Lernen auf kleinem Raum: Vivien (v.l.) und Lindsay Wendler, Wayne Steinmann, Mutter Cinderella mit Ashley und Paul Gerste und Lehrer Ulrich Voigt machen im fahrenden Klassenzimmer zusammen Schulaufgaben. - © Jemima Wittig
Lernen auf kleinem Raum: Vivien (v.l.) und Lindsay Wendler, Wayne Steinmann, Mutter Cinderella mit Ashley und Paul Gerste und Lehrer Ulrich Voigt machen im fahrenden Klassenzimmer zusammen Schulaufgaben. | © Jemima Wittig

Warburg So lernen die Schaustellerkinder für die Schule

Beruflich sind sie fast immer unterwegs. Ihre Kinder müssen auf der Tour von einem Jahrmarkt zum anderen alle paar Wochen die Schule wechseln

Jemima Wittig

Warburg. Er steht mit dem Rucksack auf dem Rücken im Regen vor der verschlossenen Bustür und wartet. Auf dem Zettel liest er: "Beginn: 13.30 Uhr". Er ist zu früh. Blöd bei dem stürmischen Wetter am Donnerstagmittag. Wayne Steinmann ist ein Schaustellerkind. Seine Eltern führen auf der Warburger Oktoberwoche den Musikexpress. Fast das ganze Jahr ist er mit ihnen in ganz Deutschland auf den Rummelplätzen unterwegs. Darum kann der 13-Jährige nicht wie andere Kinder regelmäßig eine normale Schule besuchen. Zwar hat er eine Stammschule, an der er zurzeit in der sechsten Klasse gemeldet ist, diese besucht er aber nur in den Wintermonaten. Von November bis Januar leben die Steinmanns im ostfriesischen Remels. "In der Zeit muss ich mich in der Schule dann echt anstrengen", sagt der Jugendliche. "Da kriege ich dann nämlich meine mündlichen Noten." Seine schriftlichen Leistungen kann er auf der Reise absolvieren. Von der Stammschule hat er immer einen Lehrplan dabei, in dem auch die Themen der nächsten Klassenarbeiten stehen. Auch die Schulbücher bekommt Wayne wie alle anderen Kinder von der Schule gestellt. Nach seinem Lehrplan muss er sie dann selber durcharbeiten. Dafür besucht er vormittags die Schule an dem Ort, wo seine Familie gerade Station macht. In diesem Jahr war er schon an mehr als 20 verschiedenen Schulen. Alle ein bis zwei Wochen bedeutet es nämlich für ihn: Sachen packen, sich an einem neuen Ort einleben und neue Menschen kennen lernen. "Es ist eigentlich ganz interessant, immer neue Menschen kennen zu lernen. Ein bisschen schade ist es aber natürlich trotzdem, wenn man gerade neue Freunde gefunden hat, wieder wegzufahren." Häufig kommt er aber dann im nächsten Jahr wieder zur gleichen Kirmes. In Warburg ist er seit fast zehn Jahren regelmäßig. Dann kommt er immer wieder in den gleichen Klassenverband an der Stützpunktschule. Nachmittags besucht Wayne mit sechs weiteren Schülern das Schulmobil der Bezirksregierung, das zwischen der Stadthalle und dem Gewerbezelt geparkt ist. Dieser Bus ist in diesem Jahr erstmals auf dem Gelände in Warburg. Das Wohnmobil mit sechs Tischen und Stühlen und vielen Lern- und Arbeitsmaterialien ist der Arbeitsplatz von Ulrich Voigt. Der gelernte Sonderschullehrer arbeitet seit 14 Jahren als Bereichslehrer im Kreis Höxter. "Da kommen einige Kilometer zusammen", sagt der Gütersloher. "Bis das fahrende Klassenzimmer im vergangenen Jahr eingeführt wurde, bin ich von Wohnwagen zu Wohnwagen gegangen und habe die Kinder einzeln unterrichtet. Das Schulmobil ist eine große Erleichterung." Voigt ist bei der Bezirksregierung Detmold auch für die Koordination der schulischen Förderung von Kindern beruflich Reisender zuständig. "Ich unterrichte von der ersten Klasse bis zur Oberstufe. Da muss ich mich häufig in neue Themen einarbeiten", sagt er. Seine jüngste Schülerin in Warburg ist Ashley. Die Sechsjährige wurde in diesem Sommer erst eingeschult und ist noch etwas ängstlich, daher wird sie häufig von ihrer Mutter Cinderella Gerste begleitet. Die älteste Schülerin ist Vivien Wendler, ihre Eltern betreiben auf der Warburger Oktoberwoche das Kettenkarussell. Die 14-Jährige besucht derzeit die neunte Klasse. Für ihren Schulabschluss wird sie im nächsten Sommer die Abschlussprüfungen an ihrer Stammschule schreiben. "Danach möchte ich eine Ausbildung machen. Irgendwas im Marketingbereich. Dann kom-me ich aber auf den Rummel zurück", sagt die Schülerin. Viele der Schaustellerkinder übernehmen später den Stand ihrer Eltern. Dafür machen sie Ausbildungen in einem Bereich, der bei dem Fahrgeschäft hilft. Zum Beispiel als Elektriker, Maler oder in der Veranstaltungsplanung. Auch Wayne möchte später mal den Musikexpress übernehmen. Das Fahrgeschäft führt er dann in der fünften Generation. Als Nächstes geht es für ihn aber nach Kiel zum Herbstmarkt. Dort kennt er seine Mitschüler schon, schließlich war er in diesem Jahr schon zwei Mal da.

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