Erinnern: Emma, Sonja und Madeline knien vor den Denksteinen am Jüdische Friedhof. Gemeinsam mit ihren Mitschülern haben sie an die Novemberpogrome 1938 erinnert. - © Angelina Kuhlmann
Erinnern: Emma, Sonja und Madeline knien vor den Denksteinen am Jüdische Friedhof. Gemeinsam mit ihren Mitschülern haben sie an die Novemberpogrome 1938 erinnert. | © Angelina Kuhlmann

Warburg Novemberpogrom: Gegen das Vergessen

Das mörderische NS-Regime zerstörten am 9. November 1938 jüdische Häuser, Geschäfte und Synagogen. Schüler erinnern an die Warburger Opfer

Angelina Kuhlmann

Warburg. Still und ruhig, so verhält sich eine Gruppe von Jugendlichen meistens nicht. Es wird gequatscht, rumgealbert, laut gelacht. Doch die Schüler am jüdischen Friedhof schweigen andächtig. Das Thema der Veranstaltung berührt sie, ja bedrückt sie. Vor 79 Jahre wurden in der sogenannten Reichskristallnacht Synagogen, tausende jüdische Geschäfte, Wohnungen und Friedhöfe von Schergen der SA und SS zerstört und geschändet. Die Nationalsozialisten deportierten Zehntausende jüdische Mitbürger in die Konzentrationslager. Auch in Warburg wurde die jüdische Minderheit in dieser Nacht Opfer gesteuerter staatlicher Gewalt. Von den 160 jüdischen Warburgern wurden in den zwölf Jahren der Naziherrschaft 148 deportiert. 136 wurden ermordet. In der Hansestadt halten die beiden Gymnasien die Erinnerung an diese jüdischen Bürger jedes Jahr mit einer Gedenkfeier aufrecht. In diesem Jahr bereiteten die Schüler der 9. Klassen des Marianum die Veranstaltung vor. Mehr als 40 Besucher kamen zum Emil-Herz-Platz zur Feierstunde am jüdischen Friedhof. Die Schüler trugen dort gemeinsam Geschichten über die jüdischen Familien, die in Warburg gelebt haben, vor. Den Rahmen der Gedenkstunde stellten Pfarrer Claus-Jürgen Reihs und Referendar Alexander Sonst mit einigen kleineren Beiträgen und der Aufforderung zu einer Gedenkminute. Musiklehrerin Petra Hülsebusch begleitete mit traditioneller jüdischer Musik auf der Klarinette. "Ist die Zahl nicht viel zu klein im Vergleich, um sich mit ihr zu beschäftigen", fragte Alexander Sonst zu Beginn. 148 im Vergleich zu fast sieben Millionen in Europa. Darauf haben Schüler und Lehrer eine klare Antwort gefunden: Die Geschichten der jüdischen Bürger Warburgs dürfen nicht vergessen werden. Zwar könne man ihre Geschichten nicht weitererzählen, aber man könne die Erinnerung an sie wachhalten. Zum Beispiel die Erinnerung an Familie Berg, die ein Textilgeschäft an der Hauptstraße besaß, und die von Max Rosenstein, dessen Frau und die fünf gemeinsamen Kinder im Konzentrationslager Auschwitz ermordet wurden. Nur er überlebte. Stark waren die Worte, die Schülerin Sonja abschließend findet: "Jeder Mensch sollte gleich anerkannt werden. Wir müssen verhindern, dass so eine Diskriminierung wieder passiert." Das, was die Jugendlichen intensiv im Religionsunterricht vorbereitet haben, hat sie berührt. Sie haben sich viel mit der Vorgeschichte des Holocaust beschäftigt und über die Frage gesprochen, wo Gott für die Menschen damals gewesen sein mag. "Wir haben uns gefragt, wieso Gott uns manch-mal nicht hilft", sagt Clemens Huesmann. Eine Antwort zu finden sei da gar nicht so leicht. "Wir haben eine große Verantwortung, dass das alles nicht vergessen wird", sagt Benedikt Kriwet. "In Geschichte hat man oft nur Zahlen", ergänzt Patrick Spisse. Doch durch die Schicksale der Warburger Juden waren die Schüler schnell persönlich berührt. Für sie eine "positive Erfahrung".

realisiert durch evolver group