Ein Blindenhund. - © dpa
Ein Blindenhund. | © dpa

Horn-Bad Meinberg Wie Blindenhund Amy ihr Herrchen sicher durchs Leben führt

Aus ganz Deutschland trafen sich Sehbehinderte mit ihren Blindenhunden. Etwa 2.500 der vierbeinigen Spezialisten sind registriert. Sie werden an 50 Schulen ausgebildet

Jürgen Mahncke

Horn-Bad Meinberg. „Wenn ich unterwegs bin, gebe ich mein Leben in die Hand von Amy, meinem Blindenführhund", erzählt Werner Heuer aus Ostfriesland. Er ist einer von etwa 50 Teilnehmern eines Treffens von Blinden mit ihren Hunden in Horn-Bad Meinberg. Seit drei Jahren sind der 70-Jährige, der vor 20 Jahren erblindete, und seine altdeutsche Schäferhündin Amy ein untrennbares Führgespann. Doch bis sich das Team gefunden hatte, war es einer langer und mühsamer Weg – für den Hund. Einer erfahrenen Führhundetrainerin war der Welpe unter acht weiteren Geschwistern gleich aufgefallen. Amy lag weder zu träge in ihrem Körbchen noch war sie zu aufgedreht. Und mit genau diesem ausgeglichenen Wesen war sie prädestiniert für die Ausbildung zum Blindenführhund. Nur ein paar Wochen später kümmerte sich bereits eine Patenfamilie, erfahren in der Erziehung und Sozialisierung von Hunden, um den Welpen. Hier wurde er langsam an die verschiedensten Lebenssituationen herangeführt. Mitfahren im Auto, Bus oder in der Bahn, Treppen steigen, Lift fahren, Kontakte mit anderen Menschen und Tieren machen, hektischen Stadtbetrieb und ländliche Umgebung erkunden – mit viel Zuwendung, Liebe und Geborgenheit wurde aus dem Welpen innerhalb eines Jahres ein alltagstauglicher und friedfertiger Vierbeiner. Nervenfest, ohne Aggressionsverhalten und Jagdtrieb wechselt Amy von der Patenfamilie in eine Blindenführhundschule. Mit großem Trainingsaufwand wurde Amy ein langer Katalog von Befehlen und Signalen beigebracht. Immer wieder wurde geübt, sie zu verstehen und zuverlässig und richtig auszuführen. „Rechts", „links", „voran" oder „kehrt" waren noch die einfachsten Übungen. „Such Ampel", „such Bank", „such Treppe", „such Geldautomat", „such Briefkasten". Mehr als 76 Befehle erlernte Amy innerhalb eines Jahres. Im Gegensatz zu anderen Hundeausbildungen, die immer nur absoluten Gehorsam verlangen, wurde auch der „intelligente Ungehorsam" beigebracht. Dazu gehört auch, einen Befehl zu verweigern, wenn er den Blinden in eine gefährliche Lage bringen könnte. Amy lernte, im Notfall selbst Verantwortung zu übernehmen. Trotz Anweisung, bei Abgründen, Bahnsteigkanten oder Straßenverkehr weiterzugehen, würde sich der Hund weigern und sich schützend vor den Blinden stellen. Niedrig hängende Äste, Schilder, Pfützen, Fahrräder, Mülleimer, Amy lernte, jedes Hindernis zu erkennen und zu umgehen. Die Führhundschule wurde mit Bravour bestanden, heute vertraut Werner Heuer seinem Hund blind, im wahrsten Sinne des Wortes. „Amy räumt für mich die Hindernisse aus dem Weg, und meine Lebensqualität ist enorm gestiegen", schwärmt der 70-Jährige. „Ab und zu beschimpfen mich Tierschützer wegen Hundequälerei. Metzger, Bäcker, Einkaufsmärkte, Ärzte oder Behörden wollen keine Hunde in ihren Räumlichkeiten. Dabei darf mich mein Führhund doch überall hin begleiten". Sobald Amy das Führgeschirr umgelegt wird und es rausgeht, konzentriert sich der Hund nur noch auf seine Arbeit. Über den Führbügel zeigt er Werner Heuer, wo es entlang geht. Und der kann sich hundertprozentig auf seinen ständigen Schatten, wie er ihn nennt, verlassen. Problematisch wird es, wenn Passanten auf beide zukommen, ungefragt den Hund streicheln oder wohlmöglich ein Leckerli aus der Tasche holen. Das könnte jeden Führhund total aus dem Konzept und der Konzentration bringen und damit den Blinden in große Gefahr. Und Amy kann zwar Fußgängerampeln sicher erkennen, nur nicht, ob es rot oder grün ist. Denn Hunde sind farbenblind.

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