Typische Annonce: Um 1860 verdienten viele Schifffahrtlinien ihr Geld im Geschäft mit Auswanderern. 
Repro: Horst Biere - © Horst Biere
Typische Annonce: Um 1860 verdienten viele Schifffahrtlinien ihr Geld im Geschäft mit Auswanderern.
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Oerlinghausen Die Rückkehr des reichen Reuter

Stadtgeschichte: In Oerlinghausen gab es mehr Auswanderer als anderswo. Viele hatten Glück, manche scheiterten, einer kam zu Besuch und protzte mit fremdem Geld

Horst Biere

Oerlinghausen. Die Auswanderung – das war wohl die größte Volksbewegung im Deutschland des 19. Jahrhunderts. Die blanke Not trieb viele Menschen auf die Schiffe nach Übersee, weil sie sich in Nord- oder auch Südamerika ein besseres Leben versprachen. In Oerlinghausen verkauften damals besonders viele Menschen ihre letzte Habe, um einen Platz auf einem Auswandererschiff in Bremerhaven oder Hamburg zu ergattern. Der Grund lag vor allem im Niedergang der Leinenweberei – manchmal auch in reiner Abenteuerlust. Oerlinghausen war noch um 1800 ein Zentrum der Leinenherstellung und des Leinenhandels. Aber als die fabrikmäßig hergestellten Textilien etwa ab 1825 ganz Europa eroberten und das handgewebte Leinen verdrängten, war das Kirchdorf am Tönsberg wirtschaftlich besonders stark betroffen. „Wie viele junge, fleißige und wertvolle Menschen hat Oerlinghausen damals an Amerika abgegeben“, schrieb der Dorfchronist August Reuter in einem späteren Vortrag von 1947. Denn es gab nur wenige Familien im Ort, die nicht einen oder mehrere Angehörige durch Auswanderung verloren hatten. Zahlreiche bekannte Oerlinghauser Familiennamen stehen auf den Auswandererlisten aus den Jahrzehnten nach 1830: der Bäcker Hachmeister, der Leinenhändler Tölke, der Maler Hölter, der Leinenhändler Becker, der Amtspedell Hunke, der Kaufmann Ebbinghaus, der Ziegelarbeiter Holzkamp, der Gastwirt Nagel, ein Sohn des Apothekers Melm, die ganze Familie des Schuhmachers Schröder, der Sohn des Posthalters Gröppel und noch andere Oerlinghauser mehr."Wie viele sind umgekommen in Wüsten und Prärien“ „Viele von ihnen haben jede Verbindung mit der Heimat verloren. Wie viele sind umgekommen in Wüsten und Prärien“, beklagte August Reuter die immens hohe Zahl der heimischen Auswanderer. Von einigen Familien, die er persönlich kannte, sei niemals wieder eine Nachricht gekommen. Doch es gab auch Oerlinghauser, die in der neuen Welt wirtschaftlich Karriere machten und sich ein erfolgreiches Leben aufbauten. Und wenn es jemand geschafft hatte, dann wollte er den Daheimgebliebenen manchmal auch zeigen, dass er zu Wohlstand gekommen war – wie das Beispiel des ehemaligen Oerlinghausers Adolf Reuter zeigt. Ortshistoriker Werner Höltke recherchierte den Lebenslauf von Reuter, der an der Detmolder Chaussee im Bergdorf geboren wurde. Im Jahr 1884 wanderte Adolf Reuter zusammen mit seinem Bruder nach Nordamerika aus und ließ sich in St. Louis nieder. Er betrieb eines der ersten „Lichtspielhäuser“ in der Metropole am Mississippi und war so offenbar zu Geld gekommen. Nach vier Jahrzehnten, im Jahre 1926, besuchte Adolf Reuter seine Verwandtschaft in Oerlinghausen. Sein hiesiger Bruder Ernst Reuter, bei dem er wohnte, war Ziegelmeister und lebte mit seiner Familie an der Detmolder Straße. Ein weiterer Verwandter August Reuter, ebenfalls Ziegelmeister, wohnte nur drei Häuser weiter. Und ein weiteres Mitglied der großen Familie, der Zigarrenfabrikant Carl Reuter lebte auf der anderen Straßenseite im Haus Nummer 31. Mit großem Pomp wurde Adolf Reuter von Freunden und Verwandten bereits am Bahnhof in Asemissen abgeholt. In ganz Oerlinghausen machte die Nachricht von der Rückkehr des wohlhabenden Auswanderers schnell die Runde. Denn Reuter ließ es echt krachen in der Bergstadt. Höchst spendabel zeigte er sich zum Beispiel, als er seinen ganzen Freundeskreis und die Verwandtschaft nach zwei Wochen Aufenthalt – sozusagen als kleines Dankeschön – zu einer Fahrt zum Hermannsdenkmal einlud. Er mietete zwei Leiterwagen für die etwa 50-köpfige Gruppe, und man startete am frühen Morgen Richtung Detmold. Im Gasthaus Barkemeier in Pivitsheide gab es den ersten Stopp. Großzügig spendierte er der ganzen „Reuterei“ ein ordentliches Frühstück, um auch eine vernünftige Grundlage für den Ausflugstag zu schaffen. Dann ging’s den Berg hinauf zum Hermann. Es war ein wirklich schöner Tag mit Denkmalbesteigung, Besichtigung der Bandelhütte und viel Spaß für alle. Und zum Schluss kam die Krönung des Tages. Adolf Reuter öffnete seine dicke Brieftasche und jeder Gast bekam eine Dollarnote geschenkt.»Viele von ihnen haben jede Verbindung mit der Heimat verloren« Wohl niemand in der Runde der Oerlinghauser hatte bis zu diesem Zeitpunkt einen Dollar gesehen und deshalb auch nie besessen. Reuter wurde gefeiert, wie wahrscheinlich noch nie in seinem Leben. Auch der Abschied aus Oerlinghausen fiel glänzend aus. Noch einmal zückte er seine Geldbörse und beschenkte seine Verwandten mit einigen üppigen Dollarbeträgen. Doch nach mehreren Monaten kam die Ernüchterung über den spendierfreudigen Deutsch-Amerikaner. Immer mehr sickerten Nachrichten durch, dass Adolf Reuter offenbar von fremdem Geld gelebt hatte. Die Dollarnoten zum Beispiel, die er so großzügig als eigenes Geld verteilt hatte, stammten aus einer Sammlung der deutschen Gemeinde in St. Louis für die vermeintlich notleidenden Deutschen. Die Konsequenzen für Reuter sind unbekannt. Denn was später aus Adolf Reuter wurde, und welche Folgen sein spendables Auftreten in Oerlinghausen hatte, darüber gibt es keine Informationen, sagt Werner Höltke.

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