Ein Original: Das Schuhhaus Willer im Kalletal. Auch in Zukunft soll der Hauptfokus auf dem Ladengeschäft liegen. - © Willer
Ein Original: Das Schuhhaus Willer im Kalletal. Auch in Zukunft soll der Hauptfokus auf dem Ladengeschäft liegen. | © Willer

Kalletal Weg in die Zukunft: Wie das lippische Schuhhaus Willer zum Online-Händler wird

Unterstützung gibt es durch das Amazon-Förderprogramm "Unternehmer der Zukunft"

Julia Gesemann
Schuh-Experten: Juniorchef Jan Willer und Gina Huxoll präsentieren aktuelle Modelle. - © Willer
Schuh-Experten: Juniorchef Jan Willer und Gina Huxoll präsentieren aktuelle Modelle. | © Willer

Kalletal. Willer und Schuhe. Das ist wie Topf und Deckel. Das gehört einfach zusammen. Schon seit acht Generationen. Solange dreht sich im lippischen Kalletal-Langenholzhausen bei Familie Willer schon alles rund um Schuhe. "Im Dorf gab es schon immer Schuhmacher, nach dem Krieg hat mein Opa dann mit dem Schuhhandel angefangen", sagt Jan Willer, Juniorchef, der bald die Geschäftsführung von seinem Vater Ulrich Willer übernehmen wird.

Ein Laden mitten im Ort in einem alten Haus, mit vielen Regalen, in denen Kunden wunderbar stöbern können - seit mehr als 200 Jahren ist das Schuhhaus Willer erfolgreich. Das soll so bleiben - deshalb erschließt sich die Familie über den lokalen Einzugsbereich hinaus in ganz Deutschland neue Kundengruppen. Wie das geht? Im Internet.

So sind seit gut einem Jahr die Schuhe des Schuhhauses auch bei Amazon zu finden. Willer verkauft dort über den Marktplatz seine Waren. "Wir wollten es einfach probieren." Und es ist gut angelaufen.

Teilnahme am Amazon-Förderprogramm

Bei den weiteren Schritten in der digitalen Handelswelt wird das Schuhhaus derzeit durch das Amazon-Förderprogramm "Unternehmer der Zukunft" unterstützt. 23 kleine Unternehmen bekommen drei Monate lang Hilfe beim Start in den sogenannten E-Commerce oder beim Ausbau des bereits bestehenden Online-Geschäftes. Sie lernen, wie sie mehr Kunden erreichen - ohne teure Logistik oder aufwendige Vermarktung. Und wie sie die Potentiale des Internets für ihr Geschäft nutzen.

Denn: Als Händler müsse man sich neu organisieren, sagt Willer. "Das Internet bietet extreme Wachstumsmöglichkeiten." Und auch wenn der stationäre Laden im Kalletal gut dasteht - "Wir reagieren mit unserem Angebot im Internet auf das veränderte Kaufverhalten der Kunden", so Willer.

Zunehmend auch ältere Menschen stöbern durch die Angebote im Netz, springen von den Schuhen-Angeboten zu denen mit der Oberbekleidung. Alles ist schnell und einfach zu erreichen. "Im Vergleich ist es schwieriger, von unserem Schuhhaus in die nächste Stadt, zum nächsten Geschäft zu gelangen."

Zusammenarbeit mit Amazon als Chance

Während andere Händler noch skeptisch auf den Branchenriesen Amazon reagieren und ihn als großen Konkurrenten sehen, sieht Willer die Zusammenarbeit als riesige Chance. "Als kleiner Händler kann ich auf einmal meine Waren in die ganze Welt verkaufen. Sonst erreiche ich nur die Kunden in einem Umkreis von vielleicht rund 40 Kilometern rund um mein Geschäft."

Für Willer ist aber auch klar: "Als Händler kann ich im Netz nicht alles anbieten, man muss sich spezialisieren." Momentan verkauft Willer ausgewählte Schuhe deutschlandweit übers Netz. Den Versand der Ware können er und seine Mitarbeiter derzeit noch gut in die bestehenden Prozesse einbauen. "Mir ist aber auch klar, dass es schwierig werden würde, wenn auf einmal 100 Bestellungen reinkommen." Deshalb sei für ihn ein langsames Wachstum wichtig. "Damit auch wir reinwachsen, uns entwickeln können."

Coach Mark Steier. - © Amazon, www.sir-richard-picture.de
Coach Mark Steier. | © Amazon, www.sir-richard-picture.de

Ihm zur Seite stehen ein Account-Manager von Amazon und Mark Steier, E-Commerce-Coach und Blogger (wortfilter.de). Letzterer hat einige Erfahrungen. Steier war von 2001 bis 2012 im Bereich Autoteile auf EBay und im Internet aktiv. 2010 avancierte er zum größten Verkäufer bei eBay-Motors - mit mehr als 30.000 Transaktionen monatlich. Er weiß, wie Verkaufen im Netz geht.

"Schuhhaus Willer ist ein Paradebeispiel"

Und findet nur Lob für das Schuhhaus Willer: "Das Unternehmen ist bereits gut aufgestellt. Ein Paradebeispiel dafür, wie man als kleiner Fachhändler der Herausforderung Internet begegnet." Vom Schuhmacher zum Schuhhandel zum Outlet ins Internet. "Die verschiedenen Generationen der Familie Willer haben sich den jeweiligen Situationen gut angepasst", so Steier. Die Grundvoraussetzung für ein erfolgreiches Geschäft ist, offen für Ideen zu sein. Und diese Offenheit attestiert Steier dem Schuhhaus Willer.

Nun folgt der Ausbau des Internetsverkaufs, ein Schritt, der laut Steier eine "echte Chance ist, vor der Händler keine Angst haben sollten". Für Steier gibt es nur Vorteile. "Auf Internet-Marktplätzen erreichen die Händler eine enorme Reichweite." Erreiche ein kleiner, lokaler Händler Kunden in einem Einzugsgebiet von 50 bis 100 Kilometern, könne er im Internet hunderten, tausenden oder sogar Millionen Kunden seine Angebote präsentieren.

Auch für die Konsumenten sei das ideal. "Sie finden auf den Internet-Marktplätzen die Kompetenz eines Fachgeschäfts." Und natürlich profitiert auch Amazon, wenn Händler die Amazon-Marktplätze nutzen.

"Amazon ist per se nicht böse"

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In Ostwestfalen verbindet das Start-up Locafox, mit dem der Zeitungsverlag Neue Westfälische kooperiert, die Online- und Offline-Welt miteinander. Auf der Locafox-Webseite suchen Kunden nach dem Produkt ihrer Wahl. Locafox zeigt an, in welchen Geschäften im unmittelbaren Umfeld des Kunden das Objekt der Begierde zu haben ist, nennt den günstigsten Preis und gibt dem Kunden die Möglichkeit, die Ware im Geschäft zu reservieren.

Amazon als Konkurrenz für kleine Händler. Laut Steier sollten Geschäftsinhaber sich von diesem Gedanken verabschieden. "Das ist zu kurzfristig gedacht." Die Chancen überwiegen, mit der Präsenz im Internet könnten Händler ihr Unternehmen langfristig und nachhaltig betreiben. Stationäre Händler in dünn besiedelten Gebieten wie im Kalletal können seiner Meinung nach nicht mehr lange ohne den Internetverkauf zurechtkommen.

"Und Amazon ist ja per se nicht böse. Amazon ist ein Händler, der mit vielen Produkten handeln will." Das Schuhhaus Willer sei das klassische Beispiel. "Eigentlich könnte sich das Geschäft von Amazon bedroht fühlen, Tut es aber nicht. Im Gegenteil, es profitiert mit einem umsatzstarken Internetverkauf."

Im Zuge des Programms "Unternehmer der Zukunft" testet das Schuhhaus Willer die Amazon-Logistik. Die Vorteile liegen für Steier auf der Hand: "So kann der Händler eine bereits bestehende Infrastruktur zu betriebswirtschaftlich günstigen Bedingungen nutzen." Ein Weg in die Zukunft ist also, dass das Schuhhaus einen Teil seiner Waren im Amazon-Lager deponiert, von wo aus sie dann an die Kunden verschickt werden. "Das bereiten wir derzeit vor", sagt Steier. "Grundsätzlich soll aber ein Teil des Warenversands bei uns liegen", so Jan Willer.

Verkauf übers Netz soll für Willer zweites Standbein werden

Wichtig bei diesem Weg in die Zukunft: Er muss laut Steier strategisch und in der dem Unternehmen angepassten Geschwindigkeit vollzogen werden. Und: "Setze das ein, was du gut kannst." Dann ist der Erfolg im E-Commerce auch unabhängig vom Produkt. "Was sich im stationären Handel gut verkauft, geht mit der richtigen Strategie auch im Netz gut." Unter den Programmteilnehmern sei auch ein Fliesenhändler, der seine Ware im Netz palettenweise verkauft.

Amazon spiele bei dem Programm aber auch fair, so Steier. "Es geht darum, den passenden Partner für die Unternehmer zu finden. Und wenn das nicht Amazon ist, ist es vielleicht Ebay oder ein anderer Marktplatz."

Jan Willer hat ein Ziel für die Zukunft: "Wir verkaufen vor Ort im Geschäft weiterhin viele Schuhe und betreiben nachhaltige Kundenpflege." Der Verkauf über das Internet soll ein zweites Standbein werden. "Damit wir für die Zukunft sicher aufgestellt sind", so Willer. "Man weiß ja nicht, wie sich der stationäre Handel entwickeln wird."

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