp kam. Nikolaus Dürkopp, der seinerzeit große Bielefelder Unternehmer, hatte seinen Betrieb bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts zu einem der bedeutendsten Nähmaschinen- und Fahrradhersteller entwickelt. Sein Ziel war es jedoch, auch auf dem aufstrebenden Automobilmarkt eine wichtige Rolle zu spielen. Und dafür brauchte der Autofan Dürkopp gute und kreative Handwerker, insbesondere Holztechniker, denn die ganze Karosserie eines Dürkopp-Automobils war mit einer ausgeklügelten Holztechnik aufgebaut. Als Nikolaus Dürkopp im Jahre 1918 starb, führte sein Sohn Paul das Unternehmen weiter. Mit einem kleinen Team fertigte Jakob Risse in den 1920er Jahren die Karosserien der Autos. Die Automobile Dürkopps waren immer Einzelstücke, die auf Bestellung angefertigt wurden, was ganz im Sinne des Firmengründers war. Die Erfüllung spezieller Kundenwünsche stand an oberster Stelle. Doch das kostete immens Geld. In wirtschaftlich guten Zeiten konnte man die Eigenheiten bei der Automobilproduktion durch die blühenden Gewinne aus der Nähmaschinen- und Fahrradfabrikation finanzieren. Doch in der Nachkriegszeit mit hoher Inflation, Wirtschaftskrise und knappen Kassen war Schluss mit solchen unrentablen Luxusgeschäften. Man stellte die Automobilproduktion 1927 ein. Wenn es nötig war, half Jakob Risse auch schon mal beim Drachenbau Jakob Risse verlor ebenfalls seine Arbeit, fand aber eine neue Tätigkeit im Karosseriebau der Firma Freudenau in Bielefeld und später bei der Firma Schulz und Mann. Fahrerhäuser für Lkw produzierte der Betrieb. Doch der beginnende Zweite Weltkrieg veränderte viele beruflichen Laufbahnen und persönliche Perspektiven. Es begannen Jakob Risses Berufsjahre in der Bergstadt. Als Stellmachermeister machte er sich in Oerlinghausen selbstständig und bezog eine kleine Werkstatt unmittelbar am Simonsplatz. In Hermann Runges Klempner- und Installateurbetrieb am Anfang der Pfarrstraße richtete er seine Werkstatt ein und produzierte, was der Oerlinghauser Markt – vor allem das Geschäft von Heinrich Bremer – an solider Holztechnik verlangte. Stabile Handwagen oder leichte Schubkarren für Transporte aller Art. Sägeböcke, um das Holz aus den Wäldern in handliche Stücke zu schneiden. Auch für den Wintersportsektor war er tätig. Er fertigte Rodelschlitten und Skier, die oftmals auch in den Bielefelder Sporthäusern verkauft wurden. Für viele handwerklichen Aufgaben in Oerlinghausen hatte der beliebte Jakob Risse die richtigen Lösungen. Denn die meisten Bürger kannten seine gute Arbeit noch aus der Zeit, als im Segelflugverein „Sturmvogel“ eigene Flugzeuge unter seiner Regie gebaut wurden. Der sozialdemokratisch geprägte Sturmvogel wurde aber bereits 1933 durch die Nazis aufgelöst. Auch die Kinder und Jugendlichen Oerlinghausens hatten immer eine Anlaufstation bei den großen oder kleinen handwerklichen Problemen des Alltags. Sein Sohn Heinz Risse, der heute 90-jährig an der Kilian-Kirchhoff-Straße lebt, sagt: „Einmal kamen zwei kleine Jungen in seine Werkstatt und fragten ihn schüchtern, ob er ihnen wohl beim Drachenbauen helfen könne.“ Jakob Risse zögerte nicht lange und schnitt den beiden Oerlinghauser Steppkes sehr dünne und biegsame Latten als Drachengerüst zurecht, das sie dann nur noch mit leichtem Papier bespannen mussten. Gerade in Notzeiten waren Menschen wie Jakob Risse unverzichtbar. Als in den Hungerjahren nach dem Zweiten Weltkrieg einfachste Maschinen benötigt wurden, stellte er in gekonnter Handarbeit eine Rübenkrautpresse aus Holz her. Damit konnte der wertvolle Zuckersaft aus den Zuckerrüben herausgepresst werden. Rübensirup war eines der wichtigsten Nahrungsmittel nach dem Krieg. Eines seiner Meisterstücke existiert noch heute. Heinz Risse: „Für Familie Oberschelp, die mit einem Verkaufswagen auf Jahrmärkten Lebkuchen und andere Süßigkeiten vertrieben, hat mein Vater in Handarbeit vor Jahrzehnten einen neuen Jahrmarktwagen konstruiert und hergestellt. Das Gefährt ist so solide gebaut, es sieht heute noch aus wie früher.“ Jakob Risse starb 1984 im Alter von 85 Jahren.

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