Lieblingsplatz: Ein Strandkorb an der Nordsee. Dort schreibt Klaus-Peter Wolf am liebsten an seinen Ostfriesenkrimis, von denen es die letzten Fünf auf Anhieb auf Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste gebracht haben. Foto: Gaby Gerster - © Gaby Gerster 2015
Lieblingsplatz: Ein Strandkorb an der Nordsee. Dort schreibt Klaus-Peter Wolf am liebsten an seinen Ostfriesenkrimis, von denen es die letzten Fünf auf Anhieb auf Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste gebracht haben. Foto: Gaby Gerster | © Gaby Gerster 2015

Leopoldshöhe „Ich wollte immer Volksschriftsteller sein“

Im Interview: Klaus-Peter Wolf ist der Autor der Ostfriesenkrimis. Aus seinem neuen Roman liest er auf Einladung der Buchhandlung Blume anlässlich des 100. Jubiläums der Sargfabrik Elkenkamp im Sarglager an der Helpuper Straße in Leopoldshöhe

Herr Wolf, zu Beginn einige sehr kurze Fragen mit der Bitte um spontane, kurze Antworten. Kaffee oder Tee? Tee. Teesieb oder Teebeutel? Teesieb. Himmel und Ähd oder Granat mit Rührei? Granat mit Rührei. Wandern oder Boßeln? Wandern. Norddeich im Winter ist . . . wunderschön. Wie auch die ostfriesischen Inseln. Grog oder Glühwein? Mag ich beides nicht so gern, weil ich nicht viel Alkohol trinke. Werder oder Schalke? Oh, das ist eine schwierige Frage. Ich hoffe, dass sie nicht gegeneinander spielen. Ostfriesland ist . . . ein Sehnsuchtsort für ganz viele Menschen und jetzt meine Heimat. Meinen Zopf trage ich, weil . . . meine Tochter ihn mir vor 35 Jahren geflochten hat, weil sie meinte, ihr Papa sei ein Pirat. Die Plätze auf der Spiegel-Bestsellerliste haben Sie schon beinahe abonniert. Auch mit Ihrem neuesten Buch „Totenstille im Watt“ sind Sie gleich hochgeschossen auf Platz 1. Was bedeutet das für Sie? Klaus-Peter Wolf: Die Spiegel-Bestsellerliste ist die Wichtigste, weil sie nicht von Kritikern gemacht wird. Ihr liegen nicht Meinungen zugrunde. Es geht nur darum, wie viele Bücher im Buchhandel in einer Woche verkauft wurden. Das ist sozusagen der Publikumspreis. Die Entscheidung fällt letztendlich an der Kasse. Und die letzten fünf Romane von mir sind von Null auf Platz 1 gestartet. Das liegt daran, dass so viele Fans auf den neuen Roman warten. „Totenstille im Watt“ hatte 132.000 Vorbestellungen. Und in der 11. Woche ist es immer noch in den Top Ten (aktuell Platz 5, Anm. d. Red.). Das heißt, dass sich immer noch jeden Tag 2.000 bis 5.000 Exemplare verkaufen. Sie haben eine große Fangemeinde . . . Wolf: Ja, mein Verlag sagt, dass ich einer der meistgelesensten Schriftsteller Deutsch-lands bin. Das heißt für mich, dass ich für ein riesiges Publikum schreibe. Heute Morgen bin ich beispielsweise hier in Uslar zum Auto gegangen und wurde auf dem kurzen Weg dreimal von Menschen begrüßt. Deshalb habe ich immer Autogrammkarten in der Tasche. Nicht mal zum Bäcker gehe ich ohne diese Karten. Der typische Wolf-Leser hat zehn bis zwölf meiner Romane gelesen und wartet auf den nächsten. Ich spreche natürlich auch mit meinen Lesern und die sagen mir, was sie von meinen Büchern halten. Das finde ich sehr, sehr schön. Ich wollte immer ein Volksschriftsteller sein und ich denke, dass das in den vergangenen Jahren gelungen ist. Mit ihrem neuen Roman haben Sie Mut bewiesen, denn Sie wechseln die Sichtweise und beschreiben die Geschichte ausschließlich aus der Sicht des Täters. Dabei gelingt es Ihnen, diesen Bernhard Sommerfeldt nicht allzu sympathisch rüberkommen zu lassen, aber auch nicht als Monster. Wolf: Das ist ein literarisches Experiment. Und Experimente können scheitern. Als ich den Roman fertig hatte und ihn an den Verlag geschickt habe, hatte ich einen Alptraum. Ich habe geträumt, dass meine Lektorin, mit der ich 16 Bücher zusammen gemacht habe, mich anruft und sagt: „Klaus-Peter, wir müssen dringend einen Kaffee zusammen trinken. Ich habe noch nie solch einen Mist gelesen.“ Wirklich, das war so. Ich bin klatschnass wach geworden. Und die tatsächliche Reaktion? Wolf: Ja, zwei Tage später rief sie mich an und sagte, dass das Buch der ganz große Wurf sei und das es so veröffentlicht wird, wie es ist. Da war ich dann doch ein bisschen erleichtert. Aber da wusste ich noch nicht, ob die Fans das annehmen. Haben sie aber . . . Wolf: Ja, hier in Uslar sind 360 Besucher zur Lesung gekommen – und es gab standing ovations. Das habe auch ich nicht jeden Abend. Ich habe zweieinhalb Stunden signiert. Wie reagiert das Publikum auf Sommerfeldt? Wolf: Den Serienkiller Sommerfeldt finden die einen gruselig und raffiniert und lesen den Roman deshalb. Andere identifizieren sich aber auch mit ihm. Die würden natürlich keinen Mord begehen, aber das, was ihn aufregt und wofür er mordet, das regt sie auch auf. Es kennt wohl jeder dieses Gefühl: Man sitzt morgens mit einer Tasse Kaffee im Garten, atmet einmal tief durch – und dann gehen nebenan zwei Rasenmäher los. Und Sommerfeldt hat auch dieses Gefühl. Am liebsten würde er die Nachbarn umbringen – macht er aber nicht. Nicht aus moralischen Gründen, sondern weil er nicht so nah an seiner Wohnung Leichen haben möchte. Ein Detail ist mir aufgefallen: Sommerfeldt liebt es, seine Notizen mit Füller zu schreiben. Sie schreiben auch mit Füller. Wie viel Wolf fließt in Ihre Protagonisten ein? Wolf: In ein paar Dingen bin auch ich mit Sommerfeldt einer Meinung. Er liest die Bücher, die ich lese, hört die Musik, die ich höre. Er kocht die Speisen, die ich selber gerne koche. Er schreibt eben mit einem Füller, genau wie ich. Und er träumt davon, Schriftsteller zu werden, was auch bei mir der Fall war, als ich viel jünger war. Allerdings habe ich nie Leute umgebracht. Er ist auf jeden Fall ein interessanter Mensch . . . Wolf: . . . und ein hochgebildeter. Sie hätten bestimmt Spaß daran, sich mit ihm zwei Stunden über Kunst und Literatur zu unterhalten. Wenn er dann losgeht, um einen umzulegen, wären Sie vermutlich nicht mehr so gern dabei, aber bis dahin wäre es ein spannender Abend. Das Ganze lebt von der Ambivalenz. Wir fühlen uns zu dem Mann hingezogen und kurze Zeit später absolut abgestoßen. Das ist sogar sehr realistisch. Dass Serientäter so lange unentdeckt bleiben, hängt natürlich damit zusammen, wie sie sich in der Gesellschaft bewegen. Welches ist Ihr Lieblingsplatz beim Schreiben? Wolf: Ich sitze gern in Cafés und schreibe. Denn Menschen, die in einem Café sitzen, werden nicht angesprochen. Man ist aber trotzdem mitten drin in einem Geschehen. Ich kann sogar die Menschen um mich herum direkt in die Bücher aufnehmen. Aber am allerliebsten schreibe ich bei mir zuhause im Strandkorb, mit einem Füller mit einer goldenen Feder und schwarzer Tinte. Was machen Sie, wenn es beim Schreiben nicht mehr weitergeht? Wolf: Kenne ich nicht. Ich liebe es, lange Spaziergänge auf dem Deich zu machen oder an einem Strand auf den ostfriesischen Inseln. Da pustet mir der Wind den Kopf frei. Mögen Sie Marzipan? Wolf: Oh ja, ich liebe Marzipan. Von Niederegger oder ten Cate, der Konditorei, die Sie auch in Ihren Krimis erwähnen? Wolf: Im Zweifelsfall von ten Cate, wobei Niederegger sicher auch gutes Marzipan macht. Bei ten Cate bin ich auch beim Verkosten dabei. Ob man nun 30 Prozent mallorquinische Mandeln nimmt und 70 Prozent kalifornische oder den Anteil der mallorquinischen erhöht – das macht schon viel aus. Und am besten genießt man Marzipan mit einer Tasse schwarzen Tee ohne Kluntje und Sahne, weil es sonst zu süß wird. Am besten noch mit einem Pfefferminzblatt darin, denn das öffnet die Geschmacksknospen – das ist schon toll. Sie haben einen hohen Output an Romanen. Woher nehmen Sie die Ideen? Wolf: Das sind gar nicht so sehr Ideen. Meine Romane leben von den Figuren. Wenn Sie zwei Figuren, die beide spannend sind, in einen Raum tun, passiert sofort etwas. Und da ich die Figuren sehr genau kenne, den Maurer Peter Grendel, den Konditor Jörg Tapper, die Sängerin Bettina Göschl (seine Frau, Anm. d. Red.), also meine ostfriesische Welt, passiert auch etwas. Ich erfinde ja eigentlich nur den Täter und das Opfer. Entwickelt sich die Geschichte beim Schreiben? Wolf: Wenn man einen Kriminalroman schreibt, muss man wissen, dass man es mit sehr kritischen Lesern zu tun hat. Die überprüfen ständig, denn die wollen ja besser sein, als die Polizei. Sie wollen den Täter vor der Polizei erkennen. Deshalb muss alles stimmen. Jede Motivlage. Das kann man nicht so entwickeln. Es gibt einen Bauplan für den Roman. Man kann sich das vorstellen, wie einen Hausbau. Da muss auch zuerst der Architekt den Bau planen und die Statik errechnen. Wenn die tragenden Wände dann stehen, kann man jede Tapete an die Wand kleben. In jeder Farbe. Dadurch stürzt das Haus nicht ein. Und genauso braucht ein Krimi eine genaue Planung. Und der Autor muss milieusicher sein. Der Autor darf nichts beschreiben, was er nicht kennt. In Ihrem Krimi bleibt das Ende offen. Wird es mehr mit Bernhard Sommerfeldt geben? Wolf: Ja. Der zweite Roman wird heißen „Totentanz am Strand“ – auch aus der Sicht von Sommerfeldt. Sommerfeldt macht sich am Ende auf in Richtung Ruhrgebiet. Bleibt Ostfriesland außen vor? Wolf: Nein. Ohne zu viel zu verraten: Das Ruhrgebiet wählt Sommerfeldt als seine Operationsbasis. Aber er hat in Ostfriesland noch einige Dinge zu erledigen. Und da ist auch immer noch die Frau, die er liebt. 1987 sind Sie aus der DKP ausgetreten. „Sozialismus ohne Demokratie ist ein Alptraum“, sagten Sie damals. Wolf: Ich bin in keiner Partei Mitglied und mache auch für keine Partei Werbung. Das mit der DKP damals erklärt sich dadurch, dass ich ein junger Autor war, ich habe mit 14 Jahren die ersten Kurzgeschichten veröffentlicht, der im Ruhrgebiet gelebt hat. Die Arbeiterschriftsteller des Ruhr-gebietes, die aus einer antifaschistischen Tradition kamen, haben mich ernst genommen, angeleitet und auch politisch geprägt. Durch Lebenserfahrung und Reisen in sozialistische Länder habe ich dann erkannt, dass der Sozialismus zwar eine schöne Idee, aber ohne Demokratie eben tatsächlich ein Alptraum ist. Und die Linkspartei heute? Wolf: Ich finde gut, dass es eine Partei gibt, die eine klare Position auch gegen den Mainstream einnimmt. Das braucht man. Sie sind auch investigativ tätig gewesen, zum Beispiel im Frauenhandel. Wie sind Sie mental und emotional damit klar gekommen? Wolf: Das war heftig. Ich war zwei Jahre lang als Mädchen- und Frauenhändler in Deutschland unterwegs. Ich habe Männer getroffen, da schämt man sich, ein Mann zu sein. Ich wollte den Blick in die Abgründe der menschlichen Seele. Das hilft mir beim Schreiben. Für mich selber war das nicht immer leicht. Ich habe die Recherchen beendet, weil ich merkte, dass es mich zu sehr anfasste. Ich habe mir dann alles in dem Buch „Traumfrau“ von der Seele geschrieben...

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