Warburg Im Kampf um den rechten Glauben

"Theologischer Herbst": Referent Richard Janus begab sich im Arnoldihaus auf die Spurensuche nach der reformatorischen Geschichte des Warburger Landes. Dabei fand er viele spannende Hinweise

Dieter Scholz

Warburg. Höllenangst, Fegefeuer oder das Paradies, der Tod holt auf Erden alle ab. Das ist die Botschaft des Totentanzes aus dem ausgehenden 15. Jahrhundert hinter dem Chorgestühle im Altarraum der Neustadt-Kirche. Mit der Angst vor unsäglichen Höllenstrafen lebten im Spätmittelalter viele Christen. Befeuert von den Predigten der Kirchenoberen. Davon befreiten die Lehren Martin Luthers. Sie sprachen von der Freiheit des Menschen, die von dem Zwang der guten Werke absah. Nicht die Kirche vermittle das Paradies, selig machend sei die Gnade Gottes, so Luther. Die Gedanken der Reformatoren im 16. Jahrhundert trafen den Nerv der Zeit. "Und sorgten für Umbrüche in der Gesellschaft", sagt Richard Janus, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Evangelische Theologie der Universität Paderborn. Der promovierte Religionspädagoge war am Mittwochabend Referent der dreiteiligen Reihe "Theologischer Herbst" im Arnoldihaus in der Altstadt. Sein Thema: die Historie der Reformation im Warburger Land. »Die Quellenlage ist nicht günstig, eine Gesamtschau fehlt« Ein schwieriges Unterfangen, bekannte Janus vor seinen rund 80 Zuhören. Denn für das Hochstift Paderborn sei "die Quellenlage nicht günstig" und eine entsprechende Gesamtschau fehle. "Also bleibt das Studium unterschiedlichster Literatur und der suchende Blick in die Archive", so Janus. In den Blick nahm er die Zeit zwischen Luthers Thesenanschlag in Wittenberg 1517 und dem Beginn des 30-jährigen Krieges 1618. Man müsse im Einzelfall schauen, sagt Janus und berichtete vom Einfall der 500 Borgentreicher Schützen, die 1613 drei Tage nach Neujahr, angeführt vom Dringenberger Landdrosten, mit Gewalt den Kaplan aus Daseburg auf Geheiß des Paderborner Bischof in Körbecke zum Pfarrer machten. Er hielt vor dem zusammengetriebenen Dorfbewohnern eine Messe und forderte die Rückkehr zum katholischen Glauben auf. Doch im Herrschaftsgebiet derer von Spiegel rückten die Landadligen vom Desenberg anschließend wieder mit dem Schulmeister als Prediger an. Was blieb: "Der Bischof hatte ein Zeichen gesetzt, seine Macht demonstriert." Es war Dietrich von Fürstenberg (1546-1618), nach einer langen Reihe von schwach agierenden Paderborner Kirchenfürsten, der die Gegenreformation im Hochstift durchsetzte. "Mit ihm waren reformatorische Bemühungen, die es in einigen Landesteilen gab, endgültig gescheitert", bilanzierte Janus. Doch die Kirchenstrukturen hatten sich verändert. Das bischöfliche Amt wurde vom Landesherrn übernommen. Rund um das Hochstift waren Lippe, Waldeck und Hessen lutherisch. Die Gemeinden wurden am Gottesdienst beteiligt, bis dahin hatte im Kirchenschiff nur einer gesungen: der Pfarrer. "Das Lateinische wird durch das Deutsche ersetzt, das aber im plattdeutsch sprechenden Westfalen durchaus nicht überall verstanden wird", hielt Janus fest. Zweifellos sei Otto Beckmann in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts in Warburg eine herausragende Persönlichkeit gewesen, stellte Janus heraus. 1476 in Warburg geboren, habe Beckmann zwischen 1510 und 1523 als Professor für Grammatik in Wittenberg und ab 1514 zugleich Kanoniker an der Schlosskirche an Luthers Reformbewegung Anteil genommen. Humanistisch gesinnt übernahm der Geistliche 1523 das Pfarramt an St. Johannes Baptist in seiner Heimatstadt, in der er 1540 starb. Geschätzt aufgrund seiner hohen Gelehrsamkeit, hatte Beckmann der Kalandbruderschaft in der Stadt neue Statuten gegeben. "Eine Bruderschaft von Geistlichen und Laien zur Pflege des gemeinsamen Gebets und Gottesdienstes, der Freundschaft und Geselligkeit, der Förderung sittlichen Lebens und der Wohltätigkeit." Ein Jahr nach Amtsantritt ließ Beckmann in der Neustadtkirche im Hochchor ein Chorgestühl für die Mitglieder der Bruderschaft aufstellen. Als Priester verkleidet pöbelt ein Student in Beckmanns Messe Für Beckmann war die Bewegung, die von den Reformatoren ausging, zu radikal. 1528 platzte ein Student als Priester verkleidet in die Weihnachtsmesse, pöbelte und beschimpfte den Pfarrer. Solche rebellischen Auswüchse schmeckten dem humanistisch-gesinnten Feingeist nicht. Das Dominikanerkloster verschloss sich gänzlich der neuen Lehre, "doch muss es in Warburg, das damals rund 3.000 Einwohner zählte, Anhänger der Reformation gegeben haben", betonte Janus. Ein Indiz: Thomas Volsweit, Pastor in Hohenwepel, wird 1581 Pfarrer an der Warburger Neustadt. Da war er noch katholisch, feierte das Abendmahl aber unter beiderlei Gestalten, heiratete, baute 1588 in der Hundegasse ein Haus. "Da war sein Sohn zwölf Jahre alt", das belege eine bis heute erhaltene steinerne Bauinschrift, so Janus. Es sei davon auszugehen, dass Volsweit lutherisch geworden sei. 1590 sei er des Amtes enthoben worden. "Im Jahr drauf soll der damalige Bürgermeister Herbold von Geismar dann eine flammende Rede für den Katholizismus gehalten haben", beendet Referent Janus das Kapitel. Fürstbischof Dietrich von Fürstenberg hatte im Hochstift die Gegenreformation wirkmächtig in Gang gesetzt, die Jesuiten in die Domstadt geholt. 1617 weist er alle Nichtkatholiken außer den Juden aus dem Bistum aus, ein Jahr später stirbt der Paderborner Kirchenfürst. Anfang des 19. Jahrhunderts kamen dann die Preußen und mit ihnen auch wieder die Protestanten.

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