Luftiges Hobby um 1940: Der SG 38 wird an den Fliegerkuppen von der Haltmannschaft so lange festgehalten, bis das Gummiseil von der Zugmannschaft straff gespannt war, und man so den Gleiter in die Luft katapultierte. Repro: Horst Biere - © Repro Horst Biere
Luftiges Hobby um 1940: Der SG 38 wird an den Fliegerkuppen von der Haltmannschaft so lange festgehalten, bis das Gummiseil von der Zugmannschaft straff gespannt war, und man so den Gleiter in die Luft katapultierte. Repro: Horst Biere | © Repro Horst Biere

Oerlinghausen Und es flog wie verrückt

Flugplatzgeschichte: Segelflugpionier Hans Peter Schulz erlebte bereits den Urahn des modernen Segelfliegens, den Schulgleiter SG 38. Als der Pilot noch im Freien saß

Horst Biere

Oerlinghausen. Er ist so etwas wie der Dinosaurier unter den Segelflugzeugen – der SG 38. Sein Rumpf und seine Tragfläche erinnern an einen Haufen zusammengeklebter Geo-Dreiecke. An der vorderen Kante des Fliegers saß der Pilot wie auf einem Schlitten. Auch in Oerlinghausen haben Flugschüler mit dem Schulgleiter 38, dem Urahn der modernen Segelfliegerei zum ersten Mal abgehoben. Damals am Anfang der 1930er Jahre, als Segelfliegen noch ein echtes Abenteuer war, katapultierte man in Oerlinghausen den Gleiter mit einem Gummiseil von den Fliegerkuppen in die Luft. Das war der Auftakt des Segelfliegens in unserer Region. Ein Segelflug-Pionier jener Tage kam jüngst in die Bergstadt. Hans Peter Schulz hat auf dem luftigen Sperrholzsitz unter der großen Tragfläche in den 1940er Jahren das Fliegen gelernt. Der 90-jährige Veteran, der heute in Bielefeld-Brake lebt, glitt zwar nicht in Oerlinghausen, sondern in seiner alten Heimat in Pommern erstmals in die Lüfte, doch ein Modell des SG 38 am Oerlinghauser Segelflugplatz faszinierte ihn. Und Geschäftsführer Rolf Tiemeyer lud ihn ein. „Der Segelflugplatz ist nicht nur Oerlinghausens Touristenattraktion“, sagt Tiemeyer, „sondern er hat auch die längste Geschichte“. Um den Flugplatz für Besuchergruppen oder Schulklassen noch informativer zu gestalten, will Tiemeyer nun auch die hundert Jahre alte Vergangenheit des Segelfliegens mehr in den Blickpunkt rücken. „Zeitzeugen aus den Kindertagen des Segelflugzeuges werden immer seltener, deshalb habe ich gern einen Flugpionier wie Hans Peter Schulz zu einem persönlichen Gespräch eingeladen.“ Und der brachte auch gleich seine Lebenserinnerungen mit, die er in einem faszinierenden Buch beschrieben hat. Wie die ersten Segelflieger in Oerlinghausen, entwarfen auch die Flugbegeisterten in Pommern ihre Fluggeräte selbst. Hans Peter Schulz: „Wir bauten es aus einem Bausatz. Richtig perfekt sollte es werden. Wir hatten mit Feile, Hammer und Raspel daran gearbeitet, hatten es mit Leinen bespannt, mit Spannlack bestrichen, und es flog wie verrückt.“ »Mekka der deutschen Segelfliegerei« In dem früheren ostpreußischen Ort Rossitten auf der Kurischen Nehrung an der Ostsee machte Schulz 1944 dann eine weitere Flugprüfung. „Rossitten war Mekka der deutschen Segelfliegerei im Osten“. „Stete Aufwinde, hohe Dünen, viel Gelände für weiche Landungen – das waren ideale Bedingungen.“ Beim Start mit der Winde zog ein dünnes Seil die SG 38 schon über 100 Meter hoch in die Luft. „Das erforderte Mut denn wir saßen in einem Gebilde aus dünnen Holzstangen, ganz viel Draht und ein bisschen Tuchbespannung – und hatten oftmals weiche Knie.“ Der Schulgleiter SG 38 erwies sich durch seine robuste Bauweise als besonders geeignet für die damals übliche Einsitzer-Schulung, da er auch härtere Landungen überstand. Kaum ein Gleitflugzeug wurde häufiger gebaut und geflogen. Tausende von Piloten machten deutschlandweit ihre ersten Luftsprünge auf einem SG 38. Auch die ersten Oerlinghauser Flugschüler lernten mit dem Schulgleiter die Welt von oben her kennen. Doch Fliegen zu lernen, bedeutete hier ebenfalls zuallererst harte Knochenarbeit und viel handwerkliches Geschick. Denn alle Flugzeuge wurden noch von Hand gefertigt. Im Verein „Sturmvogel“ zum Beispiel stellten jugendliche Flugbegeisterte unter der Regie von guten Handwerkern wie dem begabten Karosseriebauer Jakob Risse ein eigenes Schulflugzeug her. Sein Sohn Heinz Risse erinnert sich: „Schüler und Lehrlinge aller Berufe bauten jeden Tag in einer Werkstatt hinter der Gaststätte Wolfseiche an der Holter Straße an dem neuen Segelflugzeug“. Namen wie Fritz (Tempo) Drewes, Fritz Blome, Adolf Kindsgrab, Fritz Egger, Karl Siebrasse oder Willi Biere fallen ihm ein. Als 14-Jähriger saß auch der heute 91 Jahre alte Heinz Risse schon in einem SG 38 und legte mit dem Schulgleiter die ersten kleinen Hüpfer in der Luft zurück.

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