Dienst am Tod statt am Leben

Kapitalismuskritik aus theologischer Perspektive

VON STEPHAN LANGE

Germete. Im "Landhaus am Heinberg" kam jetzt der "Sozialpastorale Arbeitskreis", eine Gruppe katholische Theologen - Priester und Laien - zusammen. Der größte Teil der Teilnehmer sind oder waren im Ruhrgebiet seelsorglich tätig. Pastor Hermann Daniel moderierte die Versammlung, deren Mitglieder sozialkritische Sichtweisen vertreten.

Dr. Oliver Reis, Akademischer Rat im Fach "Katholische Theologie" an der Technischen Universität Dortmund, behandelte in freier, eindringlicher Rede Anfragen, "die aus biblischer und theologisch-systematischer Sicht an das gegenwärtige Wirtschafts- und Geldsystem zu stellen sind". Der in der westlichen Welt herrschende Kapitalismus mache mit seinen Verheißungen von "Wohlstand für alle und für immer" dem christlichen Glauben Konkurrenz. "Er ist, altmodisch gesprochen, als ,Götzendienst' anzusehen", so Reis. Die vom Geld bestimmte Wirklichkeit stehe dem biblischen Wirklichkeitsverständnis entgegen.

"Das biblische Zinsverbot, an das sich die Christen im 1. Jahrtausend hielten, und damit eine stagnierende Wirtschaft in Kauf nahmen, wurde erst im Mittelalter aufgeweicht und dann gänzlich aufgegeben", so der Theologe. Statt selbst zu arbeiten, habe man sein Geldvermögen arbeiten lassen. "Die theologischen und ethischen Skrupel besänftigten die am Zins verdienenden Christen dadurch, dass sie ihre Überschüsse in Kirchenbauten, Armenhäuser und Hospitäler investierten", erklärte Reis. Heute komme es weder den einzelnen Christen noch den Kirchen in den Sinn, auf Zins und Zinseszins zu verzichten. Allein Wucherzinsen seien verpönt.

"Wahre Werte sind nur noch Warenwerte"

Referent Reis lies keinen Zweifel daran, dass Christen ebenso wie alle Menschen in dieses System verstrickt seien, und "es uns dabei bisher so gut geht wie keiner Generation vor uns". Die Bürger merkten kaum, wie alles, was nicht für Geld zu haben sei, abgewertet werde. "Wahre Werte sind nur noch solche, die man kaufen kann - Warenwerte." Das Wirtschaftssystem des Kapitalismus in seiner gegenwärtigen Form zwinge den Menschen zur Sünde, "zum Dienst am Tod, statt am Leben", fand der Theologe markige Worte.

Die spirituell-theologische Spitze der Ausführungen von Dr. Oliver Reis bestand in einer Meditation über den Gottesdienst. "Was ist in der Feier des Abendmahls mit der Wandlung gemeint?", fragte er. Und in welcher Weise könne das mit Wandlung Gemeinte dem Gläubigen helfen, die Welt nicht nur anders zu sehen, sondern sie grundlegend zu verändern?

Die Aktualität der Fragen und die sachlich aufregende Position des Referenten führten in der Theologengruppe im Landhaus am Heinberg zu einer intensiven Diskussion, die erst um Mitternacht endete.

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