Ereignis: Der Ravensberger Hof neben der Alexanderkirche in der Nachkriegszeit, die Hauptstraße ist mit Fähnchen geschmückt. Die Oerlinghauser Familien warten auf den Festumzug des Feuerwehrfests. - © Repro: Horst Biere / Quelle: Archiv Werner Höltke
Ereignis: Der Ravensberger Hof neben der Alexanderkirche in der Nachkriegszeit, die Hauptstraße ist mit Fähnchen geschmückt. Die Oerlinghauser Familien warten auf den Festumzug des Feuerwehrfests. | © Repro: Horst Biere / Quelle: Archiv Werner Höltke

Oerlinghausen Drama um den Ravensberger Hof

Stadtgeschichte: Wie ein hochverschuldeter Gastwirt 1954 sein eigenes Gasthaus an der Alexanderkirche in Brand steckt. Verheerendes Feuer bereits ein Jahrhundert zuvor

Horst Biere

Oerlinghausen. Heulende Sirenen schreckten die Oerlinghauser Bürger in der Nacht zum Samstag, 16. Oktober 1954, auf. Mit dem lauten Alarm rief die Feuerwehr Oerlinghausen die freiwilligen Kameraden zur Einsatzzentrale – zum Spritzenhaus am Marktplatz (hinter der heutigen Sparkasse). Und bald darauf schon tönten gellende Martinshörner von Polizei und Feuerwehr durch die Enge der Hauptstraße. Was war geschehen? Nach Mitternacht hatten Anwohner dichten Rauch und immer heller werdenden Feuerschein im oberen Geschoss des Ravensberger Hofes bemerkt und sofort die Feuerwehr gerufen. Das bekannte Gasthaus und Hotel, das unmittelbar an der Alexanderkirche lag, stand lichterloh in Flammen. Dachstuhl zerstört, Praxis-Inventar gerettet Die sofort alarmierte Freiwillige Feuerwehr unter der Leitung von Ernst Freitag und Helmut Hunecke war trotz der Nachtstunden sehr schnell zur Stelle. In aller Eile legten die Feuerwehrleute einige Schlauchleitungen zu den nächstgelegenen Löschwasserspeichern am Simonsplatz und vor der Bäckerei Wedepohl, denn einen Tankwagen mit Wassercontainer besaß man in Oerlinghausen damals noch nicht. Mit dicken C-Rohren spritzten die Feuerwehrmänner auf das brennende Dach des Ravensberger Hofes, aus dem die Flammen heraus-schlugen. „Doch der Dachstuhl des großen Gebäudes wurde völlig zerstört," meldete die Freie Presse am folgenden Montag, „die wertvollen Geräte einer Zahnarztpraxis im oberen Stockwerk konnten gerettet werden. Jedoch verbrannten in einer im gleichen Stockwerk untergebrachten Rechtsanwaltspraxis verschiedene Aktenstücke oder wurden durch Wassereinwirkung erheblich beschädigt." In aller Eile hatten einige Anwohner zusammengerafft, was ihnen gerade in den Weg kam: Betten, Mobiliar und zahnärztliches Instrumentarium. Selbst die Röntgeneinrichtung in der Zahnarztpraxis Dr. Burger konnte in Sicherheit gebracht werden. Die Feuerwehr bekam den Brand bald unter Kontrolle, doch das Haus war unbewohnbar. Und theatralisch beschrieb die Freie Presse den Erfolg: „Den vereinten Bemühungen gelang es, dem rasenden Element ein Halt entgegenzusetzen." Auf 30.000 Mark schätzen die Fachleute den Schaden, als sie mit den Untersuchungen der Brandursache begannen. Schon bald aber konzentrierten sich die Ermittlungen der Kriminalpolizei auf den Gasthofbetreiber Ewald Goder. Auch in Oerlinghausen machten recht bald Gerüchte die Runde, dass der bekanntermaßen verschuldete Pächter etwas mit dem Brand zu tun habe. Etwa eine Woche später erfuhren die Oerlinghauser aus der Zeitung die Hintergründe. „Festgestellt wurde einwandfrei, dass der Pächter des Hotels, Ewald Goder, in der fraglichen Nacht in einer anderen Gaststätte als Gast weilte. In einem vermutlich unbemerkten Augenblick verließ er das andere Gasthaus, legte den Brand in seinem Hotel an und kehrte schnellstens zu dem verlassenen Lokal zurück, um sich ein einwandfreies Alibi zu verschaffen", schrieb die Freie Presse. Die Brandexperten der Kripo hatten recht bald ermittelt, wie Goder den Brand gelegt hatte. „In seiner gepachteten Gaststätte hatte er aus dem Keller einen Ballen Hobelspäne auf den Boden geschafft und diesen angezündet. Von diesem Ballen Hobelspäne dehnte sich das Feuer dann schnell auf den gesamten Dachstuhl aus", hieß es. Der Täter wollte sich ein einwandfreies Alibi verschaffen Glücklicherweise sei durch das schnelle und energische Eingreifen der Oerlinghauser Feuerwehr ein Totalschaden an dem Haus verhindert worden. Die ebenfalls herbeigerufene Bielefelder Feuerwehr brauchte nicht mehr einzugreifen. Der Täter Ewald Goder befinde sich im Landgerichtsgefängnis in Detmold in Untersuchungshaft. Der Ravensberger Hof allerdings wurde nie wieder aufgebaut. Im Zuge der Stadtkernsanierung in der Innenstadt wurden das Gebäude und einige Nachbarhäuser später abgerissen. Heute ist dort ein breiter Grünstreifen mit Parkplätzen für die Kirchenbesucher angelegt. Bereits ein Jahrhundert vorher gab es an dieser Stelle ebenfalls einen verheerenden Gasthausbrand: Im Sommer 1861 stand das Haus des Wirts und Bäckers Henning auf diesem Grundstück an der Hauptstraße 70 in Flammen. In dem Wirtshaus, in dessen Saal abends zuvor noch eine große Tanzveranstaltung lief, brannte es in den frühen Morgenstunden. Es kam aber noch schlimmer, denn das Gebäude besaß eine gemeinsame Hauswand mit dem Nachbarhaus der Familie Räker in Nummer 72. Räkers Holz- und Strohvorräte auf dem Dachboden fingen sehr schnell Feuer, der Brand breitete sich rasend schnell aus. Auch die Nachbarhäuser, das von Tölke an der Hauptstraße 74 und das der Witwe Becker in Nummer 68, wurden ein Raub der Flammen. Der Gesamtschaden war 1861 noch viel größer als beim Ravensberger Hof im Jahre 1954.

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