Die SB-Filiale von Volksbank und Sparkasse in Lüdenhausen (Kreis Lippe). - © FOTO: SANDRA SPIEKER
Die SB-Filiale von Volksbank und Sparkasse in Lüdenhausen (Kreis Lippe). | © FOTO: SANDRA SPIEKER

Lüdenhausen Die Bürger von Lüdenhausen machen gegen Filialschließung mobil

Vereinter Kampf gegen das Dorfsterben

Lüdenhausen/Bielefeld. Ein Lebensmittelgeschäft, ein Sportplatz, zwei Gaststätten, eine Autowerkstatt, ein Frisör, kaum Kriminalität. Hier ist die Welt noch in Ordnung, könnte meinen, wer durch den 1.200-Einwohner-Ort Lüdenhausen im nordlippischen Bergland fährt. Für die meisten bleibt es aber beim Vorbeifahren. Die Lüdenhauser befürchten das Ausbluten ihrer Ortschaft. Dass jetzt auch noch die letzte Bankfiliale geschlossen werden soll, nehmen sie nicht hin – sie gehen auf die Straße.

Eine Pizzeria ist wie ausgestorben, auch mit leerstehenden Wohnhäusern haben die Lüdenhauser zu kämpfen. "Gerade erst hat ein junges Paar aus Bielefeld hier gebaut", freut sich Günter Fischer vom SPD-Ortsverein. Noch könne man sich in Lüdenhausen gut versorgen.

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Montagmittag, 13 Uhr: An der Ausgangsstraße nach Lemgo befindet sich derzeit noch der Ort, an dem die Lüdenhauser an ihr Erspartes kommen können. Es handelt sich um eine SB-Filiale mit zwei Geldautomaten, betrieben von der Sparkasse Lemgo und der Volksbank Bad Salzuflen.

"Kooperation schafft Filialstruktur"

Ein ungewöhnliches Modell, eine solche Bankenkooperation gibt es derzeit nur noch in Extertal-Asmissen. An den Glastüren des weiß verputzten Hauses, in dem sich auch ein Heizungsinstallateurbetrieb befindet, hängt ein Zettel mit der Überschrift "Kooperation schafft Filialstruktur": Wegen der geringen Frequentierung wollen die Banken die Filiale zum Jahresende schließen. Zudem müssten die Geräte ausgetauscht werden – zu teuer.

Fünf Menschen betreten in einer halben Stunde an diesem Montag die SB-Filiale, um ihre Bankgeschäfte zu erledigen. Zugegebenermaßen: keine repräsentative Zahl. Das seien die Zahlen der Lüdenhauser auch nicht, sagen die Banker. Die Ortseinwohner haben selbst gezählt. 200 Kunden suchten demnach innerhalb von zehn Stunden die Filiale auf. Die Banken selbst wollen keine Zahlen nennen.

"Die Nutzung des Automaten liegt bei etwa einem Drittel, wenn man unsere durchschnittlichen Abhebungen an Geldautomaten betrachtet", sagt Christoph Vieregge, Sprecher der Sparkasse Lemgo. Auch die Volksbank schweigt zu Zahlen. "Weitere Filialschließungen in der Region sind nicht geplant", betont Sprecher Richard Christophelsmeier. Die Tendenz beim Kundenverhalten gehe aber weiter in Richtung Onlinebanking und Kartenzahlungen.

"Eine Schweinerei ist so etwas."

Genau das ist aber das Problem: "Ich kann hier fast nirgends mit Karte bezahlen", sagt ein Lüdenhauser, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Seit 40 Jahren sei er Kunde der Sparkasse. "Eine Schweinerei ist so etwas."

"Die Banken ziehen sich komplett aus dem ländlichen Bereich zurück", ärgert sich Fischer. Bis 2004 gab es noch eine richtige Geschäftsstelle mit einem Mitarbeiter. Wer mit dem Bus zur Bankfiliale nach Lemgo fahren müsse, sei fünf bis sechs Stunden unterwegs, so Fischer. "Wir werden jetzt jeden Samstag auf dem Marktplatz in Lemgo demonstrieren." 400 Unterschriften hat die Bürgerinitiative schon gesammelt und den Banken überreicht.

Der aus Fürstenberg (Westfalen) stammende Autor und Dorfexperte Gerhard Henkel findet das Engagement der Lipper beeindruckend: "Lüdenhausen kann ein Vorbild für andere Dörfer sein, nicht apathisch auf Verluste zu reagieren, sondern ihre Probleme selbst in die Hand zu nehmen." Im Kern gehe es auch in OWL darum, dass die öffentlich-rechtliche und private Infrastruktur immer mehr wegbröckelt – Polizeistationen, Post- und Bankfilialen, Schulen oder Bahnhöfe würden aufgegeben. "Oft schließt hier das letzte Geschäft, da die letzte Kneipe", so Henkel.

In OWL hätten besonders Kreise wie Lippe oder Höxter mit Bevölkerungsabwanderungen zu kämpfen. Oberzentren wie Bielefeld und Paderborn samt Speckgürteln würden wie Magnete funktionieren und vor allem junge Menschen anziehen. Orte, die weiter entfernt liegen, seien Verlierer. Trotzdem sieht Henkel, wie er auch in seinem 2012 erschienenen Buch "Das Dorf" beschreibt, im Landleben eine Zukunft. "Die Menschen lieben das Dorf. Der ländliche Lebensstil, das natur- und gemeinschaftsorientierte Leben, die Anpackkultur kommt auch bei Jüngeren gut an." Auch würden viele neue Vereine bilden, die ihre dorftypischen Probleme selbst anpacken.

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