Glücklichere Tage: Heinrich und Irma Herz (unten links und Mitte) feiern im Kreis von Freunden. 
Repros: Horst Biere / Quelle: Archiv Jürgen Hartmann - © Repros: Horst Biere / Quelle: Archiv Jürgen Hartmann
Glücklichere Tage: Heinrich und Irma Herz (unten links und Mitte) feiern im Kreis von Freunden.
Repros: Horst Biere / Quelle: Archiv Jürgen Hartmann | © Repros: Horst Biere / Quelle: Archiv Jürgen Hartmann

Oerlinghausen Dunkle Tage in der Stadt

Stadtgeschichte: Mit brutaler Gewalt verwüsteten die Nazis das Geschäft der jüdischen Familie Herz im November 1938. Die Familie hoffte bis zuletzt auf ein Schiff nach Südamerika

Horst Biere

Mit brutaler Gewalt verwüsteten die Nazis das Geschäft der jüdischen Familie Herz im November 1938. Die Familie hoffte bis zuletzt auf ein Schiff nach Südamerika. Oerlinghausen. In einer brutalen Gewaltaktion, mit zertrümmerten Fensterscheiben und einem verwüsteten Textilgeschäft in der Hauptstraße wurde das Ende des jüdischen Lebens in Oerlinghausen eingeleitet – damals am Abend des 10. November 1938. In jenen Tagen war die Existenz der jüdischen Gemeinde, die mit der Synagoge an der Tönsbergstraße ihr religiöses Zentrum besaß, schon weitgehend erloschen. Die Nazis hatten nach der Machtergreifung im Frühjahr 1933 immer wieder durch Hetze, Terror und Verhaftungen die jüdischen Familien in Oerlinghausen, wie die Bornheims, die Herz, die Kuhlemeyers oder die Windmüllers aus der Öffentlichkeit herausgedrängt. Wer konnte, der verkaufte seine letzte Habe und versuchte, außer Landes zu kommen. Nun, zum Zeitpunkt der sogenannten Reichskristallnacht am 9. und 10. November 1938, lebten nur noch die dreiköpfige Familie Herz und das Ehepaar Eduard und Else Kuhlemeyer in der Bergstadt. „Heinrich Herz, der mit seiner Frau Irma und seinem kleinen Sohn Manfred an der Hauptstraße 78 (damals Adolf-Hitler-Straße) wohnte und ein kleines Textilgeschäft besaß, war der letzte Vorsteher der Synagogengemeinde“, schreibt der Historiker Jürgen Hartmann, der das jüdische Leben und die Zeit der Nazi-Herrschaft in der Bergstadt erforscht hat. Bereits im Sommer 1938 hatte Heinrich Herz die Synagoge an Johann Sikka verkauft, einen staatenlosen Mann mit russischen Wurzeln, der übrigens bis in die 1960er Jahre dort lebte und eine kleine Werkstatt betrieb. Als die Nazis in ganz Deutschland im November 1938 die Reichspogromnacht ausriefen war auch das Geschäft der Familie Herz von der Gewalt der SA betroffen. „Mit Pflastersteinen wurden zwei Schaufenster und ein Stubenfenster eingeworfen“, sagte ein angeklagter SA-Mann nach dem Krieg vor einem Detmolder Gericht, „bevor der Oerlinghauser Ortsgruppenleiter und ein SA-Mann die Stuben- und Ladentür mit Fußtritten aufbrachen und in den Ladenraum eindrangen. Hier begannen sie Stoffballen aus den Regalen zu zerren und ein Regal umzustürzen.“ „Weinend lief der kleine Manfred über die Straße zu Nachbarn und rief ihnen zu: Bei uns wird alles kaputt geschlagen“, sagt die heute 98-jährige Else Schnabel, die damals schon gegenüber wohnte und sich noch an diese dunklen Tage erinnert. Irma Herz, deren Mann Heinrich bereits am Morgen zusammen mit Eduard Kuhlemeyer festgenommen und nach Bielefeld ins Gefängnis gebracht wurde, trat den SA-Leuten mutig entgegen: „Meine Herren, was wünschen Sie?“ „Altes Judenweib! Mach, dass Du weg kommst oder Du bekommst welche“, habe daraufhin der Ortsgruppenleiter gesagt. „Sie glauben gar nicht, wie einsam wir uns fühlen hier in Oerlinghausen“ Die Drohungen wirkten. Noch in dieser Nacht willigte Irma Herz in den Verkauf ihres Hauses ein, der zwei Wochen später notariell besiegelt wurde. Ende November 1938 war auch ihr Ehemann Heinrich Herz aus dem KZ Buchenwald entlassen worden, wohin man ihn nach der Verhaftung zusammen mit Eduard Kuhlemeyer gebracht hatte. Den Grund für die Entlassung von Heinrich Herz könnte die geplante Emigration der Familie Herz nach Uruguay gewesen sein, vermutet Historiker Jürgen Hartmann. Denn bereits lange zuvor hatte sich Familie Herz um Auswanderung nach Südamerika bemüht und sogar schon Spanischunterricht bei einem Oerlinghauser genommen – der sie allerdings betrog: „Unsere Spanischstunden konnten wir nicht wieder bei K. aufnehmen, mein Mann stellte ihn zur Rede und er wurde dreckfrech. Sogar Schläge bot er ihm an“, schrieb sie an die befreundete Familie Bornheim. „Sie glauben gar nicht, wie einsam wir uns fühlen hier in Oerlinghausen.“ Für den 10. Dezember 1938 bot sich ein Entkommen aus Oerlinghausen an. Familie Herz erhielt den Zuschlag für eine Schiffspassage ab Bremen nach Uruguay. Doch in der gnadenlosen Nazi-Bürokratie wiederrief man die Genehmigung trotz aller eingereichten Dokumente und Umzugslisten. Völlig verzweifelt zog die Familie Anfang 1939 aus der Bergstadt weg nach Hamburg, um hier näher an einem Auswandererschiff zu sein. Ihr neues Zuhause bestand aus einer Einzimmerwohnung im sogenannten „Judenhaus“ in der Hamburger Grindelstraße. Mehrfach verhaftete die Gestapo die beiden und brachte sie immer wieder kurzzeitig ins Konzentrationslager Fuhlsbüttel. Sohn Manfred war inzwischen beim Großvater in Blumenthal bei Bremen. Heinrich Herz arbeitete in Hamburg als Gelegenheitsarbeiter, als Anstreicher oder als Erdarbeiter. Zu allem Überfluss wurde Irma Herz auch noch schwanger und bekam im April einen Sohn, den sie Uriel nannten. Im November 1941 schließlich trieb die Hamburger Gestapo die verbliebenen Juden in ein Sammellager und transportierte sie in ein Ghetto im weißrussischen Minsk. Auf den Transportlisten standen auch die Oerlinghauser Heinrich, Irma, Manfred und Uriel Herz. „Welch grausames Schicksal die vierköpfige Familie erlitt, ist nicht bekannt“, schreibt Historiker Jürgen Hartmann.

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