Mehr als staubige Akten und Bücher. - © Foto: SANDRA SPIEKER
Mehr als staubige Akten und Bücher. | © Foto: SANDRA SPIEKER

Detmold Das Gedächtnis der Region

Mehr als staubige Akten und Bücher: Ein Blick hinter die Kulissen des Landesarchivs NRW in Detmold

Detmold. Es ist der typische Geruch von Papier, der durch die Räume wabert, schwül, wie kompostiertes Holz. Auf dem Tisch der Werkstatt im Keller liegt eine alte Landkarte, das Papier vergilbt, die Kanten zerfleddert. Vorsichtig rollt Hermann Niebuhr die Karte auf. "Ah, ein Stadtplan von Paris", sagt er. Viele kleine und große Schätze lagern im Keller des Landesarchivs NRW in Detmold. Wie ein Puzzle setzt sich das Geschichtswissen hier zusammen: 800 Jahre Ostwestfalen-Lippe unter einem Dach. Wir haben uns im "Gedächtnis der Region" umgesehen.

Ein Archiv, klar, das sind Bücher, viele Bücher. Und Aktenberge, die vor sich hinstauben. In einem Kämmerlein vielleicht ein paar Wissenschaftler, die still vor sich hinarbeiten. "So oder ähnlich stellen sich leider viele Menschen die Szenerie in einem Archiv vor", bedauert Niebuhr. Der 62-Jährige übernimmt heute die Leitung der Abteilung OWL des NRW-Landesarchivs, wie die Einrichtung offiziell heißt. Dass das Archiv ein offener Ort ist, an dem jeder Einblick in die Geschichte seiner Heimat nehmen kann, sei weitgehend unbekannt, sagt Niebuhr, als wir im verglasten Eingangsbereich stehen.

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12.000 Urkunden, 27 Kilometer Akten und Amtsbücher, 100.000 Karten, 40.000 Fotos, 400 Filme und 12.000 Plakate: All das liegt in schweren Regalen im Keller. Diesen Bestand muss das Team aus 35 Mitarbeitern, darunter zehn Archivaren, erhalten, pflegen und anreichern. Das frühere Lippische Landesarchiv bildet den Kernbestand des Landesarchivs in Detmold. Von der untersten bis zur Ministerialebene und der Justiz ist das Verwaltungshandeln des Kleinstaates seit dem 15. Jahrhundert fast vollständig dokumentiert. "Die älteste Urkunde stammt aus dem Jahr 1207", erklärt Niebuhr.

Darin geht es um die Auflösung von Klöstern in Lippe. Dazu kommt der Bestand an Archivalien aus Verwaltung, Polizei und Justiz aus dem ehemaligen Regierungsbezirk Minden ab dem 19. Jahrhundert: Kirchenbuchduplikate etwa, Akten über Hexenprozesse oder Tonaufnahmen von Kriegsverbrecherprozessen.

Der Papiergeruch wird intensiver, es geht hinunter ins Magazin. Bei 18 bis 20 Grad und einer Luftfeuchtigkeit von 50 Prozent lagern hier die Schätze, sorgsam verpackt in Kartons, mit Nummern und Zahlen beschriftet. Regal für Regal. "Ein normaler Mensch kann damit nichts anfangen", sagt Niebuhr, deutet auf die Zahlenkombination und nimmt eine Akte aus einem Karton.
Sie ist in Papier eingeschlagen und stammt von 1942.

Landkarte aus Paris im OWL-Archiv

"Kriegssachschäden" steht in Sütterlin auf der Mappe. Die Metallklammern wurden durch Stoffbänder ersetzt, das Papier ist entsäuert worden – um es vor dem Verfall zu retten. Gemacht wird das im Chemieraum neben der Reparaturwerkstatt. Hier werden in mühevoller Handarbeit alte Schätze wieder aufgemöbelt.

Und was hat nun die Landkarte von Paris im OWL-Archiv verloren? "Wahrscheinlich stammt sie aus einem privaten Nachlass", vermutet Niebuhr. Auch Adelige haben dem Archiv Einzelstücke anvertraut – etwa eine der bedeutendsten Herrscherinnen aus Lippe, Fürstin Pauline (1769 bis 1820).

Ortswechsel: Im Lesesaal im Erdgeschoss sitzen sechs Menschen bei der Recherche. 1.000 Besucher kommen pro Jahr, 35 Arbeitsplätze mit PCs und Mikrofiche-Lesegeräten stehen dort. Der Nebenraum ist gewissermaßen das Inhaltsverzeichnis des Archivs. Hier lagern die Bestandsverzeichnisse. "Damit alles zusammenbleibt, wie es entstanden ist", erklärt Niebuhr. Das Archivwesen befinde sich derzeit stark im Umbruch. Seit rund sieben Jahren wird in Detmold digitalisiert – ein teurer Prozess. Und: Geschafft sei noch nicht einmal ein Prozent des Bestandes. Unklar sei auch, auf welchen Medien das Archivgut in den nächsten hundert Jahren erhalten werden soll.

In Detmold nutzen die meisten Besucher das Personenstandsregister, suchen nach Spuren ihrer Vorfahren. So wie Marita Knapp. "Ich will mehr über meine Urgroßeltern wissen", sagt die 48-Jährige. Sie sollen in OWL gelebt haben, das weiß sie. Mehr war aus der Familienchronik bisher nicht zu erfahren. Im Landesarchiv kann sie Antworten finden – und jeder andere auch.
      

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