Deutschunterricht im Knast: Mirjam Fliege spricht mit dem Dozenten über den Kursus, der Häftling bereitet sich derweil auf die Unterrichtsstunde vor. - © Foto: Vera Gerstendorf-Welle
Deutschunterricht im Knast: Mirjam Fliege spricht mit dem Dozenten über den Kursus, der Häftling bereitet sich derweil auf die Unterrichtsstunde vor. | © Foto: Vera Gerstendorf-Welle

Leopoldshöhe Ihre Tür im Knast steht offen

Sozialarbeiterin Mirjam Fliege hat sich gut eingewöhnt. Schlimme Befürchtungen haben sich in der Detmolder Haftanstalt nicht bewahrheitet

Martin Hostert

Leopoldshöhe. Vor einem Jahr hat sie optimistisch, aber mit einer Menge Fragezeichen im Kopf, ihrem neuen Job entgegengesehen. Sie wolle sich ein Bild machen, auf den Umgang komme es an, sagte Mirjam Fliege aus Leopoldshöhe damals dieser Zeitung. Nun zieht die Gefängnis-Sozialarbeiterin Bilanz ihrer Arbeit mit den 48 ausländischen Gefangenen im Detmolder Knast. Und ersetzt das Frage- durch ein Ausrufezeichen. "Ja", sagt die 44-Jährige bestimmt, "ich bin angekommen". Angekommen in einem Job der besonderen Art: Sie hat es nur mit Männern zu tun, die in Untersuchungs- oder Strafhaft sitzen, die mithin nicht dem allereinfachsten Klientel zuzurechnen sind - und die überdies kaum oder kein Deutsch können. Darum gehörte zu ihren ersten Maßnahmen, einen Sprachkursus zu organisieren. Zweimal pro Woche bringt ein Dozent der Volkshochschule den Häftlingen das Basiswissen der deutschen Sprache bei. Der Unterrichtsraum ist gleich neben ihrem Büro; dessen Tür steht offen: Gute Voraussetzungen für Gespräche. Oft spricht sie mit Hand und Fuß Die neuen Klienten könnten bedrohlich sein, aggressiv, sie nicht akzeptieren - all diese Ängste haben sich nicht bewahrheitet. "Hier in Detmold ist es doch sehr ruhig", sagt sie. "Ich hatte ein schlimmeres Bild vom Alltag im Gefängnis vor Augen. In größeren Anstalten ist schon mehr los." Das weiß sie, weil sei vor ihrem Studium bereits als Justizvollzugsangestellte in Bielefeld-Brackwede gearbeitet hat. Für Detmold spricht sie von einem "guten Miteinander". In Großbuchstaben würde sie die Wörter "Information, Kommunikation und Vermittlung" über eine Beschreibung ihres Arbeitsalltags schreiben. Dass die Inhaftierten wissen, warum sie zuweilen länger auf ihren Strafverteidiger warten müssen, warum sie nicht mit ihrer Familie telefonieren dürfen, warum dieses und jenes so oder so geregelt ist - das trage viel zur Integration bei, entspanne den Knastalltag. Mirjam Fliege spricht dann oft mit Hand und Fuß, mal mit eingebauten englischen Brocken, mal mit Hilfe eines Dolmetschers. Wenn sie erkennt, dass der Psychologe oder einer ihrer vier Sozialarbeiter-Kollegen der bessere Ansprechpartner für die Fragen und Probleme der Inhaftierten wäre, geht es um Trauerarbeit, Schuldgefühle oder andere psychosoziale Probleme, verweist sie auf diese. "Jeder von uns hat seinen Schwerpunkt." Ihrer ist eben die Arbeit mit Ausländern, und dazu gehören viele rechtliche Fragen, etwa zum Aufenthaltsstatus oder Abschiebungen, die sie in Zusammenarbeit mit anderen Behörden klärt. Und sie muss lernen: "Wie ticken die Afrikaner? Die Araber? Die Russen?" Die Sozialarbeiterin besuchte und organisierte Fachtagungen für die Kollegen, suchte Gespräche mit Staats- und Verfassungsschutz, vernetzte sich mehr und mehr. "Es gilt zu verstehen: Wer macht eigentlich was?" Dass sie als Frau ausschließlich mit Männern arbeitet - kein Problem. "Ich kann mich durchsetzen" sagt Mirjam Fliege und lacht. Respektvoll behandelt zu werden, sei keine Frage des Geschlechtes oder des Alters. "Und wenn die Klienten sich nicht benehmen, und ich erfahre später davon - dann werde ich sauer", berichtet sie von einer Schlägerei während ihres Urlaubes. Gerade so, als sei sie das Oberhaupt einer Gruppe harter Kerle.

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