Zeigt Reue: Der Angeklagte neben Verteidiger Johannes Salmen. - © Marianne Schwarzer
Zeigt Reue: Der Angeklagte neben Verteidiger Johannes Salmen. | © Marianne Schwarzer

Leopoldshöhe / Hövelhof Bekiffter Rollerfahrer fährt Polizisten an - Haft auf Bewährung

Prozess am Landgericht: Der Angeklagte wird vom Vorwurf des versuchten Mordes entlastet.

Marianne Schwarzer

Leopoldshöhe / Hövelhof. Hat er bewusst auf den Polizeibeamten zugehalten oder nicht? Nach Überzeugung des Landgerichts hat der damals 24-jährige Rollerfahrer vor gut einem Jahr nicht absichtlich den 61-jährigen Polizisten umgefahren, als der ihn wegen überhöhter Geschwindigkeit hatte anhalten wollen. Der Vorwurf des versuchten Mordes war am Montag ziemlich schnell vom Tisch, und so lief es am Ende auf eine Haftstrafe von 21 Monaten hinaus, die zur Bewährung ausgesetzt wird. Ein 57-jähriger Kollege des verletzten Polizisten bediente an jenem 23. Juni 2016 das Radargerät an der Heeper Straße in Leopoldshöhe-Bechterdissen. Für ihn war das ein übles De-ja-vu, als er sah, wie sein Partner nach dem Aufprall durch die Luft geschleudert wurde und reglos liegen blieb: „Ich dachte, er ist tot", gab er am Montag zu Protokoll. Er selbst war ein Jahr zuvor ebenfalls von einem Verkehrsteilnehmer aufs Korn genommen worden und knapp mit dem Leben davongekommen. Dass der ältere Kollege den Zusammenprall – zwar mit schweren Prellungen und einem Schädel-Hirn-Trauma – überlebte und sich vollständig wieder erholte, bezeichneten sowohl das Gericht als auch der Verteidiger als „großes Glück". Vorsatz mochten dem Hövelhofer jedoch keiner der beiden unterstellen, nachdem sie die Gutachten gehört hatten. Der junge Mann hatte die Nacht über extrem viel Cannabis konsumiert – so viel, dass ihm die Gutachter auch Stunden später noch eine erhebliche Wahrnehmungstrübung und Verlangsamung der Reaktionen attestieren konnten. In diesem Zustand hatte er morgens verpennt, den Zug zur Arbeit verpasst und sich – wohlwissend, dass ihm schon vier Jahre zuvor wegen Drogen am Steuer der Führerschein entzogen worden war – auf seinen frisierten Motorroller gesetzt. Mit knapp 60 Sachen erwischte ihn das Radarmessgerät der Polizei in Bechterdissen. Statt anzuhalten, gab er Gas – allerdings nicht etwa an dem Polizisten vorbei, der ihn anhalten wollte. „Er machte einen Rechtsschlenker und fuhr dann direkt auf meinen Kollegen zu", sollte der 57-Jährige am Montag vor Gericht aussagen. Der Angeklagte bietet 2.000 Euro Schmerzensgeld an Der Angeklagte selbst stürzte bei dem Aufprall ebenfalls zu Boden, soll aber nach Aussage des Polizeibeamten versucht haben, „stiften zu gehen". „Ich habe ihn von seinem Roller gerissen", erklärte dieser. Nach einer kurzen Rangelei habe der Angeklagte schließlich aufgegeben. Wie leid ihm dieses Verhalten tat, zeigte der Beschuldigte vor Gericht, er brach immer wieder in Tränen aus und entschuldigte sich in aller Form bei seinem Opfer, dem er bereits kurz nach der Tat einen Brief geschrieben hatte. Er erklärte sich aus freien Stücken bereit, ein Schmerzensgeld von mindestens 2.000 Euro zu zahlen. Was Verteidiger Johannes Salmen als „Verkettung unglücklicher Umstände" bezeichnete, sah das Gericht im Gegensatz zu Staatsanwalt Ralf Vetter zumindest nicht als vorsätzliche, sondern nur als fahrlässige Körperverletzung an, dazu kamen der gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr und der Widerstand gegen die Festnahme. Der Staatsanwalt hatte eine Haftstrafe von zwei Jahren und neun Monaten gefordert, das Gericht blieb ein Jahr darunter und setzte diese zur Bewährung aus. Aus den angebotenen 2.000 Euro wurden 3.000 Euro Schmerzensgeld.

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