Die Dorfsheriffs: Jörg Kuhlemann und Manfred Noga (v. l.) werden demnächst Sprechstunden für besorgte Bürger anbieten. - © Gunter Held
Die Dorfsheriffs: Jörg Kuhlemann und Manfred Noga (v. l.) werden demnächst Sprechstunden für besorgte Bürger anbieten. | © Gunter Held

Oerlinghausen Mehr Sicherheit für die Südstadt, Lipperreihe und das Bokelfenn gefordert

Infoveranstaltung mit der Polizei: Bürger bilden gemeinsam mit der Polizei Arbeitsgruppen. Die wirbt dafür, die 110 als Notruf zu nutzen

Gunter Held

Oerlinghausen. Die Anzahl der Stühle, die im Saal des Dietrich-Bonhoeffer-Hauses aufgestellt waren, reichten bei weitem nicht. 90 Plätze, 160 Besucher. Das Thema war die Sicherheit in der Südstadt und im nördlichen Stukenbrock. Wie mehrfach berichtet, fühlen sich die Anwohner dort nicht mehr sicher. Seitdem die Belegungspraxis in der Zentralen Unterbringungseinrichtung (ZUE) geändert wurde und seit Anfang 2017 dort Menschen mit geringer Bleibeperspektive untergebracht werden, sind die Einbruchsdelikte in dem Bereich in die Höhe geschossen. Um die Bürger zu informieren, mit einigen Vorurteilen aufzuräumen, aber auch um die Ängste und den Ärger zu kanalisieren, hatte Bürgermeister Dirk Becker ins Bonhoeffer-Haus eingeladen. Die Polizei wurde vertreten von Christian Weicht, Leiter der Abteilung für Prävention und Opferschutz bei der Kreispolizeibehörde Detmold, Polizeisprecher Uwe Bauer, Jürgen Schnelle, Leiter der Wache in Lage, und Jörg Kuhlemann, der als Bezirksbeamter das Team in Oerlinghausen verstärkt.Oerlinghausen richtet E-Mail-Adresse »Sicherheit« ein Als Ergebnis des Abends nannte Becker die Bildung von Arbeitsgruppen, in denen Polizei und Bürger direkt zusammenarbeiten sollen. Außerdem richtet die Verwaltung eine E-Mail-Adresse ein, unter der Bürger Fragen und Anregungen rings um das Thema „Sicherheit“ schreiben können. Diese Adresse lautet: sicherheit@oerlinghausen.de „In dieser Sache gibt es nicht viel schönzureden“, sagte Becker bei der Begrüßung. „Wenn Angst da ist, ist Angst da. Einbrüche hat es zwar schon immer gegeben, aber jetzt werden sie in Zusammenhang gestellt mit der ZUE.“ Dabei seien die Oerlinghauser mit den Flüchtlingen, die seit 2014 in der ehemaligen Hellweg-Klinik untergebracht werden, gut zurechtgekommen. Erst mit der veränderten Belegungspraxis hätten sich die Probleme verschärft. „Jetzt müssen wir die Dinge offen angehen“, sagte der Bürgermeister und verwies auf die Resolution, die der Stadtrat an die Landesregierung gesandt hat. Darin wird gefordert, dass das Land die Menschen ohne Bleibeperspektive nicht in Oerlinghausen konzentrieren, sondern auf alle ZUE verteilen solle. Dirk Becker betonte, dass es sich bei der Veranstaltung im Bonhoeffer-Haus um die erste Aktion dieser Art handele. Eine zweite sei bereits geplant. Die werde höchstwahrscheinlich am Montag, 5. März, in der Aula des Gymnasiums stattfinden. Dann seien auch Politiker der Landesregierung, wie Staatssekretär Andreas Bothe, eingeladen.In knapp fünf Monaten hat es 32 Einbrüche und Einbruchsversuche gegeben Christian Weicht erklärte, dass er Zahlen und Fakten nennen werde, dass aber aus ermittlungstaktischen Gründen nicht alles gesagt werden dürfe. Auf die einfache Frage, wie viele Einbrüche und Einbruchsversuche denn bisher stattgefunden hätten, bemühte er dann aber die Polizeiliche Kriminalstatistik, die allerdings nur veraltete Zahlen offenbaren würde. Während seiner Ausführungen machte sich Unmut bei den Besuchern breit. Es sei doch eine einfache Frage. Warum er die nicht beantworten könne, wurde Weicht kritisiert. Er versuchte dann zu erklären, dass die Frage eben nicht einfach zu beantworten sei, weil die Statistik eben sehr umfangreich wäre. Er könne lediglich die Anzahl der Vorgänge nennen. Das seien 180 gewesen. Doch das sei eben alles, woraus bei der Polizei ein Vorgang gemacht werde. Die Frage nach der Anzahl der Notrufe aus Oerlinghausen konnte er nicht beantworten. Schließlich gab er doch zwei Zahlen preis: Vom 1. Oktober 2017 bis zum 13. Februar habe es in der Südstadt 32 Wohnungseinbrüche und Einbruchsversuche gegeben, im Bokelfenn sechs. Im gleichen Zeitraum ein Jahr vorher seien es in den beiden Gebieten lediglich fünf gewesen. Alle jedoch seien in der Umgebung der ZUE passiert. Auf den Einwurf eines Besuchers, seinem Schwiegersohn sei das Handy gestohlen worden und er habe es in der ZUE orten können, sagte Weicht, dass die Polizei solch einem Hinweis nicht ohne richterlichen Beschluss nachgehen dürfe. Wiederholt machte er darauf aufmerksam, dass jemand, der schlechte Erfahrungen oder ein ungutes Gefühl in einer Situation habe, den Polizeiruf 110 wählen solle. Das bekräftigte auch Pressesprecher Uwe Bauer. „Wir nennen die 110 schon gar nicht mehr Notruf, sondern bezeichnen sie als Polizeiruf.“ Viele Bürger hätten noch Hemmungen, die 110 zu wählen, weil sie der Ansicht seien, dann den Notruf zu blockieren. Dem sei aber nicht so. Ein anderer Besucher wollte wissen, ob er der Polizei Fotos übergeben dürfe, die er von verdächtigen Personen auf seinem Grundstück gemacht habe. Ja, das dürfe er, sagte Weicht. Aber er dürfe diese Fotos eben nur der Polizei geben. Wenn solche Fotos in sozialen Medien veröffentlicht würden, sei das ein Eingriff in die Persönlichkeitsrechte des Abgebildeten – und strafbar. Weicht informierte die Besucher auch darüber, dass die Ermittlungskommission „ZUE“ von Lage nach Detmold verlegt und personell verstärkt werde. „Wir versuchen, über das Landeskriminalamt weitere Kollegen zu bekommen“, sagte er.Bewohner der ZUE sind erkennungsdienstlich erfasst Jürgen Schnelle, Wachleiter aus Lage, der auch für Oerlinghausen zuständig ist, ergänzte: „Die Personaldichte der Polizei im Kreis Lippe ist die geringste in NRW. Das kommt daher, dass der Kreis Lippe der sicherste in NRW ist. Wir haben jetzt schon mehr Kollegen als uns (nach dem Personalschlüssel) zustehen.“ Es würden Polizisten aus ganz Lippe nach Lage verlagert, weshalb die Wahrscheinlichkeit, schnell vor Ort zu sein, wenn ein Polizeiruf eingeht, sehr hoch sei. Das bestätigten auch Besucher. Einer sagte: „Ich habe schon mehrfach die Polizei gerufen – und die war immer sehr schnell bei mir.“ Auf Nachfrage erklärte er, dass die Bewohner der ZUE alle erkennungsdienstlich behandelt worden seien. Allerdings gelte natürlich auch für die Bewohner der ZUE zunächst die Unschuldsvermutung – bis sich das Gegenteil beweisen ließe. Bei der beschleunigten Abschiebung von erwischten Straftätern müssten aber viele Rädchen ineinandergreifen. Ein weiteres Ergebnis des Abends ist, dass die Mehrheit der Anwohner keinen Generalverdacht gegen die Bewohner der ZUE hegen.

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