Kinderzeit: Heinz Risse im Alter von knapp drei Jahren an der Hand seiner Eltern Jakob und Luise Risse. - © Karin Prignitz
Kinderzeit: Heinz Risse im Alter von knapp drei Jahren an der Hand seiner Eltern Jakob und Luise Risse. | © Karin Prignitz

Oerlinghausen Auf Heinz Risse ist Verlass

Was macht eigentlich . . . Heinz Risse, einst stellvertretender Kämmerer der Stadt, erhält im kommenden Frühjahr eine besondere Auszeichnung. Eine andere hat er schon

Karin Prignitz

Oerlinghausen. Das macht ihm so schnell keiner nach. Mitte März 2018 wird Heinz Risse vom Ortsverein Oerlinghausen des Sozialverbandes für seine 70 Jahre andauernde Mitgliedschaft geehrt. Weil das ein so seltenes Ereignis ist, wird sich sogar der Vorsitzende des Landesverbandes NRW auf den Weg in die Bergstadt machen. Auch auf vielen anderen Gebieten hat der heute 91-jährige Heinz Risse eine Vorbildfunktion inne gehabt. Und das ist bis heute so geblieben. Die Liste der freiwilligen Ämter ist lang. 20 Jahre lang war Heinz Risse Schatzmeister im Sozialverband Lemgo, ebenso lange Rechnungsführer und dann Zahlmeister bei den Oerlinghauser Schützen. Zehn Jahre hat der Bergstädter als ehrenamtlicher Richter an den Sozialgerichten in Bielefeld, Detmold und Minden gewirkt, 20 Jahre war er Kassierer der Oerlinghauser Versehrtensportgemeinschaft, ebenfalls je zwei Jahrzehnte Schriftführer beim Ortsverein Oerlinghausen des Sozialverbandes und Aufsichtsrat bei der Wohnbau Lemgo. Noch ein Jahr länger ist Heinz Risse Schriftführer der Oerlinghauser Jagdgenossenschaft gewesen. Und fast hätte er vergessen zu erwähnen, dass er sich in den Zeiten des Aufbaus auch mehr als 20 Jahre lang um die kaufmännische Seite des Archäologischen Freilichtmuseums gekümmert hat. „Ein steiniger Weg“, wie er sagt. „Damals wurde der Verein noch in Eigenregie geführt.“ Zeitintensiv waren all diese ehrenamtlichen Posten, einer der schwersten, erzählt der 91-Jährige sei ein weiterer gewesen. „Ich hatte zehn Jahre lang die Vormundschaft für einen entmündigten Herrn.“ Vom einstigen Landrat Friedel Heuwinkel ist Heinz Risse im Juni 2006 für seine besonderen Leistungen mit der Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet worden. Viele Menschen ziehen noch heute den Hut vor ihm, wenn sie sehen, wie sich der Senior nach wie vor liebevoll um seine vor zehn Jahren schwer erkrankte Frau (87) kümmert. „Wenn es die Witterung erlaubt, fahre ich jeden Tag mit ihr raus.“"Ich bin eine Person, die nicht Nein sagen konnte“ Warum er selbst geistig und körperlich so fit geblieben ist, das führt Heinz Risse auf seine guten Gene zurück und auf seine sportlichen Aktivitäten. „Bis kurz vor dem 80. Geburtstag bin ich mit Vorliebe Ski-Alpin gelaufen.“ 25 Goldene Sportabzeichen hat er außerdem erreicht. Und seine vielen amtlichen und ehrenamtlichen Aktivitäten, die hätten wohl auch dafür gesorgt, „dass ich im Kopf fit geblieben bin“, vermutet Heinz Risse. Mit dem Ablehnen sei das so eine Sache gewesen. „Ich bin eine Person, die nicht Nein sagen konnte.“ Alle hätten ihm stets zugetraut, dass er das schon hinbekomme. Und das hat er dann ja auch. Als Heinz Risse am Nikolaustag 1926 zur Welt kam, da sah die noch wesentlich anders aus. Wilhelm Marx war Reichskanzler, Paul von Hindenburg Reichspräsident. Der Sohn von Jakob und Luise Risse lernte mit 14 Jahren das Segelfliegen, wurde Karosseriebauer und wurde während des Zweiten Weltkrieges durch einen Schuss, der durch den Stahlhelm gedrungen war, schwer am Kopf verwundet. Er überlebte, und wie es der Zufall wollte, kam bei den Gesprächen mit dem belgischen Lazarettarzt heraus, dass der den Oerlinghauser Apotheker Wachsmuth-Melm kannte. „So klein ist die Welt.“ Weil er seinen Beruf nicht mehr ausüben durfte, kam Heinz Risse als 19-Jähriger zur Stadt Oerlinghausen. „Ich war praktisch Umschüler.“ Sein Anfangsgehalt bekam er noch in Reichsmark ausgezahlt. Risse besuchte die Verwaltungsschule und arbeitete bei der Stadtkasse mit Kassenleiter Wilhelm Butenholz. Geld gab es damals noch in Tüten, Abrechnungen mussten erstellt werden. „Das war eine Herausforderung, aber ich habe es hinbekommen.“ Risse arbeitete auch im sogenannten Wirtschafts- und Ernährungsamt („Da wurden Bezugsscheine ausgestellt“), hauptsächlich aber in der Kämmerei. Egon Eikelmann war Kämmerer, Heinz Risse wurde sein Stellvertreter und blieb es bis zum Ruhestand mit 60 Jahren im Jahr 1986. „Wollen Sie wirklich schon gehen“, habe ihn der einstige Stadtdirektor Fritz Bollhorst gefragt. Risse wollte, ließ sich aber im folgenden Jahr noch für die Auswertung der Volkszählung einspannen. „Ich sollte kontrollieren, ob alles seine Richtigkeit hatte.“Geld gab’s damals noch in Tüten Schon als jungem Mann habe man ihm große Verantwortung übertragen, erzählt Heinz Risse, der sich noch gut daran erinnern kann, dass seinerzeit „alles noch per Hand in das Hauptbuch geschrieben wurde“. Und weil er neben seiner Kompetenz eine so akkurate Handschrift hatte, legte man ihm nahe, sich einen wirklich guten Füllfederhalter zuzulegen. Gefunden hat er den „Montblanc“ im Schaufenster der Neuen Westfälischen in Bielefeld. Für 49,50 DM. „Das war viel Geld.“ Also radelte er wieder zurück und nach zwei Wochen wieder hin. „Da habe ich mir ein Herz genommen und ihn gekauft.“ Noch heute hat er das Meisterstück mit der handgefertigten Feder und zwei weitere dazu. „Qualität“, sagt Heinz Risse, „setzt sich eben durch.“

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