Tag der Arbeit: Am 1. Mai 1937 versammelten sich die Mitarbeiter der Firma Bobe zum traditionellen Maimarsch vor dem Firmengebäude an der Detmolder Straße. - © Repro: Horst Biere / Quelle: Archiv Werner Höltke
Tag der Arbeit: Am 1. Mai 1937 versammelten sich die Mitarbeiter der Firma Bobe zum traditionellen Maimarsch vor dem Firmengebäude an der Detmolder Straße. | © Repro: Horst Biere / Quelle: Archiv Werner Höltke

Oerlinghausen Bobes boomender Baubetrieb

Stadtgeschichte: Der Möbelhersteller eröffnete schon vor 1900 den ersten „Baumarkt“ und baute schlüsselfertige Häuser. Carl Bobe entwickelte Serienmöbel – aber auch ein Postleitzahlensystem

Horst Biere

Oerlinghausen. Die Handwerkerfamilie Bobe zählte wohl zu den weitblickendsten und kreativsten Mittelständlern unserer Region. Die Bobes betrieben einen Baumarkt, als es die Namen Toom und Praktiker noch längst nicht gab. Sie bauten bereits um 1900 schlüsselfertige Häuser zum Festpreis, als Fertighausbau noch ein Fremdwort war. Sie entwickelten Systemmöbel, lange bevor Ikea unsere Wohnungen damit füllte. Und dass der etwas versponnene Familienspross Carl Bobe schon um 1920 ein modernes Postleitzahlensystem ertüftelte, zählte nicht einmal zum Kerngeschäft der Haus- und Möbelbauerfamilie aus Oerlinghausen. „An der Detmolder Chaussee ließ sich der Asemisser Zimmermann Bobe im Jahre 1845 nieder", berichtete Ortshistoriker Werner Höltke im Arbeitskreis Alt-Oerlinghausen im Jägerhaus über die Anfänge der bemerkenswerten Familie. Nach dem gewonnen Krieg über Frankreich im Jahre 1871 habe in Oerlinghausen und Umgebung ein regelrechter Bauboom eingesetzt, der Bobes Zimmereibetrieb volle Auftragsbücher bescherte. Auf der Kundenliste standen nicht nur Oerlinghauser Familien mit den Webers und Müllers an der Spitze, sondern auch Höfe und Mühlenbetriebe in Asemissen, Hovedissen oder Dalbke. Aber erst Sohn Adolph Bobe, der in den 1880 Jahren nach seinen Reisen als Handwerksbursche immer mehr den väterlichen Betrieb übernahm, brachte frischen Wind und viel neues Know-how ins Geschäft. Wie ein moderner Bauträger arbeitete Adolph Bobe – häufig in Kooperation mit seinem Schwager, dem Zimmermann Carl Helmig. Neben dem Zimmereiunternehmen entstand noch ein Maurerbetrieb. Gleich zwei Steinbrüche erwarb Bobe, um den Betrieb mit Steinen zu versorgen, – einen an der Steinbruchstraße, einen an der heutigen B 66. Für die Transportarbeiten gründete er ein Fuhrunternehmen mit Pferdefuhrwerken mit bis zu sieben Pferden. Damit versorgte er auch viele Oerlinghauser Haushalte mit Brennstoffen wie Kohlen, Briketts und Koks. Er bot in einer Halle an der Detmolder Chaussee diverse Baumaterialien an: Bruch- und Ziegelsteine aller Art, Zement, Dachpappe, Wand- und Bodenfliesen, Dachfenster und Sanitärartikel – wie ein neuzeitlicher Baumarkt. Den größten wirtschaftlichen Erfolg hatte Adolph Bobe allerdings bereits um 1900 mit schlüsselfertigen Häusern. Vom Ausschachten, über Maurer- und Zimmerarbeiten, Dachdecken und Innenausbau bot er alles aus einer Hand. Schon vor dem Ersten Weltkrieg erkannten die Bobes den neuen Trend Immer mehr wuchsen auch die Söhne der Familie, der 1878 geborene Carl und der 1882 geborene Wilhelm Bobe ins Geschäft hinein. Allerdings stieg Carl Bobe frühzeitig wieder aus, um sich seinen teils versponnenen, teil genialen Zukunftsvisionen widmete (darüber berichtete die NW bereits). Sohn Wilhelm jedoch führte das väterliche Unternehmen erfolgreich weiter. Schon vor dem Ersten Weltkrieg erkannten die Bobes den neuen Trend, die Einrichtung von Häusern und damit die Möbelproduktion. Speziell den Küchenmöbeln widmete sich das Unternehmen. Dank der guten Qualität und der vernünftigen Preise entwickelten sich Bobe-Küchen immer mehr zum Verkaufsschlager. Der Grund lag vor allem in der genormten Serienproduktion, denn obwohl der Tüftler Carl Bobe mit der Unternehmensführung nichts mehr zu tun hatte, so entwarf er doch für die Küchen, die sein Bruder Wilhelm in der Fabrik herstellte, ein Küchen-Normsystem, das eine preisgünstige und rationelle Möbelherstellung begründete. Nur einmal verhob sich Wilhelm Bobe kräftig: Durch eine Betriebserweiterung im Jahre 1928 mit neuem Kesselhaus und riesigem Schornstein geriet der Betrieb in eine finanzielle Schieflage, die nur durch private Zuschüsse von Ehefrau Frieda und einen Kredit der Lippischen Landesbank überwunden wurde. Nach dem Tod von Wilhelm Bobe sen. übernahm der 18-jährige Sohn Wilhelm 1933 die Firma. Er setzte voll auf eine gute Möbelkonjuktur und belieferte über ein ausgefeiltes Vertretersystem bald ganz Deutschland mit modernen Küchenmöbeln aus Oerlinghausen. Die Zwangsbewirtschaftung des Zweiten Weltkriegs erforderte zwar die Herstellung von Munitionskisten und Spinden, doch schon kurz nach dem Zusammenbruch 1945 begann Wilhelm Bobe wieder mit der Produktion von ersten Kleinmöbeln. In der Nachkriegszeit ging die Post ab in der Möbelherstellung in Deutschland, insbesondere in der Hochburg Ostwestfalen-Lippe. Nach den Kriegsschäden, vor allem in Häusern des Rheinlandes und des Ruhrgebietes, brauchte man dringend Wohnmöbel – die lieferte Firma Bobe in bewährter Qualität. Rührige Vertreter, wie Ernst Heißenberg oder das benachbarte Transportunternehmen Heinz Butenholz unterstützten den Absatz von Wohnzimmer- und Küchenmöbel. Die Sättigung des Möbelmarktes und die Konzentration auf der Herstellerseite setzte den kleineren Möbelherstellern jedoch kräftig zu in der Mitte der 1960er Jahre. „Wilhelm Bobe gab die Fertigung von Möbeln auf", sagte Werner Höltke, „die Firma schloss 1965 die Tore". Das Firmengebäude allerdings wurde erst Ende 2017 abgerissen. Heute sind neue Häuser mit Eigentumswohnungen auf dem Bobe-Gelände an der Detmolder Straße entstanden.

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