Im Gespräch: Über ihre Installation „BOW ROW“ tauscht sich Miriam Jonas (Mitte) mit der Kunstvereinsvorsitzenden, Isolde Müller-Borchert, und dem künstlerischen Leiter, Andreas Beaugrand, aus. - © Knut Dinter
Im Gespräch: Über ihre Installation „BOW ROW“ tauscht sich Miriam Jonas (Mitte) mit der Kunstvereinsvorsitzenden, Isolde Müller-Borchert, und dem künstlerischen Leiter, Andreas Beaugrand, aus. | © Knut Dinter

Oerlinghausen Miriam Jonas stellt in der Alten Synagoge Oerlinghausen aus

Kunstverein: Die Künstlerin Miriam Jonas ließ sich von dem geschichtsträchtigen Gebäude an der Tönsbergstraße zu einem Raumtaster inspirieren.

Knut Dinter

Oerlinghausen. „Sie erleben heute etwas ganz Besonderes und Großartiges, es ist eine Premiere.“ Mit diesen Worten kündigte Andreas Beaugrand, künstlerischer Leiter des Kunstvereins Oerlinghausen, die neue Ausstellung in der ehemaligen Synagoge an. Eigens für den Raum hat Miriam Jonas eine kinetisch-audio-visuelle Installation geschaffen. Das Werk ist dort seit Sonntag zu sehen. Ein leises, monotones Brummen erfüllt den Raum. Das Geräusch entstammt einer etwa drei Meter hohen weißen Säule in der Mitte. Darin befindet sich der brummende Motor, der langsam einen gebogenen Stab antreibt. An seinem Ende befindet sich ein Stück schwarzer Ölkreide, das die Wände entlangfährt und dabei zarte Spuren hinterlässt. Für dieses „BOW ROW“ genannte Werk ließ sich Miriam Jonas bei Besuchen in Oerlinghausen inspirieren. „Ich arbeite immer ortsbezogen“, erklärte die in Paderborn geborene und in Berlin arbeitende Künstlerin bei der Eröffnung der Ausstellung. In der früheren Synagoge konzentrierte sie sich zunächst „auf das Wesentliche des Raumes, die Ruhe, die schöne Gewölbedecke“. Sie erinnerte sich dabei an das im Judentum „Schockeln“ genannte Wiegen des Körpers. Durch die stete Bewegung nach vorn und zurück wollen die Betenden zur Andacht kommen und ihre eigene Mitte finden, erläuterte die Künstlerin. Eine weitere Assoziation boten die kreisförmigen Mandalas. Feine Linien an der Wand Das Ergebnis ihrer Überlegungen führte zum „Raumtaster“, jenem flexiblen und sensiblen Halter für den Kreidestift. Miriam Jonas: „Es ist auch ein Abtasten der Geschichte dieses Raumes.“ Die Fenster sind verhängt, die ohnehin weißen Wände wirken noch heller, da auch das Holzfries in halber Höhe weiß verhüllt ist. Sobald die Künstlerin den Motor startete, entstanden entlang der Wände ganz feine Linien. „Sie könnten als Jahresringe eines Baumes oder als Notenlinien betrachtet werden“, sagte Miriam Jonas. Im Laufe der Zeit vervollständige sich die Zeichnung und wirke jedes Mal anders. „Sie wird so ein Teil der Geschichte dieses Hauses.“ Um den gewünschten Effekt zu erzielen, müsse und dürfe nachjustiert werden. Da die Säule beweglich ist, könne ihr Standort gern auch verändert werden. „Ich lade Sie ein, darauf einzuwirken“, sagte die Künstlerin in Richtung der Ausstellungsbesucher. Und Beaugrand ergänzte: „Deshalb sollten Sie möglichst häufig kommen, um den Entstehungsprozess weiter zu verfolgen.“ Miriam Jonas empfahl, möglichst allein den Raum zu betreten und sich bei den sinnlichen Eindrücken nicht durch farbenfroh gekleidete andere Menschen ablenken zu lassen. Wer die Installation auf sich wirken lasse, erlebe wie die Zeit verrinnt, meinte der künstlerische Leiter. Das Werk sei zugleich ein Appell, beim Betrachten von Kunst dieselbe Dauer an Aufmerksamkeit zu widmen wie der Musik und der Literatur.

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