Medikamentenhandel: Früher war der Online-Handel mit Arzneimitteln verboten. 2004 wurde das Gesetz jedoch geändert. Ausländische Versandapotheken sind sogar nicht an die deutsche Arzneimittelpreisverordnung gebunden. - © Matthias Hiekel/dpa
Medikamentenhandel: Früher war der Online-Handel mit Arzneimitteln verboten. 2004 wurde das Gesetz jedoch geändert. Ausländische Versandapotheken sind sogar nicht an die deutsche Arzneimittelpreisverordnung gebunden. | © Matthias Hiekel/dpa

Warburg Arzneimittel: Kunden wandern immer häufiger ins Internet ab

Versandhandel: Viele Produkte kauft der Mensch im Internet. Auch Medikamente können seit einigen Jahren auf diesem Weg erworben werden. Auch rezeptpflichtige. Hiesige Apotheker sehen das kritisch

Angelina Kuhlmann

Warburg. Sie sind günstig, Rezepte können einfach eingereicht werden und die Lieferzeiten sind kurz: Mit diesen Vorteilen werben Versandapotheken. All das spricht für eine Bestellung bei den Online-Händlern. Doch trotz der angepriesenen Vorteile gegenüber herkömmlichen Apotheken, kommen die Versandapotheken im In-und Ausland beim aktuellen Test der Stiftung Warentest nicht über die Note "befriedigend" hinaus. Die meisten werden sogar mit dem Urteil "mangelhaft" bedacht. Gleichwohl berichten Warburger Apotheker davon, dass ihre Kunden häufiger rezeptfreie sowie rezeptpflichtige Medikamente bei Versandapotheken bestellen, anstatt bei ihnen zu kaufen. Seit der Online-Handel mit Arzneimitteln 2004 auf dem deutschen Markt erlaubt wurde, erkennen sie einen steigenden Trend: Lieber günstigere Produkte online kaufen, anstatt die Vor-Ort-Apotheke aufzusuchen. "Letztendlich sind das Mitbewerber. Sie beleben ja das Geschäft", sagt Andreas Genau, Inhaber der Teutonenburg Apotheke, über die Konkurrenz aus dem Internet. Aber er sieht ein Risiko: "Der lokale Handel geht den Bach runter". Zwar seien deutsche Versandapotheken ebenso an die Arzneimittelpreisverordnung gebunden, wie die lokalen Apotheken, aber durch das Urteil des Europäischen Gerichtshofes im vergangenen Jahr sind ausländische Versandhäuser davon ausgenommen. Eigentlich gebe es für Apotheken nämlich eine festgeschriebene Summe, die beim Verkauf zusätzlich erhoben werden muss. Meistens liege die zwischen fünf und zehn Euro. Dadurch, dass ausländische Versandapotheken sich nicht daran halten müssen, können sie die Medikamente viel günstiger anbieten. Dass die deutschen Online-Anbieter trotz Preisbindung ebenfalls günstiger als die Vor-Ort-Anbieter seien können, habe einen anderen Grund. Sie können bei den Serviceleistungen, dem Personal und durch den Massenankauf von Produkten Einsparungen vornehmen. Die mitunter großen Preisunterschiede locken dann die Kunden, die sonst ihre Medikamente in den hiesigen Apotheken kaufen. "Von zehn Apotheken in der Umgebung sind heute schon zwei geschlossen. Das sind 20 Prozent", sagt Genau. Diese Situation der Apotheken im Warburger Land führt er auf die Konkurrenz durch den Online-Handel zurück. Auch Sabine Becker, Inhaberin der Altstadt Apotheke, sieht diese Entwicklung "negativ". "In NRW schließt jede Woche eine Apotheke. Und es erwischt dann eben die im ländlichen Raum", sagt die Apothekerin. Die Konditionen der Versandapotheken könne sie in ihrem Geschäft nicht bieten, dafür aber unentbehrliche Serviceleistungen. Nur die Apotheken vor Ort können Notfalldienste bieten Neben der Beratung ihrer Kunden von Angesicht zu Angesicht, bieten sie ja auch Nachtdienste und die Herstellung von individuellen Arzneien. Es gebe auch ein Notfalllager, so Becker, indem Notfallmedikamente gegen zum Beispiel Vergiftungen aufbewahrt werden. All das könne eine Versandapotheke nicht leisten. Gerade der direkte Kontakt zum Kunden sei doch wichtig. Becker: "Es geht nichts über die persönliche Beratung." Nur so könne optimal behandelt werden und auch vor Missbrauch geschützt werden. Das sieht auch Andreas Genau so. Er weißt auch darauf hin, dass die Vor-Ort-Apotheken Arbeitsplätze und Ausbildungsmöglichkeiten bieten, die wegfallen, wenn ein Geschäft schließt. Für ihn passen die Probleme, die die Versandapotheken verursachen, zur gesamten Entwicklung des regionalen Handels. Viele lokale Geschäfte stünden in Konkurrenz zum Online-Handel. Man könne ja zum Beispiel auch seine Kleidung im Internet bestellen. Er findet, dass es noch mehr Initiativen, wie die der Frauen Union mit "Ich kaufe hier ein, damit meine Stadt lebt" geben sollte (NW berichtete). Er und sein Team haben schon versucht mit eigenen Maßnahmen den Käufen beim Versandhändler zuvor zukommen: "Kunden können auch per Whatsapp oder auf der Website bei uns bestellen." Für die Peckelsheimerin Karin Eichler sind Versandapotheken kein wirkliches Thema. "Ich brauche so gut wie nie Medikamente und wenn doch, dann ist eine Apotheke direkt um die Ecke, da gehe ich dann hin", sagt sie beim Bummel durch die Warburger Innenstadt. Auch Giesbert Bode locken die niedrigen Preise nicht. Der Warburger sehe gar keinen Sinn darin, dort zu bestellen. "Wir gehen seit 30 Jahren zur Apotheke hier in der Stadt. Die beraten direkt. Es ist besser, wenn man den Kontakt hat", sagt er. Er ergänzt aber, dass er es schon verstehen könne, wenn Menschen, die dauerhaft auf teure Medikamente angewiesen sind, diese bei einer günstigeren Versandapotheke kaufen. Wer übrigens denkt, dass die Versandapotheken aufgrund der niedrigeren Preise kein Fachpersonal haben, liegt falsch. Für den Handel mit Medikamenten ist eine Erlaubnis nötig, die nur approbierten Apothekern bekommen. Die Lagerung und das Packen der Medikamenten Kartons werde allerdings von Hilfskräften übernommen, ist sich Andreas Genau sicher. Der Handel von Tierarzneimitteln ist im Übrigen strenger geregelt: Der Versandhandel war bis 2011 komplett verboten. Jetzt dürfen nur bestimmte Produkte verschickt werden.

realisiert durch evolver group