Tragisch: Nach dem Unfall im Freibad sind die Sorgen um den kleinen Jungen, der zu ertrinken drohte, groß. Das Foto entstand am Unglückstag. Im Hintergrund ist ein Einsatzfahrzeug der Feuerwehr zu sehen. - © Karin Prignitz
Tragisch: Nach dem Unfall im Freibad sind die Sorgen um den kleinen Jungen, der zu ertrinken drohte, groß. Das Foto entstand am Unglückstag. Im Hintergrund ist ein Einsatzfahrzeug der Feuerwehr zu sehen. | © Karin Prignitz

Oerlinghausen Nach Badeunfall: Achtjähriger Junge liegt im Koma

Unglück: Achtklässler des Gymnasiums hat sich beim tragischen Freibadunfall vorbildlich verhalten. Er hat unverzüglich den Notruf gewählt und die anderen Kinder betreut

Karin Prignitz

Oerlinghausen. Der irakische Junge, der am Donnerstag im Freibad von Feuerwehrkräften vor dem Ertrinken gerettet und reanimiert worden ist, liegt im Koma und muss beatmet werden. Sein Gesundheitszustand ist nach wie vor kritisch. Entgegen anderer Informationen ist der Achtjährige nicht in eine Herzklinik verlegt worden, sondern liegt nach wie vor im Evangelischen Klinikum Bielefeld-Bethel (Gilead). Das Mitgefühl und die Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung ist seit dem tragischen Unfall ebenso groß wie die Resonanz auf den von Heike Weidhase und der Buchhandlung Blume gestarteten Spendenaufruf. Gesammelt wird, damit es der Familie möglich ist, öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen, um den Sohn und Bruder im Krankenhaus zu besuchen. Ein in den sozialen Netzwerken viel diskutiertes Thema, in dem es in einigen Posts auch um die Herkunft des verunglückten Jungen und die Frage geht, ob Hilfe denn überhaupt nötig sei. Jörg Czyborra hält dem eindeutig entgegen: „Wir diskutieren nicht über Nationalität, Herkunft, Glaube, Haarfarbe. Wir sehen hier den Menschen, das reicht!" Bestes Beispiel ist Harled. Seine familiären Wurzeln liegen ebenfalls im Irak. Seine Mutter ist aus dem Irak geflohen und lebt seit 2010 lebt mit ihren vier Kindern in Oerlinghausen. Bildung ist ihr wichtig. So hat die gelernte Krankenschwester ihre Kinder erzogen. Und deshalb wusste ihr Sohn genau, was er im entscheidenden Moment tun musste. Im Sommer wird Harled 14 Jahre alt. Geboren worden ist er in Deutschland. Derzeit besucht er die achte Klasse des Niklas-Luhmann-Gymnasiums. Später einmal Anwalt zu werden, das kann er sich gut vorstellen. Beim Freibad-Unglück hat er sich vorbildlich verhalten. Das haben die Polizisten vor Ort ihm und seiner Mutter immer wieder bestätigt. Harled hatte am Unglückstag etwas für seine Mutter in der Stadt besorgt. Weil der Bus erst eine halbe Stunde später fuhr, entschloss er sich, zu Fuß nach Hause Richtung Südstadt zu gehen. „Als ich gegen 16.40 Uhr am Freibad vorbei kam, habe ich dort drei Kinder am großen Sprungturm gesehen", erzählt Harled. Er wusste, dass das Bad zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht geöffnet hatte und fragte die Kinder, was sie denn dort machen. „Ich habe große Angst gehabt und jetzt muss ich immer an den kleinen Jungen denken" „Sie kamen mir entgegen, ein Kind hat angefangen zu weinen" und „mein Bruder" gerufen. Der Gymnasiast kletterte über den Zaun und sah den Jungen im Wasser liegen. Schnell war ihm klar, dass der Versuch, den Jungen mit einer Metallstange rauszuholen, nicht gelingen würde. Harled wählte unverzüglich die Nummer der Feuerwehr, um zu schildern, was passiert ist. „Hol einen anderen Passanten ans Telefon, mach auf dich aufmerksam", das sei ihm gesagt worden, erzählt Harled. Er wies Kinder, die sich in der Nähe aufhielten an, auf die Feuerwehr zu warten und passte selbst auf die Kinder im Freibad auf. Ein 82-jähriger Radfahrer, den er zuvor angehalten und nach den Anweisungen der Feuerwehr gebeten hatte, das Gespräch zu übernehmen, gelangte schließlich auch über den Zaun ins Freibad. Ehe er agieren musste, waren die Feuerwehrkameraden bereits hineingesprungen. „Das alles geht uns sehr nahe", sagt Harleds Mutter. Als sie informiert wurde, hatte sie zunächst gedacht, ihrem eigenen Sohn sei etwas passiert. „Ich habe große Angst gehabt und jetzt muss ich immer an den kleinen Jungen denken." Obwohl auch sie aus dem Irak stammt, kennt sie die andere Familie nicht. Wenn es nötig ist, hat sie sich aber angeboten zu übersetzen, damit die Eltern im Krankenhaus verstehen, was die Ärzte sagen. Und ihr Sohn Harled, der ist für sie „ein großer Held".

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