Nicht mehr dabei: Brigitte Labs-Ehlert baute das Literaturbüro OWL auf. - © Gerstendorf-Welle
Nicht mehr dabei: Brigitte Labs-Ehlert baute das Literaturbüro OWL auf. | © Gerstendorf-Welle

Detmold Hoffen auf Neuanfang von "Wege durch das Land"

Finanzdebakel: Brigitte Labs-Ehlert, Leiterin des Literatur- und Musikfests und des Literaturbüros OWL, ist zurückgetreten. Gesellschafter suchen in Gesprächen mit dem Land nach Auswegen

Stefan Brams

Detmold. Die Lage beim Literatur- und Musikfest „Wege durch das Land" (WddL) sowie beim Literaturbüro Ostwestfalen-Lippe mit Sitz in Detmold spitzt sich zu. Denn deren künstlerische Leiterin, Brigitte Labs-Ehlert, hat am Dienstagabend auf der WddL-Gesellschafterversammlung ihren sofortigen Rücktritt erklärt. Das bestätigten Teilnehmer der Versammlung im Gespräch mit der Neuen Westfälischen. Es ist aber auch zu hören, dass Labs-Ehlert erst zum Rücktritt gedrängt werden musste, um den Weg für einen Neuanfang frei zu machen. In einer Pressemitteilung der Gesellschafter hieß es dazu lediglich: „Die Gesellschafterversammlung würdigt die herausragenden künstlerischen Leistungen von Brigitte Labs-Ehlert und dankt ihr für ihr langjähriges Wirken. Ferner zollt die Gesellschafterversammlung Respekt vor ihrem Rücktritt, der den Weg frei macht, angesichts der aktuellen Probleme Festival und Literaturbüro neu aufzustellen und tragfähige Zukunftskonzepte zu entwickeln." Die Verstöße sollen erheblich gewesen sein Labs-Ehlert, die sowohl das renommierte Festival als auch das Literaturbüro aufgebaut und zu überregionaler Beachtung gebracht hat, zieht damit die Konsequenzen aus nicht ordnungsgemäßen Abrechnungen in den Jahren 2009 bis 2012, die vom Rechnungsprüfungsamt Arnsberg moniert worden waren. Die Verstöße sollen erheblich gewesen sein, heißt es in dem Prüfbericht. Wie mehrfach berichtet, verlangt das NRW-Kulturministerium insgesamt 217.000 Euro an Fördergeldern zurück und hat zudem für dieses Jahr die Förderung in Höhe von rund 300.000 Euro (187.000 Euro für WddL und 116.000 Euro für das Literaturbüro) ausgesetzt, „weil weder WddL noch das Literaturbüro in Wirtschaftsplänen für 2016 Vorkehrungen für die Rückforderungen getroffen haben". Daher sei eine Bewilligung oder Auszahlung derzeit nicht vertretbar, heißt es seitens des Ministeriums. Damit sind beide Organisationen von der Insolvenz bedroht. So soll WddL lediglich über 28.000 Euro an Rücklagen verfügen. Gegen die Rückforderung der Landesmittel will die Gesellschafterversammlung auch nach dem Rücktritt der künstlerischen Leiterin Klage einreichen. Wohl auch, um für Gespräche mit dem Land Zeit zu gewinnen. Die Frist zur Klage läuft am 10. März ab. Wie es bei WddL weitergehen soll, ist noch völlig offen, sagte ein Teilnehmer der Sitzung auf Nachfrage. Auch, ob das Festival WddL wie geplant im Mai starten könne, sei völlig unklar. Auch, wer die Institutionen kommissarisch führen werde, sei noch nicht entschieden. Zudem sind die Bücher für die Jahre 2013-2015 nicht abschließend geprüft. Auch für diese Zeiträume soll es erhebliche Beanstandungen geben, ist zu hören. Jede Menge Unwägbarkeiten also. Für die Gesellschafter werden nun der Bielefelder Kulturdezernent Udo Witthaus und der Intendant des Landestheaters Detmold, Kay Metzger, der auch zweiter Vorsitzender des Literaturbüros ist, weitere Gespräche mit NRWs Kulturstaatssekretär Bernd Neuendorf führen, um Lösungen für einen Neuanfang zu finden. Im Gespräch sollen Stundungen oder Ratenzahlungen für die Rückforderungen sein. Die Zeit drängt allerdings, denn bereits am 21. März müssen die 217.000 Euro an das Land zurückgezahlt sein. Wie es konkret weiter geht, dazu tagt die Gesellschafterversammlung von WddL erneut und zwar am 7. März. Bis dahin soll Klarheit herrschen, ob und wie es weitergehen kann. Am 4. März gibt es zudem eine außerordentliche Mitgliederversammlung des Literaturbüros. Insgesamt bewegt WddL dank großer Sponsoren aus der Wirtschaft sowie aus Stiftungen einen Etat von rund einer Million Euro. Gesellschafter sind die Kreise Gütersloh, Höxter, Minden-Lübbecke, Lippe, Paderborn, die Stadt Bielefeld und der Landesverband Lippe. Kommentar Von Stefan Brams Große Verdienste, großer Schaden Brigitte Labs-Ehlerts Verdienste um das Literaturbüro und Wege durch das Land sind groß. Ohne ihr Geschick, ihre Zähigkeit, ihr Netzwerk und ihre große Reputation in Künstlerkreisen würden es diese beiden Leuchttürme der Kultur, die weit über OWL hinausstrahlen, nicht geben. Ebenso groß ist aber auch der Schaden, den sie angerichtet hat, indem mit Fördergeldern höchst hemdsärmelig umgegangen wurde – und das über Jahre. Wie konnte es die künstlerische Leiterin so weit kommen lassen? Warum wurde nicht rechtzeitig ein kaufmännischer Leiter installiert, der die Zahlen im Auge behält? Warum wurde in den vergangenen Jahren nicht gehandelt, obwohl der Prüfprozess der nicht ordnungsgemäßen Abrechnungen seit 2013 läuft und die Verantwortlichen zwischen Oktober 1014 und August 2015 drei Mal dazu angehört wurden? Und was ist von den Prüfungen der Jahre 2013-2015, die noch anstehen, wohl noch alles zu erwarten? Brigitte Labs-Ehlert scheint in diesem Bereich grob fahrlässig gehandelt zu haben oder sich ihrer Sache zu sicher gewesen zu sein. Zu sicher auch, weil gekungelt, weil von der Bezirksregierung und vom Land lange Zeit nicht genau hingeschaut wurde? Es ist bedenklich, dass der Blick für die Verantwortung gegenüber Steuermitteln so sehr getrübt war. In Folge dessen sind die beiden Projekte nun in ihrer Substanz bedroht. Daher ist Labs-Ehlerts Rücktritt konsequent. Dass er nicht nur freiwillig, sondern auf Drängen einiger Gesellschafter erfolgt sein soll, trübt die Entscheidung. Es wäre dennoch zu begrüßen, wenn das Kulturministerium den Willen zum Neuanfang honoriert und in den anstehenden Gesprächen ein Weg gefunden wird, diese Leuchttürme nicht untergehen zu lassen. Ihr Kontakt zum Autor

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