Aus Aserbaidschan: Hafiz Isayev spielt Klavier seit seinem 5. Lebensjahr Klavier. Hatte aber nie einen Lehrer. Alle Stücke spielt er nur nach Gehör. - © Vivien Tharun
Aus Aserbaidschan: Hafiz Isayev spielt Klavier seit seinem 5. Lebensjahr Klavier. Hatte aber nie einen Lehrer. Alle Stücke spielt er nur nach Gehör. | © Vivien Tharun

Warburg Aserbaidschaner findet in Warburg ein Klavier zum Musizieren

Hafiz Isayev brachte sich selbst als Kind das Klavierspielen bei und spielte nach einer spontanen Einlage bei der Eröffnung des „Time Outs“. Vor einem Jahr kam er aus Aserbaidschan nach Deutschland

Vivien Tharun

Warburg. Es ist zwei Tage vor der offiziellen Eröffnung des Café „Time Out" an der Hauptstraße. Die Besitzerin Antonella Guacci empfängt in kleiner Runde einige Gäste. An einem alten Klavier im Raum sitzt ein Mann mittleren Alters und improvisiert Pop-Klassiker. Er heißt Firdovsi Hafiz Isayev. Möchte aber „einfach Hafiz" genannt werden. Er spielt mit solcher Hingabe, dass einer der Gäste zu dem Musiker herübergeht und ihn anspricht. Woher er so spielen könne, wird er gefragt. Hafiz antwortet etwas verlegen, dass er sich alles selbst nach Gehör beibringe und keine Noten lesen könne. Erst ein paar Tage später erfährt Hafiz: Der fragende Gast war Bürgermeister Michael Stickeln. Abschiebung droht seit Januar Vor gut einem Jahr kam das Musiktalent aus Aserbaidschan nach Deutschland. Der Bruder seiner Ex-Frau würde ihn massiv bedrohen, weil er zum Christentum konvertiert sei, sagt Hafiz. Vor dieser Familienfehde sei er geflohen. Seit neun Monaten ist er in der ehemaligen Kaserne in Dössel untergebracht. „Aber schon im Januar dieses Jahr wurde mir gesagt, ich soll abgeschoben werden", sagt der 40-Jährige. Ein Anwalt helfe ihm gerade. Wenn er Musik spiele, fiele aller Stress und seine Ängste von ihm ab. In seinem Zimmer in der Unterbringung Dössel hat er aber nur ein kleines Keyboard: „Elektronik klingt nie so schön, wie ein akustisches Instrument", sagt Hafiz. Dass er nun im „Time Out" spielen kann, ist eine Verkettung vieler glücklicher Zufälle: „Als ich noch im Don Pepe gearbeitet habe, kam Hafiz einmal rein und fragte, ob es ein Klavier gebe, dass er spielen könne", sagt Gastronomin Guacci. Das gab es dort nicht. Als sie dann ihr eigenes Café eröffnet, steht im Landen noch aus früheren Zeiten ein altes Klavier. „Da habe ich mich an Hafiz erinnert", sagt Guacci. Fedor Waldschmidt, Stammgast im „Don Pepe", stellt den Kontakt zwischen ihr und Hafiz her. Guacci lädt Hafiz ein, immer zu kommen, wenn er spielen wolle. Zur Vorveranstaltung der Eröffnung kommt er dann: „Wie ein Engel kam er herein", sagt Guacci. Zur Eröffnung vergangenen Sonntag kommt er wieder und spielt den ganzen Abend. „Erst für die Gäste, später, als die Gäste weg waren, nur noch für das Personal", sagt Hafiz. Aufgewachsen ist er als eines von vier Geschwistern in der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku. Die Eltern besitzen ein Klavier, an das er sich mit vier Jahren das erste Mal setzt, um zu klimpern. Mit zunehmendem Alter übt er immer mehr – nach Gehör: „Ich höre ein Lied ein- oder zweimal. Dann kann ich das nachspielen", sagt er. Als Erwachsener hat er immer gut zu tun: „Erst habe ich Juwelier gelernt", sagt er. „Aber nie in dem Beruf gearbeitet." Er wendet sich dem Journalismus zu und schreibt zehn Jahre lang für das Magazin Esrin Ziyalisi. Einer Publikation, in der es vornehmlich um wissenschaftliche Themen geht. „Ich habe zum Beispiel Professoren von der Universität interviewt", sagt er. Er schreibt tagsüber und führt abends ein Restaurant. „Das habe ich aber nie gelernt". Darum kocht er dort auch nicht. „Ich kann jeden Job zu 100 Prozent lernen. Außer Koch. Das lerne ich nie", sagt Hafiz lachend. Zeit für Musik nimmt er sich regelmäßig. In Aserbaidschan spielt er wöchentlich mit Musikern zusammen. „Das würde ich auch in Deutschland gerne wieder tun." Aber keine klassischen Stücke, denn „dafür müsste ich Noten lesen können", sagt er.

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