Für Frieden und Freiheit: Severina (2. v. r.) nimmt an einer Demonstration teil. Sie endet für sie tragisch. - © Demokrat Ramadani
Für Frieden und Freiheit: Severina (2. v. r.) nimmt an einer Demonstration teil. Sie endet für sie tragisch. | © Demokrat Ramadani

Leopoldshöhe Theater Niederbarkhausen inszeniert politisches Stück

Demokrat Ramadani

Oerlinghausen/ Leopoldshöhe. Die Remise auf dem Gut Niederbarkhausen ist dunkel gehalten. Zwei Öfen erwärmen den langgezogenen Raum, während die Zuschauer Platz nehmen auf den schwarzen gepolsterten Sitzen. Die Steinoptik sorgt für ein klösterliches Ambiente und bietet die perfekte Kulisse für den Handlungsort des Stückes „Schöne Aussicht“. Der Titel verspricht leichte Kost, doch das Ensemble serviert ein Stück, das nicht leicht zu verdauen, aber ganz nach dem Geschmack der Liebhaber des politischen Theaters ist.Aus der Remise wurde ein Theater „Es ist reiner Zufall gewesen“, sagt Fritz Udo Krause, „ein sehr glücklicher.“ Beruflich hat er sich jahrelang zwischen Bielefeld, Münster und Detmold bewegt und deshalb mit seiner Frau eine Wohnung auf dem Gut Niederbarkhausen bezogen. Es dauerte nicht lange, bis der langjährige Theatermacher mit Unterstützung des Eigentümers die hiesige Remise zu einem Aufführungsort umgestaltet und unter anderem seine Nachbarn zu Schauspielern gemacht hat. Zwei Aufführungen haben seit der Eröffnung 2013 stattgefunden. Vor mehr als einem Jahr begann die Arbeit für das aktuelle Stück. Krause und seine Mitautorin Katrin Kwapich haben nach der Lektüre des fragmentarischen Romans „Severina“ von Ignazio Silone eine Geschichte mit dem Titel „Schöne Aussicht“ geschrieben.Als es zu kalt wurde, probte das Ensemble in einer Schule Nachdem Krause den Text an seine Laienschauspieler verschickt hatte, meldeten sich diese prompt, und die Proben konnten beginnen. Jeden Dienstag wurden in der Remise Figuren, Beziehungen, Szenen, Texte und die zwischen den Zeilen liegenden Themen intensiv diskutiert und ihre Darstellung geprobt. „An vier Tagen mussten wir der Kälte wegen in Räumlichkeiten der örtlichen Schule ausweichen“, erklärt Krause. Nun feierte das Ensemble Premiere. Das Publikum bekommt die Leidensgeschichte der jungen Nonne Severina gezeigt, die eine politisch motivierte Tötung eines Flüchtlings bezeugt und bei der Polizei ihre Beobachtung schildert. Ihre Aussage trifft allerdings auf enormen Widerstand. Sie passt nicht ins Bild der Stadt Civitella – ein Name, der auf den lateinischen Begriff Civitas (Bürgerschaft) anspielt. In der Theaterversion handelt es sich um eine Gemeinschaft aus unbescholtenen, freundlichen, gläubigen und folgsamen Bürgern, die ihre Augen verschließen, weil sie Ruhe mit Frieden und Interesse mit Wahrheit verwechseln.Severina muss das Kloster verlassen, weil sie nicht lügen will Severina wird von der kirchlichen Verwaltung, dem staatlichen Gericht und der Leitung der Klosterschule, an der sie unterrichtet, dazu gedrängt, ihre Aussage zu ändern. Sie widersetzt sich und muss das Kloster verlassen. Severina zieht in die Berge und bewirbt sich an einer Schule, die Teil einer Stiftung für die Arbeit mit Blinden und Armen sein soll. Diese entpuppt sich aber als Privatinstitut einer exklusiven Klinik für „Enhancement-Maßnahmen“ (Verbesserung/Verstärkung). Auch hier eckt sie mit ihrer Haltung „Niemand hat ein Recht, zu gehorchen“ an und stört den Frieden. Severina schließt sich einer Gruppe junger Demonstranten an und wird am Ende von einem Querschläger aus einer Polizeiwaffe getötet. Diese Erzählung zeigt eindrücklich, wie gesellschaftliche Ideologien sich wandeln und mit ihnen eine bloße Veränderung von Unterdrückungspraktiken stattfinden kann. Untertanenverhalten, Leichtgläubigkeit oder Interessenverfolgung um jeden Preis sind Haltungen, die sich in immer neuen Kleidern zeigen können, aber nicht verschwinden. Die Darsteller, die im ersten Teil des Stückes noch äußerst überzeugend Kirchenangehörige spielen, verkörpern im zweiten Teil genauso eindringlich die Angestellten einer Klinik, die nicht den Menschen dient, sondern einer blinden Optimierung verfallen ist. „Schöne Aussicht“ richtet sich damit gegen undemokratische Geisteshaltungen und kämpft für ein Demokratieverständnis, das jeder Form von Konformismus den eigenen kritische Geist entgegensetzt.

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